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Bildung Von wegen Bildungsrepublik!

Egal, ob Kita-Ausbau, Boom bei Ganztagsschulen oder Exzellenzuniversitäten: Blendende Rhetorik und hübsche Statistiken übertünchen die Wirklichkeit – die Qualität wird geschleift.

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Englischunterricht in einer zehnten Klasse Quelle: dpa

Vom 3. September an wird Lehrer Hermann Städtler pädagogische Fehler am laufenden Band begehen. Jeden Tag drei Stunden lang soll er seine Schüler einer Prozedur unterziehen, von der er selbst sagt: "Ich würde meinen eigenen Kinder das nicht antun." Anfang September startet in Niedersachsen das neue Schuljahr, und an der hannoverschen Grundschule "Fridtjof Nansen" heißt das: Aus der Halb- wird eine Ganztagsschule.

Direktor Städtler übernimmt dabei die Rolle eines Feuerwehrmanns, der absichtlich zündelt, um nachher auf mangelnden Brandschutz hinweisen zu können. Grundsätzlich ist Städtler ein Anhänger der Ganztagsschule. Doch das, was in Niedersachsen und anderen Bundesländern gerade als "offener Ganztag" flächendeckend eingeführt wird, "hat diesen Namen nicht verdient", findet er. Städtler hat sich trotzdem darum bemüht, das Modell an seiner Schule zu starten. Die Fehler, so sein Kalkül, würden dann schnell offensichtlich.

Geld sorgt nicht für klügeren Nachwuchs

Städtlers kalkulierte Zündelei ist eine unübliche Form der Schulentwicklung, doch sie steht für einen bedrohlichen Wandel, der gerade von den Kindergärten bis zu den Hochschulen fast alle Bildungsstätten erfasst: Deren gewaltige Expansion frisst die eigenen Kinder.

Auf den ersten Blick hat sich in den vergangenen Jahren in Deutschland Großes getan. Die Zahl der Kita-Plätze wuchs von rund 300 000 auf mehr als 700 000, die der Ganztagsschulen explodierte von nahe null auf fast 15 000. Und 2,4 Millionen Studenten verzeichnete Deutschland 2012 – Rekord. Nie, so könnte man meinen, war es um Wissen und Chancen in diesem Land so gut bestellt. Zugleich aber stagnieren die öffentlichen Bildungsausgaben bei rund vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Kann das sein?

Sein schon, aber dauerhaft funktionieren kann es nicht. Denn die Diskrepanz der Daten macht eines sehr deutlich: Das Geld, das gegenwärtig in den Ausbau des Bildungssystems fließt, sorgt nicht automatisch für klügeren Nachwuchs. So beeindruckend der Aufschwung ist, er sieht nur deshalb so gut aus, weil er sich auf Zählbares beschränkt. Aber alles, was sich nicht in Datenkolonnen erfassen lässt, bleibt im Dunkeln. Dabei leidet die Qualität massiv unter der Quantität, wie der Blick auf drei Vorzeigeprojekte der vermeintlichen Bildungsrepublik Deutschland zeigt.

