WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen
Benachrichtigung aktivieren
Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Themen der WirtschaftsWoche informieren? Sie erhalten 1 bis 3 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft
Erlauben Sie www.wiwo.de, Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert
Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Themen der WirtschaftsWoche auf dem Laufenden. Sie erhalten 1 bis 3 Meldungen pro Tag.
Wiwo Web Push

Bevölkerung Werbeschlacht um junge Familien

Aus Angst vor dem drohenden Einwohnerverlust liefern sich Städte und Gemeinden eine teure Werbeschlacht um junge und bauwillige Familien.

Junge Familien: Städte und Quelle: dpa/dpaweb

Es sind die klassischen Gesetze der Marktwirtschaft, um die es hier geht. Nur das Gut, auf das sie angewendet werden, ist ungewöhnlich. Denn es geht um Kinder. Die Anbieter: ihre Eltern. Die Nachfrager: deutsche Kommunen. Die brauchen die Einkommensteuerzahler der Zukunft dringend, denn ohne sie müssen sie irgendwann Gemeindezentren schließen, ihre Einzelhändler gehen pleite. Doch die Zahl der Geburten – und damit das Angebot an Kindern – sinkt. Bei konstanter Nachfrage steigt also der Preis.

Momentan liegt er für eine Kleinfamilie in der Spitze bei 16.500 Euro. So viel zahlt die Stadt Mannheim an Familien mit einem Kind, die ein Eigenheim errichten wollen. Für jedes weitere Kind gibt es 1500 Euro dazu. „So wollen wir die Abwanderung ins Umland stoppen“, sagt Michael Rausch-Jungmann vom städtischen Wohnungsbauamt. Zunächst versuchte man, junge Familien mit zinslosen Darlehen zu ködern, 2008 ist man auf Bargeld umgestiegen – der Eigenkapitalanteil von 15 Prozent war für die meisten Familien nicht zu stemmen.

Einwohnerzahlen werden deutlich sinken

Mehr als 300 deutsche Kommunen versuchen, junge Familien mit Förderprogrammen zu locken. Darunter befinden sich Großstädte wie Hamburg, Hannover, Stuttgart, Düsseldorf oder Dortmund. Die einen verbilligen die Grundstückspreise um bis zu 50 Prozent, anderswo gibt es Pauschalprämien, bis zu 6000 Euro pro Kind. Innerhalb von zwei Jahren hat sich die Anzahl der Städte, die Familien beim Hausbau unterstützen, mehr als verdoppelt. Dabei sind die Erfolgsaussichten solcher Maßnahmen umstritten, doch seit dem Wegfall der staatlichen Eigenheimzulage scheint sich eine Lücke aufgetan zu haben, von deren Schließung sich die Gemeinden neue Einwohner erhoffen.

Denn so viel ist klar: Die Einwohnerzahlen werden in den kommenden Jahren deutlich sinken, statt 82 Millionen werden 2050 in Deutschland nach Schätzungen des Statistischen Bundesamtes nur noch zwischen 69 und 74 Millionen Menschen leben. Anfang August bestätigte Eurostat, das Statistikamt der Europäischen Union: Deutschland ist Schlusslicht im Kinderkriegen. Damit sinkt auch die Zahl der Steuerpflichtigen. Das steigende Bildungsniveau, die sozialen Sicherungssysteme, die zunehmende Beschäftigung von Frauen – für Soziologen gibt es viele weitere Gründe, die ein Schrumpfen der Bevölkerung vorerst unumkehrbar erscheinen lassen.

Schwedt schwindet um die Hälfte

In Schwedt können sich Deutschlands Bürgermeister schon mal anschauen, was es bedeutet, wenn die Einwohner immer weniger werden. In der Industriestadt an der Oder lebten 1990 fast 50.000 Menschen, heute sind es 37.000, in 20 Jahren wird Schwedt nur noch 25.000 Einwohner haben. Schulen und Kindertagesstätten wurden bereits geschlossen, jetzt bangen die Bewohner um ihr Theater und die Stadtbücherei. Die Plattenbauten rund um den dörflichen Stadtkern könnten schon in wenigen Jahrzehnten wie eine überdimensionierte Stadtmauer wirken: ein menschenleerer Betonring, in dessen Mitte sich die letzten Bewohner verschanzen. Auf die Frage, was man tun könne, um dieses Szenario abzuwenden, haben sie in Schwedt nur eine Antwort: abreißen. 5000 Wohnungen sind seit 1999 bereits gefallen, 1000 weitere sollen in den nächsten Jahren folgen.

