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Bevölkerung Der große Demografie-Bluff

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Deutschlands Bevölkerungsschwund

Wo es die beste Kinderbetreuung gibt
Frauen tragen am Donnerstag (09.02.2012) bei einer Demonstration vor dem Rathaus in Wiesbaden Schilder mit der Aufschrift "Familie und/oder Beruf" und "Frauen an den Herd? Quelle: dpa
Eine Passantin geht am Mittwoch (21.12.2011) mit einem Kinderwagen, an dem ein Regenschirm hängt, an der Alster in Hamburg spazieren. Quelle: dpa
Kinder einer Charlottenburger Kita besichtigen in Berlin den Plenarsaal des Deutschen Bundestages Quelle: dpa/dpaweb
Kinder der AWO-Kindertagesstätte «Käthe Kollwitz» Quelle: dpa
Eine Mutter geht mit ihrem Kinderwagen durch Soemmerda Quelle: dapd
Spaziergänger gehen vor Schloss Rheinsberg mit einem Kinderwagen am Grienericksee spazieren Quelle: dapd
Die einjährige Laureen spielt am Donnerstag (28.06.2012) am Strand von Warnemünde. Quelle: dpa

Die Bevölkerung Deutschlands hätte ohne Zuwanderung bereits abgenommen. In Zukunft wird sie selbst bei anhaltender Zuwanderung deutlich zurückgehen. Die Szenarien des Statistischen Bundesamtes rechnen bei wenig veränderten Geburtenraten für das Jahr 2050 mit nur noch 69 bis 74 Millionen Menschen in Deutschland. Die Zahl der Erwerbsfähigen zwischen 20 und 65 Jahren, derzeit rund 50 Millionen Menschen, dürfte dann auf 36 bis 39 Millionen Menschen sinken.

Diese Katastrophe mit Ansage zu verhindern oder wenigstens zu mildern, wäre ein stolzes politisches Ziel, das wahrlich eine Strategie der Bundesregierung verdient hätte. 

Das, was die Bundesregierung präsentiert, hat allerdings mit einer Strategie nicht viel zu tun. Der Text liest sich eher wie eine vertrauensbildende Maßnahme, die mit einlullender Wohlfühlrhetorik weismachen will, dass die demografische Katastrophe gar nicht so schlimm sei – wenn man sie nur vernünftig manage. Von Problemen und Konflikten ist da wenig, doch von angeblichen Chancen umso mehr zu lesen. Ein fröhlicher Ich-liebe-euch-doch-alle-Ton zieht sich durch das gesamte Dokument: "Für die allermeisten Menschen geht es um gewonnene Jahre für ein erfülltes Leben. Es kommt darauf an, sie auch als solche zu erkennen und zu nutzen", heißt es auf der ersten Seite. "So rückt noch mehr in den Mittelpunkt, was ohnehin im Zentrum jeder Politik stehen sollte: die Fähigkeiten und Talente jedes Einzelnen, unabhängig von Herkunft und sozialem Hintergrund."

Die jüngsten Länder der Welt
Familie mit Kind Quelle: dpa
Kinder spielen mit Wasser Quelle: dpa
Junge aus Vanuatu Quelle: Graham Crumb
Kinder in Brasilien Quelle: dpa
Kinder in Japan Quelle: AP
Aus Mali geflüchtete Kinder Quelle: dpa
Kinder in Angola Quelle: Paulo César Santos

Die Demografiestrategie ist ein Paradebeispiel für den neo-paternalistischen Politikstil der Gegenwart. Wir kümmern uns um euch alle, das ist die Botschaft. Immer wieder ist von "jedem einzelnen" die Rede, dem man "Chancen eröffnen" oder zu einem "erfüllten Leben" verhelfen wolle. Gemeint sind hiermit vor allem künftige und gegenwärtige Senioren, für die ein unüberschaubares Sammelsurium an Maßnahmen präsentiert wird. Nicht zuletzt ein geriatrisches Forschungsprogramm mit dem vielsagenden Titel "Alter hat Zukunft".

Ursache des Problems wird ignoriert

Kinder, deren Fehlen die Ursache des ganzen Problems ist, kommen in dem Dokument kaum vor. Im zusammenfassenden Eingangskapitel nur ein einziges Mal. Die Ziele, die die Bundesregierung sich setzt, lauten: „Familie als Gemeinschaft stärken“, „Motiviert, qualifiziert und gesund arbeiten“, „Selbstbestimmtes Leben im Alter“, „Lebensqualität in ländlichen Räumen und integrative Stadtpolitik fördern“, „Grundlagen für nachhaltiges Wachstum und Wohlstand sichern“ und „Handlungsfähigkeit des Staates erhalten“. Selbst im Rahmen des ersten Zieles steht das Ziel „Entscheidung für Kinder unterstützen und fördern“ nur an dritter Stelle, hinter „Wahlfreiheit für Eltern“ und „Faire Chancen für Frauen und Männer in Familie und Beruf fördern“.

Der Kern der demografischen Frage ist in der Demografiestrategie der Bundesregierung eine Nebensächlichkeit. Es geht auf über 50 Seiten um alles mögliche – „mobile Verwaltungsangebote“, „seniorengerechten Nahverkehr“ und das "Engagementpotenzial aller Generationen" - aber nur ganz am Rande um die entscheidende Tatsache, nämlich dass die Menschen zu wenige Kinder kriegen.

„Die wirklichen Gründe des Problems geht man überhaupt nicht an“, sagt Herwig Birg. „Die Politik weiß seit über 30 Jahren, was auf unser Land zukommt, aber sie war und ist nicht bereit, etwas gegen die hohe Kinderlosigkeit zu unternehmen.“

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