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Bildung Von wegen Bildungsrepublik!

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Ganztagsschule: Rette sich wer kann

Zwei Kinder an ihrem ersten Schultag Quelle: dpa

Die Fridtjof-Nansen-Grundschule liegt in Vahrenheide, im Norden Hannovers. Drei- bis sechsgeschossige Wohnblocks bestimmen das Bild, die wie ein großer Satz Bauklötze in der Landschaft verteilt sind. Eine Gegend, die schon auf den ersten Blick die Zuschreibung Problemviertel aufdrängt. Der Ausländeranteil an der Schule liegt bei mehr als 70 Prozent, über die Hälfte der Kinder hier hat arbeitslose Eltern. "Viele Schüler kommen zu uns mit sprachlichen Defiziten und Verhaltensproblemen", sagt Direktor Städtler. Schon vor einigen Jahren war er deshalb überzeugt, dass die Umwandlung in eine Ganztagsschule ein großer Fortschritt sein könnte. "Nur so kann man Schüler individueller fördern."

Offener Ganztag statt pädagogischer Förderung

Also schrieb er Anträge. Mit fünf weiteren Lehrkräften und einem Sozialpädagogen, so lautete sein Plan, ließen sich alle 350 Schüler den ganzen Tag betreuen. Erst mal sah es sogar gut aus. Städtische Mittel flossen für den Bau einer Schulkantine mit eigener Küche, schließlich sollten die Kinder selbst schnibbeln und kochen lernen. Doch die festen Lehrerstellen wollte ihm das Land nicht geben. Schließlich sollten möglichst viele Ganztagsschulen entstehen, nicht einige besonders gute.

Deshalb kam die Ansage aus dem Ministerium: Der offene Ganztag wird gefördert, die von Städtler geplante verpflichtende Ganztagsschule nicht. So halten es die meisten Länder. Von den fast 15 000 Ganztagsschulen, die in den letzten Jahren entstanden sind, sind über 12 000 vom offenen Typ.

Was nach semantischem Detail klingt, bedeutet einen grundlegenden Unterschied: "Statt um pädagogische Förderung geht es beim offenen Ganztag um Aufbewahrung", ist Städtlers Urteil. So ändert sich der Unterricht am Vormittag gar nicht. Auch für die Lehrer bleibt alles gleich. Sie ziehen ihren Stoff durch, was danach passiert, geschieht ohne sie. Ab Mittag übernehmen Honorarkräfte von freien Trägern die Betreuung. Ein Caterer versorgt die Kinder mit Essen, es folgen die Hausaufgabenbetreuung von Externen und schließlich Musikschule oder Sportvereine.

Lernen in seiner ineffizientesten Form

Pädagogisch ist dieser Mischmasch verheerend. Die Gruppen verändern sich ständig, auch die Ansprechpartner für die Kinder wechseln stündlich. Zudem sind weder die Inhalte aus Schule und Nachmittagsbetreuung aufeinander abgestimmt, noch wird die Chance genutzt, den ganzen Tag abwechselnd in Lernen und freie Beschäftigung einzuteilen. Aus Sicht von Fachleuten bedeutet dies Lernen in seiner ineffizientesten Form.

Die Schulen selbst bekommen keine Mittel, um den Nachmittagsunterricht zu organisieren. Sie erhalten lediglich eine Halbtagskraft, die das Betreuungsangebot koordiniert. Was in den einzelnen Einheiten jedoch passiert, weiß nur der Träger. Mal werden so Hausfrauen im Nebenjob zu Hausaufgabenbetreuern, mal Fußballtrainer zu Sozialarbeitern.

Vermarktet als "Ganztagsschule" entsteht bei den Eltern der trügerische Eindruck, auch am Nachmittag sei die meist angesehene Schule fürs Programm verantwortlich. "Dabei stellen wir letztlich nur die Räume", sagt Direktor Städtler. Er hat deshalb alle Eltern, die selbst Kapazitäten haben, ausdrücklich davor gewarnt, ihr Kind in die Nachmittagsbetreuung zu schicken.

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