Mit dieser Perspektive wollen sich viele Gemeinden nicht abfinden. Im saarländischen Städtchen Kirkel, wo die durchschnittliche Geburtenzahl von mehr als 120 zu Beginn der Neunzigerjahre auf inzwischen nur noch gut 60 gesunken ist, erhalten junge Familien geradezu eine Rundumbetreuung. Neben finanziellen Zuschüssen zum Hausbau versorgt die Gemeinde junge Familien mit kostenlosen Windelsäcken und einem Erziehungsgutschein: Im Gegenwert von 50 Euro können die Eltern an Beratungskursen zur Kindererziehung teilnehmen, ein Besuch der örtlichen Sozialpädagogin ist ebenfalls inklusive. Allein die Bauprämien lässt sich die Gemeinde im laufenden Jahr fast 100 000 Euro kosten, dabei beträgt das kommunale Defizit ohnehin gut zwei Millionen Euro.

Je mehr Gemeinden solche Programme auflegen, desto geringer wird der Effekt – insbesondere wenn Kommunen in einer Region den direkten Preiskampf aufnehmen. So legte zum Beispiel die Stadtverwaltung von Holdorf in Niedersachsen 2007 ein Förderprogramm auf, bei dem Familien eine Ermäßigung von 3000 Euro auf den Grundstückspreis erhalten, für jedes Kind gibt es weitere 3000 Euro Prämie dazu. Wenig später öffneten die umliegenden Gemeinden Rehden, und Voltlage ihrerseits Fördertöpfe für bauwillige Familien. So werden die Kinder für die Gemeinden im nördlichen Münsterland zwar immer teurer, aber nicht zahlreicher.

Je dramatischer sich die Einwohnerzahl entwickelt, desto weniger zählen rationale Argumente wie die kommunale Finanzlage oder die langfristigen Folgen der Fördermaßnahmen. Selbst dort, wo die Bauförderung ein regionales Alleinstellungsmerkmal ist, entfaltet sie kaum positive Effekte, wie eine Studie des sächsischen Landwirtschaftsministeriums belegt. Die Forscher befragten Familien, die in ländliche Regionen gezogen waren, nach den Beweggründen für ihre Ortswahl. Nur in zehn Prozent der Fälle spielten wirtschaftliche Erwägungen eine Rolle. Experten warnen Familien insbesondere in ländlichen Regionen ohnehin davor, das Eigenheim als Geldanlage zu verstehen. Viele Immobilien aus den Sechziger- und Siebzigerjahren sind heute nahezu unverkäuflich. Die Menschen ziehen eher dahin, wo die Landschaft schön ist oder das kulturelle oder sportliche Angebot ein abwechslungsreiches Leben verspricht.

Der Stadt ein neues Kleid schneidern

Der Rat der Forscher an die Stadtväter lautete daher eindeutig: besser den historischen Ortskern sanieren und den lokalen Jugendklub unterstützen, als das nächste Waldstück für billigen Baugrund opfern. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Studie der OECD, in der Forscher anhand des Steuerwettbewerbs zwischen Schweizer Kantonen untersuchten, ob finanzielle Anreize zu Wanderungsbewegungen führen können. Ihr Ergebnis: Der sogenannte „Michael-Schumacher-Effekt“, also die Wahl des Wohnorts nach steueroptimierenden Kriterien, bildet die absolute Ausnahme, eine relevante Wirkung monetärer Anreize lässt sich nicht ausmachen.

Auch der Bürgermeister von Schwedt, Jürgen Polzehl, hält nichts von Bauförderung: „Wir müssen uns darauf konzentrieren, der Stadt ein neues Kleid zu schneidern.“ Lieber gezielt abreißen und die Infrastruktur frühzeitig an die demografische Entwicklung anpassen, als später in einer Geisterstadt wohnen – ein Ansatz, der von Wissenschaftlern gestützt wird. „Abwanderung hat einen Multiplikator-Effekt“, beschreibt das Gregor Jekel vom Deutschen Institut für Urbanistik. Wenn Teile der Bevölkerung eine Stadt verlassen, dann wird die Stadt allein dadurch unattraktiver. Das bewegt dann wiederum auch andere dazu, ihren Wohnsitz zu wechseln.

Zuzug von älteren Menschen kann Chance sein

Jekel empfiehlt eine andere, der ökonomischen Theorie wohlbekannte Strategie: Substitution. „Der Zuzug von älteren Menschen kann für viele Städte eine Chance sein.“ Denn bevor die zehn Millionen Demografieopfer sterben, werden sie erst mal altern und können währenddessen die kommunalen Finanzen aufpäppeln und das kleinstädtische Kulturleben in Gang halten. Mit ihrem Konsum können sie auch dem Einzelhandel neuen Schwung bringen, und nicht zuletzt werden sie durch das Alterseinkünftegesetz auch als Steuerquelle interessanter. Seit 2005 sind 50 Prozent der Rentenbezüge steuerpflichtig, ab 2050 werden die Einkünfte von Rentnern sogar voll besteuert.

Bei der Beurteilung der Zukunftsfähigkeit einer Kommune gilt somit das umgekehrte Prinzip wie bei Energieträgern: besser auf die Fossile unter den Steuerzahlern setzen, solange die nachwachsenden Einnahmequellen weniger werden.

Diesen Artikel teilen:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%