Ganz kleines Geld für die Kita

Wo die Schulen am besten sind
Schülerinnen schreiben am 28.02.2012 in einem Gymnasium in Frankfurt am Main ein Diktat Quelle: dpa
Schülerinnen und Schüler der Klassen drei und vier der Grundschule Langenfeld Quelle: dpa
SaarlandStärken: Im Saarland machen 51,9 Prozent das Abitur. Das ist über Bundesdurchschnitt und befördert das Land damit in die Spitzengruppe im Ländervergleich. Auch in puncto Integration ist das Saarland weit vorne: Nur 4,3 Prozent aller Schüler sind vom Regelschulsystem ausgeschlossen und werden in speziellen Förderschulen unterrichtet. Schwächen: Wirkliche Schwächen haben die Schulen beziehungsweise das Bildungssystem im Saarland laut dem Chancenspiegel nicht. In den einzelnen Bereichen der Kategorien Durchlässigkeit und Kompetenzförderung bewegt sich das Bundesland immer im Mittelfeld. So hat ein Kind auf einer sozial starken Familie eine dreimal höhere Chance, aufs Gymnasium zu gehen als ein Kind aus einer schwächer gestellten Familie. Das ist unschön, aber immer noch überdurchschnittlich gut. 15,9 Prozent aller Schüler in der Primar- und Sekundarstufe 1 besuchen eine Ganztagsschule (Bundesdurchschnitt: 26,9 Prozent). Ländervergleich: Untere Gruppe. Auch das Verhältnis 1:3,3 beim Wachsel der Schulform (pro Schüler, der von der Real- oder Hauptschule "aufsteigt", wechseln 3,3 Schüler vom Gymnasium auf die Realschule beziehungsweise von Real- zu Hauptschule) liegt noch unterhalb des Bundesdurchschnitts von 1:4,3. Auch im Lesen sind saarländische Schüler aud den vierten und neunten Klassen mittelmäßig. huGO-BildID: 25450255 ARCHIV - Schüler und Schülerinnen schreiben am 28.02.2012 in einem Gymnasium in Frankfurt am Main ein Diktat. Zu den Ergebnissen der Koalitionsrunde vom Wochenende gehört das Ziel, noch in dieser Wahlperiode eine Grundgesetzänderung zu erreichen, die das Kooperationsverbot von Bund und Ländern in der Bildungspolitik aufhebt. Foto: Frank Rumpenhorst dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ Quelle: dpa
Eine behinderte Schülerin sitzt am 01.11.2011 im Gebäude einer Integrierten Gesamtschule Quelle: dpa
Constanze Angermann steht vor dem Finale des Schreibkampfes "Frankfurt schreibt! - Der große Diktatwettbewerb" vor einer Tafel Quelle: dpa
 Ein Schulkind bearbeitet Schulaufgaben Quelle: dpa
Malstunde in der deutsch-chinesischen Kita im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg Quelle: dpa

Ute Günzels Leben wurde politisch, als sie von Berlin nach Potsdam zog. Schon vorher war sie Erzieherin, doch bis dahin bedeutete das, jeden Tag möglichst viele der Hoffnungen zu erfüllen, die sie jeden Morgen aus Dutzenden Kinderaugen anschauten. In Potsdam wurde sie Leiterin einer Kita mit rund 100 Plätzen. Zeit für die Kinderaugen hatte sie plötzlich kaum noch. "Schon vorher war die Arbeit oft anstrengend, aber jetzt stoße ich an meine Grenzen", sagt Günzel.

Es ist diese Fülle von Veränderungen, mit denen die Bundesländer die Quadratur des Kreises versuchen: Die Zahl der Kita-Plätze muss steigen, ohne dass sich Kosten oder Betreuungsschlüssel, also die Anzahl der Kinder pro Betreuer, wesentlich ändern.

So standen Ute Günzel in der alten Kita zehn Stunden pro Woche für Vor- und Nachbereitung der Betreuung zur Verfügung, schon das war wenig. Nun sollten es auf einmal nur noch acht Stunden sein. Noch heftiger schlug eine neue Berechnung der Arbeitszeit ins Kontor. Pro Kind und Tag wurden hier sechs Stunden Arbeitszeit berechnet, geöffnet ist die Kita aber 14 Stunden. Das war der Moment, in dem Günzel sich entschloss, eine Interessenvertretung von Kita-Mitarbeitern zu gründen.

Bildung beginnt schon in der Kita

Aus Sicht des Jugendforschers Thomas Rauschenbach, Präsident des deutschen Jugendinstituts, liegt der eigentliche Skandal nicht allein in den Arbeitsbedingungen, sondern darin, dass Ansprüche und Wertschätzung gehörig auseinanderklaffen. "Es ist inzwischen jedem klar, dass Bildung nicht erst in der Schule anfangen kann", sagt Rauschenbach, "trotzdem wird der Beruf des Erziehers gegenüber anderen pädagogischen Professionen konsequent schlechter gestellt."

Für Kita-Leiterin Günzel offenbart sich dieser Widerspruch darin, dass immer mehr pädagogische Aspekte in die Kinderbetreuung gepresst werden. So sollen gerade Kinder aus ausländischen Familien möglichst in den Kita-Jahren richtig Deutsch lernen. Doch zusätzliche Erzieherstellen bekam Günzel dafür nicht, stattdessen musste sie noch Mitarbeiter für Fortbildungen entbehren. Nach nur zehn Tagen Schulung sollten die dann in der Lage sein, auch als Sprachtrainer zu agieren.

Akademiker in der Kita gebraucht

Die mangelnde Anerkennung von Kitas als Orte der Bildung zeigt sich zudem bei der Ausstattung mit nicht pädagogischem Personal. Selbstverständlich, dass auch die kleinste Grundschule mindestens eine Sekretärin in Vollzeit beschäftigt; in Kitas hingegen müssen die Erzieher die gesamte Verwaltungsarbeit nebenbei stemmen. Dennoch sind sie die am schlechtesten bezahlten Pädagogen des Landes.

