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Bildungskrise Warum das Hauptschulsterben die Wirtschaft gefährdet

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Grafik: Entwicklung der Schülerzahlen

Fast jeder vierte Hauptschüler sagt Jahr für Jahr sogar ganz ohne Abschluss Lebewohl. Gleich mehrere Jahrgänge aus Neu- und bislang erfolglosen Altbewerbern tummeln sich dann gemeinsam auf dem Ausbildungsmarkt. Fast die Hälfte all dieser Azubis in spe – ob mit oder ohne Abschluss – muss regelmäßig erst einen Grundbildungskurs absolvieren, um überhaupt die Reife für eine Lehre zu erlangen. Es sind Bildungsarmutszeugnisse für die Schulen, aus denen sie kommen.

Die Wirtschaft reagiert entsprechend aufgeschreckt und engagiert sich zunehmend mit Vor-Ort-Programmen. Um geeigneten Nachwuchs zu gewinnen, richtete etwa der Stahlproduzent ThyssenKrupp Nirosta eine Metall-Werkstatt an einer Hauptschule am Krefelder Stammsitz ein. Zusätzlich schickt das Unternehmen eigene Ausbilder, um für die Lehre zum Industriemechaniker zu werben. „Wir stellen bei Bewerbern von der Hauptschule Defizite fest, deshalb werden wir dort selbst tätig“, sagt Elke Humpert, die Leiterin der Personalentwicklung. Ohne Absolventen von Haupt- und Realschulen werde man nicht wachsen können, so Humpert. Sie machen rund 60 Prozent der Lehrlinge aus. Aber bei Kosten von bis 80 000 Euro pro Ausbildung müssen es die richtigen sein. Selber reparieren könnte deshalb zur Dauereinrichtung werden.

Vorbild sind die skandinavischen Schulsysteme

Das aber ist gerade für Kleinbetriebe oft kaum möglich. Wenn Bärbel Rumohr für ihren siebenköpfigen Malerbetrieb im Krefelder Norden geeignete Lehrlinge sucht, ist manchmal bei 50 Bewerbern kein einziger passender dabei. „Die Kenntnisse, die wir hier brauchen, fehlen häufig. Wir können das nicht nachholen“, sagt sie. Es hapert vor allem in Mathe und Deutsch. Rumohr würde am liebsten einfach Realschüler nehmen, aber „die kriegen sie kaum“. Also nutzt sie die Zuschüsse der sogenannten Einstiegsqualifizierung der Arbeitsagentur. Praktikanten sollen so in einem Jahr im Betrieb ausbildungsreif werden.

Schlechte Schüler, abwinkende Eltern und drängende Wirtschaft – immer mehr Bundesländer, denen die Schulpolitik als eine der letzten Domänen geblieben ist, ziehen aus dem Druck Konsequenzen. Pädagogische Vorbilder für den Umbau der Hauptschule sind dabei die gelobten skandinavischen Schulsysteme, historisch bedingte Vorreiter die ostdeutschen Länder. In der ehemaligen DDR gab es mit der polytechnischen Oberschule nur eine weiterführende Schule.

Nach der Wende wurde das Gymnasium übernommen, die westlichen Modelle von Haupt- und Realschule meist in einer weiteren Schulform vereint. Nun gewinnt dieses Nimm-zwei-Prinzip auch im Westen die Oberhand. Rheinland-Pfalz führte 2009 die Realschule Plus ein, legte Haupt- und Realschulen zusammen. In Berlin existiert neben dem Gymnasium künftig nur noch die sogenannte Sekundarschule, in der der Haupt- und Realschulabschluss gemacht werden kann. Hamburg peilt ein zweigliedriges Nebeneinander von Gymnasien und Stadtteilschulen an.

Trostlose Analysen des Bildungssystems

Dass der Kampf für bessere Bildung am unteren Ende des Systems beginnen muss, fordert Jürgen Baumert schon lange. Der Berliner Max-Planck-Direktor gilt als Pisa-Papst, weil er den ersten deutschen Leistungstest geleitet hat. Seine Ergebnisse waren wenig erfreulich. „Man wird seine Herkunft nicht los“, ist eine von Baumerts trostlosen Analysen. Mit anderen Worten: Deutsche Schulen vergrößern die sozialen Herkunftsunterschiede, statt sie einzuebnen.

Immerhin: Die Bundespolitik gibt sich erkenntniswillig. In Zukunft würden sogenannte lokale Bildungsbündnisse eingerichtet, „um Kinder besser fördern zu können“, sagt Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesbildungsministerium – „vor allem für Kinder aus sozial schwachen Familien und solche mit Migrationshintergrund“. Zwischen 20.000 und 40.000 Euro sollen diese lokalen Bündnisse bald für jede Schule wert sein, wenn die Länder das Angebot annehmen. Geld, um Förderkurse in den Ferien, Ausflüge oder Theaterprojekte zu finanzieren. Ein Land wie Deutschland, sagt Quennet-Thielen, „ funktioniert nicht ohne gute Schulen“.

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