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Bildung Trotz Fleiß kein Preis

Nebenwirkung einer überstürzten Reform: Die Konkurrenz unter deutschen Schulabgängern wird sich in den nächsten Jahren dramatisch verschärfen.

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Deutschlands Schulpolitiker haben die Verkürzung der Schulzeit an Gymnasien von neun auf acht Jahre verkauft wie eine wirksame Spritze: Zuerst piekst es ein wenig – aber dafür wird danach alles besser. Sie sagten: Am Anfang wird es ein paar Probleme mit den Lehrplänen geben – dafür aber sind am Ende die deutschen Schüler auf dem internationalen Arbeitsmarkt endlich konkurrenzfähig. Doch für den Doppeljahrgang, in dem Schüler der alten und der neuen Ordnung gleichzeitig ihr Abitur machen, werden die Schmerzen wohl deutlich größer sein als der Nutzen.

Nicht nur an den Hochschulen, auch beim Wettbewerb um Ausbildungsplätze wird sich die Konkurrenz unter den Absolventen mit einem Mal verdoppeln. Die Zahlen sprechen für sich: In Hamburg wird es 2010 statt 7500 gut 12.000 Abiturienten geben, in Bayern 2011 statt 56.000 rund 90.000 und in Nordrhein-Westfalen 2013 sogar 180.000 statt zuletzt 120.000. Insgesamt werden diese Doppeljahrgänge den deutschen Ausbildungsmarkt über fünf Jahre hinweg in eine im besten Fall herausfordernde, im schlimmsten Fall chaotische Lage versetzen. Nachdem mit Mecklenburg-Vorpommern, dem Saarland und Sachsen-Anhalt drei kleine Bundesländer den Anfang machten, verlassen zwischen 2010 und 2013 insgesamt acht Doppeljahrgänge, darunter auch die der fünf bevölkerungsreichsten Bundesländer, die Schulen. Die Situation wird noch dadurch verschärft, dass dies zugleich die letzten fetten Absolventenjahrgänge sein werden, bevor sich der demografische Abwärtstrend bemerkbar machen wird. „Der Anreiz für Universitäten, dauerhaft ihre Kapazitäten zu erhöhen, ist daher sehr gering“, beschreibt Thimo von Stuckrad vom Zentrum für Hochschulentwicklung (CHE) die Auswirkungen der kurzzeitigen Abiturientenflut auf die Hochschulen. Auf dem Ausbildungsmarkt werden vor allem Real- und Hauptschüler betroffen sein – ihre Chancen, einen der auch unter Gymnasiasten beliebten Ausbildungsplätze bei Banken, Versicherungen oder im öffentlichen Dienst zu ergattern, sinken durch die doppelte Konkurrenz auf ein Minimum. Viele Abiturienten werden – weil sie mit schlechteren Chancen an den Universitäten rechnen müssen – mit Erfolg in Ausbildungsgänge drängen, die sonst vor allem von Realschulabgängern frequentiert werden. „In einigen Branchen werden Abiturienten klar bevorzugt“, bestätigt die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände. Außerdem studieren sie mit großer Wahrscheinlichkeit später — und kehren dann hochqualifiziert und mit Berufserfahrung ins Unternehmen zurück.

Arne Fillies ist einer aus dieser Generation. Der 16-Jährige aus Meppen im Emsland engagiert sich als Schülersprecher, neben der Schule betreibt er einen kleinen Veranstaltungsservice. Und doch: „In vielen interessanten Studiengängen hätte ich bei der Konkurrenz keine Chance“, sagt Fillies. Für begehrte Fächer wie Psychologie würde er in normalen Jahren wohl den Numerus clausus schaffen — doch Normalität ist das Letzte, was er erwartet, wenn es auch für ihn ernst werden könnte mit der Wahl eines Studienplatzes.