Wie ein ferner Traum muss da die Forderung von Jugendforscher Rauschenbach klingen. "Wir brauchen mehr Akademiker an den Kitas", sagt er. Sein Argument dafür lautet: "Wenn die Kitas ihren Bildungsauftrag erfüllen sollen, dann müssen dort Pädagogen mit der bestmöglichen Qualifikation arbeiten."

Kita-Leiterin Günzel weiß, dass die Nachfrage nach solchen Jobs durchaus da wäre. Denn inzwischen existiert eine ganze Reihe von Studiengängen, die zu Frühpädagogen ausbilden. Doch ihre Akademiker, klagt Günzel, sind meist schnell wieder weg: "Es gibt an Kitas schlicht kein Berufsbild, mit dem wir sie ihrer Ausbildung entsprechend bezahlen könnten."

Ganztagsschule: Rette sich wer kann

Zwei Kinder an ihrem ersten Schultag Quelle: dpa

Die Fridtjof-Nansen-Grundschule liegt in Vahrenheide, im Norden Hannovers. Drei- bis sechsgeschossige Wohnblocks bestimmen das Bild, die wie ein großer Satz Bauklötze in der Landschaft verteilt sind. Eine Gegend, die schon auf den ersten Blick die Zuschreibung Problemviertel aufdrängt. Der Ausländeranteil an der Schule liegt bei mehr als 70 Prozent, über die Hälfte der Kinder hier hat arbeitslose Eltern. "Viele Schüler kommen zu uns mit sprachlichen Defiziten und Verhaltensproblemen", sagt Direktor Städtler. Schon vor einigen Jahren war er deshalb überzeugt, dass die Umwandlung in eine Ganztagsschule ein großer Fortschritt sein könnte. "Nur so kann man Schüler individueller fördern."

Offener Ganztag statt pädagogischer Förderung

Also schrieb er Anträge. Mit fünf weiteren Lehrkräften und einem Sozialpädagogen, so lautete sein Plan, ließen sich alle 350 Schüler den ganzen Tag betreuen. Erst mal sah es sogar gut aus. Städtische Mittel flossen für den Bau einer Schulkantine mit eigener Küche, schließlich sollten die Kinder selbst schnibbeln und kochen lernen. Doch die festen Lehrerstellen wollte ihm das Land nicht geben. Schließlich sollten möglichst viele Ganztagsschulen entstehen, nicht einige besonders gute.

Deshalb kam die Ansage aus dem Ministerium: Der offene Ganztag wird gefördert, die von Städtler geplante verpflichtende Ganztagsschule nicht. So halten es die meisten Länder. Von den fast 15 000 Ganztagsschulen, die in den letzten Jahren entstanden sind, sind über 12 000 vom offenen Typ.

Was nach semantischem Detail klingt, bedeutet einen grundlegenden Unterschied: "Statt um pädagogische Förderung geht es beim offenen Ganztag um Aufbewahrung", ist Städtlers Urteil. So ändert sich der Unterricht am Vormittag gar nicht. Auch für die Lehrer bleibt alles gleich. Sie ziehen ihren Stoff durch, was danach passiert, geschieht ohne sie. Ab Mittag übernehmen Honorarkräfte von freien Trägern die Betreuung. Ein Caterer versorgt die Kinder mit Essen, es folgen die Hausaufgabenbetreuung von Externen und schließlich Musikschule oder Sportvereine.

Lernen in seiner ineffizientesten Form

Pädagogisch ist dieser Mischmasch verheerend. Die Gruppen verändern sich ständig, auch die Ansprechpartner für die Kinder wechseln stündlich. Zudem sind weder die Inhalte aus Schule und Nachmittagsbetreuung aufeinander abgestimmt, noch wird die Chance genutzt, den ganzen Tag abwechselnd in Lernen und freie Beschäftigung einzuteilen. Aus Sicht von Fachleuten bedeutet dies Lernen in seiner ineffizientesten Form.

Die Schulen selbst bekommen keine Mittel, um den Nachmittagsunterricht zu organisieren. Sie erhalten lediglich eine Halbtagskraft, die das Betreuungsangebot koordiniert. Was in den einzelnen Einheiten jedoch passiert, weiß nur der Träger. Mal werden so Hausfrauen im Nebenjob zu Hausaufgabenbetreuern, mal Fußballtrainer zu Sozialarbeitern.

