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Bevölkerung Werbeschlacht um junge Familien

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Je mehr Gemeinden solche Programme auflegen, desto geringer wird der Effekt – insbesondere wenn Kommunen in einer Region den direkten Preiskampf aufnehmen. So legte zum Beispiel die Stadtverwaltung von Holdorf in Niedersachsen 2007 ein Förderprogramm auf, bei dem Familien eine Ermäßigung von 3000 Euro auf den Grundstückspreis erhalten, für jedes Kind gibt es weitere 3000 Euro Prämie dazu. Wenig später öffneten die umliegenden Gemeinden Rehden, und Voltlage ihrerseits Fördertöpfe für bauwillige Familien. So werden die Kinder für die Gemeinden im nördlichen Münsterland zwar immer teurer, aber nicht zahlreicher.

Je dramatischer sich die Einwohnerzahl entwickelt, desto weniger zählen rationale Argumente wie die kommunale Finanzlage oder die langfristigen Folgen der Fördermaßnahmen. Selbst dort, wo die Bauförderung ein regionales Alleinstellungsmerkmal ist, entfaltet sie kaum positive Effekte, wie eine Studie des sächsischen Landwirtschaftsministeriums belegt. Die Forscher befragten Familien, die in ländliche Regionen gezogen waren, nach den Beweggründen für ihre Ortswahl. Nur in zehn Prozent der Fälle spielten wirtschaftliche Erwägungen eine Rolle. Experten warnen Familien insbesondere in ländlichen Regionen ohnehin davor, das Eigenheim als Geldanlage zu verstehen. Viele Immobilien aus den Sechziger- und Siebzigerjahren sind heute nahezu unverkäuflich. Die Menschen ziehen eher dahin, wo die Landschaft schön ist oder das kulturelle oder sportliche Angebot ein abwechslungsreiches Leben verspricht.

Der Stadt ein neues Kleid schneidern

Der Rat der Forscher an die Stadtväter lautete daher eindeutig: besser den historischen Ortskern sanieren und den lokalen Jugendklub unterstützen, als das nächste Waldstück für billigen Baugrund opfern. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Studie der OECD, in der Forscher anhand des Steuerwettbewerbs zwischen Schweizer Kantonen untersuchten, ob finanzielle Anreize zu Wanderungsbewegungen führen können. Ihr Ergebnis: Der sogenannte „Michael-Schumacher-Effekt“, also die Wahl des Wohnorts nach steueroptimierenden Kriterien, bildet die absolute Ausnahme, eine relevante Wirkung monetärer Anreize lässt sich nicht ausmachen.

Auch der Bürgermeister von Schwedt, Jürgen Polzehl, hält nichts von Bauförderung: „Wir müssen uns darauf konzentrieren, der Stadt ein neues Kleid zu schneidern.“ Lieber gezielt abreißen und die Infrastruktur frühzeitig an die demografische Entwicklung anpassen, als später in einer Geisterstadt wohnen – ein Ansatz, der von Wissenschaftlern gestützt wird. „Abwanderung hat einen Multiplikator-Effekt“, beschreibt das Gregor Jekel vom Deutschen Institut für Urbanistik. Wenn Teile der Bevölkerung eine Stadt verlassen, dann wird die Stadt allein dadurch unattraktiver. Das bewegt dann wiederum auch andere dazu, ihren Wohnsitz zu wechseln.

Zuzug von älteren Menschen kann Chance sein

Jekel empfiehlt eine andere, der ökonomischen Theorie wohlbekannte Strategie: Substitution. „Der Zuzug von älteren Menschen kann für viele Städte eine Chance sein.“ Denn bevor die zehn Millionen Demografieopfer sterben, werden sie erst mal altern und können währenddessen die kommunalen Finanzen aufpäppeln und das kleinstädtische Kulturleben in Gang halten. Mit ihrem Konsum können sie auch dem Einzelhandel neuen Schwung bringen, und nicht zuletzt werden sie durch das Alterseinkünftegesetz auch als Steuerquelle interessanter. Seit 2005 sind 50 Prozent der Rentenbezüge steuerpflichtig, ab 2050 werden die Einkünfte von Rentnern sogar voll besteuert.

Bei der Beurteilung der Zukunftsfähigkeit einer Kommune gilt somit das umgekehrte Prinzip wie bei Energieträgern: besser auf die Fossile unter den Steuerzahlern setzen, solange die nachwachsenden Einnahmequellen weniger werden.

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