Sparen bei der Qualität

Auch unter Landespolitikern hat sich inzwischen herumgesprochen, dass der Übergang zur neuen Schulform nicht reibungslos vonstatten gehen wird. So verspricht der bayrische Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) bis 2011 38.000 neue Studienplätze, 500 Millionen Euro sollen investiert werden. Auch in Baden-Württemberg entstehen laut Ministerium 16.000 neue Studienplätze. Andere Bundesländer haben ähnlich hohe Zielmarken formuliert, ob sie damit die Bedürfnisse der Schüler treffen, ist jedoch fraglich. Denn die Aufstockung der Studienplätze ist oft nicht an die Nachfrage gekoppelt, sondern an politische Ziele. So sollen in Bayern vor allem Studienplätze in arbeitsmarktrelevanten Bereichen entstehen, worunter die Staatsregierung Ingenieursstudiengänge, Naturwissenschaften und Betriebswirtschaftslehre versteht.

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    Zudem ist es wahrscheinlich, dass sich im Zuge der Schnellaufstockung die Studienbedingungen für die Reformgeneration verschlechtern. Die Hochschulforscher vom CHE monieren schon lange, dass die von den Ländern angesetzten Pauschalen von 4400 Euro für die Schaffung eines neues Studienplatzes deutlich zu niedrig seien. Die Vermutung liegt nahe, dass die Länder versuchen werden, günstig Kapazitäten zu schaffen und dass die Qualität dabei auf der Strecke bleibt. So erteilt die Kultusministerkonferenz den Universitäten den Ratschlag, dem Studentenansturm durch eine „kurzfristige Aufstockung der Lehrdeputate“ und den „Rückgriff auf personelle Ressourcen aus dem Schulbereich“ zu begegnen. Statt den Neubau von Universitätsgebäuden anzustreben, wollen die Minister lieber kurzzeitig Räume anmieten – durchwursteln statt investieren lautet das Motto.

    In Bayern will man den Sturm auf die Universitäten durch einen simplen Trick abbremsen: So sollen die Abiturienten des letzten G9-Jahrgangs ihre Prüfungen im März ablegen, sodass sie sich schon im Sommer an den Universitäten bewerben könnten. Im Zuge der Bologna-Reform wurden viele Studiengänge jedoch gerade erst so umgestellt, dass sie erst im Wintersemester beginnen. Die so entstehende Lücke will Wissenschaftsminister Heubisch nun „mit Einführungsseminaren und EDV-Kursen überbrücken“ – wie sich mit Bibliotheksführungen und Word-Schulungen jedoch ein halbes Jahr füllen lässt, wird vorerst sein Geheimnis bleiben.

    Flucht statt Frust

    Auch bei der Betreuung des Doppeljahrgangs in den Schulen nehmen die Bundesländer bewusst Abstriche in Kauf, um den erhöhten Prüfungsanforderungen gerecht zu werden. Beispiel Niedersachsen: Um das doppelte Abitur durchzuführen, werden für ein Jahr die Unterrichtsinspektionen ausgesetzt, zudem werden die Prüfungsausschüsse für die einzelnen Fächer von drei auf zwei Mitglieder verringert.

    Kein Wunder, dass die Abiturienten bei diesen Aussichten lieber die Flucht ergreifen. Schülersprecher Fillies plant nach dem Abitur ein freiwilliges Jahr, andere wollen ins Ausland. „Die Quote der Absolventen, die erst mal eine Auszeit nehmen, ist in diesem Jahr so hoch wie nie zuvor“, sagt Bernd Oplanski, der in den saarländischen Arbeitsagenturen die Berufsberatung koordiniert. Dort hat der Doppeljahrgang in diesem Sommer die Schulen verlassen – ohne dass die umliegenden Universitäten erhöhte Bewerberzahlen feststellten. Viele der Schüler fühlen sich nach acht Jahren Gymnasium so erschöpft wie andere nach 30 Jahren Arbeit, manche sehen sich noch gar nicht in der Lage, ein Studium zu beginnen. „Das ist doch was für Erwachsene“, zitiert Oplanski aus einem Beratungsgespräch und resümiert: „Die Schüler haben zwar das Wissen der vorherigen Jahrgänge, für die Persönlichkeitsentwicklung ist jedoch keine Zeit geblieben.“

    Zumindest in der Statistik könnte das Fiasko des Doppeljahrgangs durch das Abwarten und Abwandern der Absolventen also noch abgewendet werden. Bildungspolitiker sollten das aber nicht mit einem Erfolg der Umstellung verwechseln. Die Schüler passen sich nur den schlechten Umständen an – was die Umstände nicht besser macht.

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