Vermarktet als "Ganztagsschule" entsteht bei den Eltern der trügerische Eindruck, auch am Nachmittag sei die meist angesehene Schule fürs Programm verantwortlich. "Dabei stellen wir letztlich nur die Räume", sagt Direktor Städtler. Er hat deshalb alle Eltern, die selbst Kapazitäten haben, ausdrücklich davor gewarnt, ihr Kind in die Nachmittagsbetreuung zu schicken.

Eliteunis: Die Kehrseite der Exzellenz

Deutschlands Spitzen-Universitäten 2012
RWTH AachenAachen liegt in allen technischen Disziplinen vorne. Das ist auch der Anspruch der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH), die als eine der wenigen deutschen Elite-Unis gilt. Mit ihrem Zukunftskonzept „RWTH 2020“ hat sie sich zum Ziel gesetzt, bis zum Ende des Jahrzehnts eine der weltweit besten „integrierten interdisziplinären technischen Hochschulen“ zu werden. Diese Anstrengungen fördert die Bundesregierung mit ihrer Exzellenz-Initiative. Exzellenz bescheinigt die WirtschaftsWoche der RWTH auch in ihrem Uni-Ranking: Sie belegt den ersten Platz in Naturwissenshaften, Elektrotechnik, Wirtschaftsingenieurwesen und Maschinenbau. Bei Informatik steht Aachen auf dem zweiten Platz Quelle: dapd
Uni MannheimJunge Universität, alter Sitz. Erst 1967 wurde die Mannheimer Handelshochschule zur Universität erhoben. Die im Mannheimer Barockschloss heimische Hochschule gehört damit zu den jüngeren deutschen Unis. Aufgrund ihrer wirtschaftswissenschaftlichen Ursprünge, zeigt sich in diesem Bereich auch die Kompetenz der Uni. Im Hochschul-Ranking der WirtschaftsWoche belegt sie in den Fächern VWL und BWL jeweils den ersten Platz. Außerdem ist sie in den Top 10 jeweils in Wirtschaftsinformatik (3), Informatik (8) und Jura (8). Quelle: Bert Bostelmann für WirtschaftsWoche
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)Die Uni Karlsruhe war die Informatik-Pionierin unter den deutschen Hochschulen. 1969 etablierte sie als erste deutsche Hochschule einen Informatik-Diplomstudiengang, drei Jahre später entstand in Karlsruhe die erste deutsche Fakultät für Informatik. Nachdem, sie sich 2005 den Zusatz „Forschungsuniversität“ gab fusionierte sie 2009 mit dem Kernforschungszentrum der Helmholtz-Gemeinschaft zum Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Die Informatik-Pionierarbeit hat sich gelohnt: Das KIT belegt in dem Fach den ersten Platz im WirtschaftsWoche-Ranking. Bei Elektrotechnik, Maschinenbau und Wirtschaftsingenieurwesen kommt das KIT auf den zweiten Platz, bei Naturwissenschaften auf den dritten. Quelle: dpa
Technische Uni München (TUM)Die Bundesregierung zeichnete die Technische Uni München (TUM) gleich doppelt aus: Einerseits gehörte sie 2007 zu den ersten drei geförderten Hochschulen ihrer Exzellenz-Initiative, andererseits ernannte sie der Bund als Teil seiner Existenzgründer-Initiative „Exist“ zur Gründerhochschule. Denn an der TUM soll nicht nur geforscht, sondern damit auch Geld verdient werden. Dafür hat sie mit der UnternehmerTUM GmbH etwa eine eigene Unternehmensberatung für ihre Studenten gegründet, die auch über einen Förder-Fonds verfügt. Im Fach Wirtschaftsinformatik verleiht die WirtschaftsWoche der TUM den ersten Platz unter der deutschen Hochschulen, bei Naturwissenschaften gibt es den zweiten Platz, bei Elektrotechnik, Maschinenbau und Wirtschaftsinformatik den dritten Platz, sowie bei BWL den zehnten Platz. Quelle: Technische Universität München, Albert Scharger
Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU)Konrad Adenauer, Theodor Heuss und Gustav Heinemann studierten hier schon: Die 1472 gegründete Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) zählt zu den renommiertesten Universitäten Deutschlands. Im internationalen Times-Higher-Education-Ranking wurde sie 2011 als beste deutsche Universität ausgezeichnet, beim Ranking der Shanghaier Jiao-Tong-Universität landet sie in Deutschland auf dem zweiten Platz nach der TU München. Bei der WirstchaftsWoche belegt sie den ersten Platz im Fach Jura, sowie den dritten Platz bei BWL und VWL, sowie den vierten bei Naturwissenschaften. Quelle: Creaitve Commons: CC BY-SA 3.0
Uni KölnDicht hinter Mannheim, liegt in den Wirtschaftswissenschaften die Uni Köln. Bei VWL und BWL belegt sie im WirtschaftsWoche-Ranking den zweiten Platz, bei Jura Platz 3 und bei Wirtschaftsinformatik Platz 5. Genau wie in Mannheim, geht auch die Kölner Uni auf eine Handelshochschule zurück. Gegründet im Jahr 1901, wurde sie 1919 zur Universität umgewandelt. Ihre Vorgänger-Uni wurde 1388 als vierte Universität im deutsch-römischen Kaiserreich gegründet. 1798 wurde sie unter napoleonischer Besetzung geschlossen. Die heutige Universität zu Köln wird ebenfalls von der Exzellenz-Initiative der Bundesregierung gefördert. Quelle: dpa/dpaweb
Technische Uni DarmstadtHoheitlich ist der Sitz des Technischen Uni Darmstadt. Wie in Mannheim, beherbergt auch in Darmstadt ein Residenzschloss die Hochschule. Ihr universitärer Status ist allerdings ganze 30 Jahre jünger als der Mannheimer. Seit 1877 ist sie eine Technische Hochschule, zur Universität wurde sie erst 1997. Getreu ihrem Namen liegen ihre Stärken im technischen Bereich: Beim Wirtschaftsingenieurwesen landet sie im WirtschaftsWoche-Ranking auf dem dritten Platz, bei Informatik, Elektrotechnik und Maschinenbau kommt sie auf den vierten, bei Naturwissenschaften auf Rang 5. Quelle: Bert Bostelmann für WirtschaftsWoche

