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Bevölkerung Der große Demografie-Bluff

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Das Dilemma von Produktivität und Reproduktivität

Die familienfreundlichsten Unternehmen
Bergmann Klaus Wuestenberg beobachtet den Abraumbagger SRs1541 waehrend des offiziellen Starts zum Aufschluss des neuen Kohlefeldes Quelle: AP
Blick auf das Logo der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) Quelle: dpa
Das Logo des TÜV Nord Quelle: dpa
Carina Sarstedt von Caritas International in Freiburg richtet Spendendosen Quelle: AP
Das Logo der Postbank Quelle: dpa
Ein Mitarbeiter der Eckes-Granini Deutschland GmbH steht inmitten der neuen PET-Produktionsanlage und kontrolliert eine Kunststoffflasche. Quelle: dpa
Ein Kunde greift in einem REWE City-Markt in Koeln nach einem Einkaufswagen Quelle: dapd

Das wohl größte Hindernis für eine aktive Bevölkerungspolitik und wahrscheinlich der Hauptgrund für ihr Fehlen in der Strategie der Bundesregierung ist das Dilemma von Produktivität und Reproduktivität: Geburtenförderung verträgt sich nicht gut mit den Zielen kurzfristiger Wirtschaftspolitik. Wenn nämlich die Wirtschaft und die Einkommen wachsen, vergrößert das das entgangene Einkommen für Frauen, die zugunsten von Kindern zumindest zeitweilig nicht arbeiten. „Wirtschaftspolitik übt eine negative Nebenwirkung auf die Geburtenrate aus“, sagt Herwig Birg.

Aber auch der Umkehrschluss trifft zu. „Kinder sind sehr verführerisch“, so Hans Bertram, Soziologe und Berater von Familienministerin Schröder. Denn sie bringen ihre Mütter oder sogar Väter dazu, mehr Zeit mit ihnen statt mit der Steigerung des Bruttoinlandsprodukts zu verbringen. 

Welche Arbeitszeitmodelle deutsche Unternehmen Familien anbieten

Der von der Politik und Unternehmen propagierte Ausweg aus dem Dilemma ist erstens Einwanderung und zweitens die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Darauf zielen auch viele der in der Demografiestrategie zusammengefassten Maßnahmen: der Ausbau der Kinderbetreuung und „haushaltsnaher Dienstleistungen“, die Verbesserung der Bedingungen für ein längeres Arbeitsleben. Eine der neun Arbeitsgruppen, die auf dem Demografiegipfel der Bundesregierung im Oktober ins Leben gerufen wurden, hat sich gar die Schaffung einer „eigenständigen Familienzeitpolitik“ zum Ziel gesetzt, um die „Zeitsouveränität“ von Familien zu erhöhen. Aber Zeit ist eine knappe Ressource und Konflikte mit den wirtschaftspolitischen Zielen der Demografiestrategie - „Mobilisierung aller Potenziale zur Sicherung der Fachkräftebasis insbesondere auch weiblicher Fachkräfte“- sind da unvermeidlich. Arbeitswelt und Familienleben liegen im Dauerclinch um die Zeit jedes einzelnen Menschen.    

Abkehr vom "Vollzeitregime"

„Für alle reichen Länder, übrigens einschließlich Skandinaviens, gilt, dass Frauen oder Paare umso mehr Kinder haben, je mehr freie Zeit ihnen gewährt oder auch aufgedrängt wird“, sagt Wolfgang Streeck, Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Kein Zufall sei es, dass Teilzeitbeschäftigte im öffentlichen Dienst, Migrantinnen der ersten Generation und  Sozialhilfeempfängerinnen überdurchschnittlich viele Kinder haben – und Akademikerinnen mit guten Beschäftigungsaussichten besonders wenige.

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Streeck fordert daher die Abkehr vom „Vollzeitregime“. Oberstes Ziel einer kinderfreundlichen Politik müsse sein, diejenigen zu schützen, die sich für eine neue Aufteilung von Erwerbsarbeit und Familienleben entscheiden: durch verbindliche Verkürzung der Arbeitszeit, verbesserten Kündigungsschutz, erweiterte Rechte auf Wiedereinstellung und Weiterbildung, Flexibilisierung der Arbeitszeit nach Bedürfnissen des Arbeitnehmers, Beendigung jeglicher Diskriminierung bei Teilzeitarbeit, veränderte Karrierestrukturen und Beförderungswege.

Vermutlich würde eine ernsthafte, konsequent kinderfreundliche Bevölkerungspolitik kurz- und mittelfristig Produktivitätseinbußen für die deutsche Wirtschaft bedeuten. Aber langfristig dürfte auch für Arbeitgeber eine Altersstruktur nach dem Bild des Kebap-Spießes, wie sie die Demografiestrategie der Bundesregierung präsentiert, die schlechtere Aussicht bieten.

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