Der Arbeitsplatz von Andreas Spranger sieht schon mal nicht nach Exzellenz aus. Klapprig duckt sich die Bretterbude zwischen einen Hörsaal-Neubau aus Sichtbeton und Türmchen aus Backstein. "Baracke" ist der treffende Name für die Büros des Studentenrates an der TU Dresden. Der 23-jährige Spranger trägt Schwarz und einen strubbeligen Kinnbart und hat auch sonst wenig übrig für den polierten Stolz, der um ihn herum viele erfasst hat.

Eliteuniversität darf sich die sächsische TU nennen, seit sie Mitte Juni in der Exzellenzinitiative von Bund und Ländern abgeräumt hat. Rund 170 Millionen Euro Preisgeld kann sie in den nächsten fünf Jahren in Forschung mit Weltklasse-Appeal stecken. Wenn der Jura-Student Spranger als Vertreter seiner Kommilitonen mit der Universitätsverwaltung zusammensitzt, dann ist allerdings selten von Leuchttürmen die Rede, dafür viel von Kapazitätsverordnungen und angedrohten Kürzungen. Sein Urteil fällt bitter aus: "Die Exzellenzinitiative geht an uns vorbei."

Nur die Zahlen glänzen

Spranger kennt die Kehrseite der Elite schließlich aus eigener Anschauung. Für die Professoren und lehrenden Mitarbeiter laufen an der TU viel zu viele Studenten herum. Und es werden immer mehr. Dabei gehe die Uni längst "auf dem Zahnfleisch, was das Personal betrifft", klagt er .

Glänzen tun nur die Zahlen. Der Bund hat seine Ausgaben für alle Hochschulen seit 1995 von 1,8 auf derzeit rund 3,4 Milliarden Euro jährlich fast verdoppelt. Das Mehr an Milliarden päppelt landesweit neue Denker-Akademien und schillernde Zukunftskonzepte. So notwendig diese Impulse waren, sie haben eines sträflich vernachlässigt: die Lehre.

Studenten verlieren gute Professoren semesterlang an Forschungsprojekte – und müssen stattdessen mit Aushilfskräften und angeheuerten Privatdozenten Vorlieb nehmen. Das ist das Exzellenzparadoxon: Das viele Geld führt nicht zu guter Bildung für viele, sondern zu idealen Bedingungen für manche.

Der Hochschulpakt, ein weiteres Projekt von Bund und Ländern, hat diesen Trend nicht ändern können, sondern weiter verstärkt. Der Pakt, in den allein der Bund weitere rund 4,7 Milliarden Euro steckt, soll bis 2015 mindestens 330 000 zusätzliche Studienplätze finanzieren, um dem prognostizierten Sturm auf die Alma Mater wenigstens halbwegs gerecht zu werden. Bundesbildungsministerin Annette Schavan hat bereits angekündigt, ihren Anteil noch einmal aufstocken zu wollen.

Forschung und Hörsaal beisammen halten

Die beliebtesten Studienfächer in Deutschland
IngenieurwissenschaftenIn dieser Fächergruppe fiel der Rückgang besonders stark aus: Noch knapp 106.300 junge Menschen begannen dieses Studium. Das sind 8,8 Prozent weniger als im Vorjahr. Vor allem die Zahl der männlichen Studienanfänger sank, während die Anzahl der Frauen stieg. Ursache ist nach Angaben der Statistiker die Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011, die damals zu einem deutlichen Anstieg der männlichen Erstimmatrikulierten geführt hatte. Quelle: dpa/dpaweb
Platz 1Es muss nicht immer das oberste Gericht sein wie die Richter vom Bundesverfassungsgericht (Bild). Für 185.856 Studienanfänger, die voriges Semester 2011/2012, das Studium der Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften angefangen haben, gibt es an deutschen Gerichten auch nicht genügend Arbeitsplätze. Die Politologen, Volkswirte und Juristen, die jedes Jahr zu Tausenden die Universitäten verlassen, finden ausreichend Betätigungsfelder in Politik, Wirtschaft und Medien. Quelle: dapd
Mathematik und NaturwissenschaftAuch in dieser Fächergruppe sank 2012 die Anzahl der Erstimmatrikulierten im Vergleich zum Vorjahr um 7,2 Prozent. Insgesamt schrieben sich 84.600 Anfänger für das Studium ein. Quelle: dpa/dpaweb
Sprach-und Kulturwissenschaften 82.600 Personen nahmen 2012 ein Studium aus der Fächergruppe der Sprach- und Kulturwissenschaften auf. Damit ist auch hier ein Rückgang um 5,1 Prozent zu verzeichnen. Quelle: dpa
Rechts-, Wirtschafts- und SozialwissenschaftenFür ein Studium dieser Fächergruppe entschieden sich 163.500 Studierende. Mit 2,9 Prozent ist lediglich ein kleiner Rückgang zu verzeichnen. Quelle: dpa
Humanmedizin und GesundheitswissenschaftenAls einzige Fächergruppe kann der Bereich Humanmedizin und Gesundheitswissenschaften ein Plus verzeichnen und dann direkt - mit 7,9 Prozent - ein großes. 24.100 Studienanfänger gab es in diesem Bereich im vergangenen Jahr. Quelle: dpa

Experten des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) gingen der Frage nach, wie die Milliarden bislang genutzt wurden. Das Ergebnis: Die Studentenwelle wurde "im wesentlichen Umfang durch Lehrbeauftragte kompensiert", die Bedeutung des Professors nähme ab. An ihrer Stelle halten unifremde Dozenten und wissenschaftliche Mitarbeiter mit günstigen Semesterverträgen die nötigen Kurse ab. Sie bilden die einzige Personalkurve, die in den Statistiken steil nach oben zeigt.

Das werfe "ein kritisches Licht", urteilt die CHE-Studie. Deren Autor Christian Berthold warnt, wenn der Unirun anhielte, dann "müssen die Bildungspolitiker verhindern, dass Forschung aus dem Hörsaal ausgeklammert wird".

In Arbeit
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Was für eine Ironie der Geschichte: Es war Wilhelm von Humboldt, der seine weltweit bewunderte Idee der Universität, die Einheit von Forschung und Lehre, einst in scharfer Abgrenzung zur Schule entwickelte. Das Verhältnis von Professor und Eleve sei "ein anderes", formulierte er. "Der Erstere ist nicht für den Letzteren, beide sind für die Wissenschaft da." Dort, wo diese Einheit erdacht wurde, ist sie in Gefahr.

Werner Patzelt will das nicht hinnehmen. Der Professor lehrt an der TU Dresden Politikwissenschaft, er gehört zu den Koryphäen seines Faches, und er delegiert die Lehre nicht. Er glaube "fest daran, das Professoren an zwei Stellen des Studiums entscheidend sind: am Anfang, wenn es um die Orientierung geht. Und am Ende, wenn die Forschung beginnt."

Mit dieser Einstellung gehört Patzelt bald zu einer gefährdeten Minderheit.

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