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Bildungskrise Warum das Hauptschulsterben die Wirtschaft gefährdet

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Rütli-Schule: 24 Millionen Quelle: REUTERS

Gute Schule? In den Ohren von Lehrerinnen wie Yvonne Bluhm musste ein solcher Anspruch lange Zeit wie blanker Hohn klingen. „Menschenverachtendes Auftreten“, „Aggressivität, Respektlosigkeit und Ignoranz“, „Sackgasse“: So lasen sich 2006 die Hilferufe des demoralisierten, an seine Grenzen geführten Lehrerkollegiums an der Berliner Rütli-Schule. Angesichts der Zustände in ihrer Hauptschule sahen Bluhm und ihre Kollegen nur noch einen Ausweg: den offenen Brief an den Senat – und darin die Bitte um Schulschließung.

Rütlistraße 41, Berlin-Neukölln. Hier, wo vor vier Jahren der Offenbarungseid deutscher Schulpolitik geleistet wurde, versuchen heute Bagger, die Vergangenheit zu begraben. Campus Rütli heißt das 24 Millionen Euro teure Projekt, aus einer Schule mit Stigma einen Ort mit Aura aufzubauen. Die Lage im Problemkiez ist zwar nicht besser als damals, die Arbeitslosenrate liegt bei über 30 Prozent. 90 Prozent der Schüler haben einen Migrationshintergrund.

Aber die alte Schule existiert nicht mehr. Auf dem Gelände werden die alte Haupt- und Realschule vereint, eine neue gymnasiale Oberstufe gegründet, eine Kita, ein Elternzentrum und Werkstätten gebaut. Die Schüler essen schon in einer neuen Mensa, zum Austoben hat der Energieriese Vattenfall eine Kletterwand gestiftet. Der Spatenstich für eine Sporthalle steht kurz bevor. „Schulisch ist nichts geblieben, wie es war – und das ist gut so“, sagt die  neue Schulleiterin Cordula Heckmann. „Die Hauptschüler haben sich immer als Verlierer des Systems verstanden. Aus der Position konnten wir sie schwer entwickeln.“ Perspektiven bieten – das ist der Geist einer Reform, die den Namen Rütli als Mahnmal erhalten, die brüchigen Fundamente aber schleifen will.

Trend zur Mittelschule

In den fünf unionsgeführten Bundesländern Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen stoßen solche Gedanken auf Widerstand. Zwar gibt es teilweise auch dort die Möglichkeit, dass sich Haupt- und Realschulen zusammenschließen. Meistens aber ist das Etikettenschwindel. Wie in Nordrhein-Westfalen, wo Schulen an einem Standort zusammengelegt werden, aber formal eigenständig bleiben. Die Unions-Länder sind sich einig: Die Hauptschule soll besser werden, nicht verschwinden. „Nicht die Schulform ist entscheidend, sondern die Qualität der Schule“, sagt stellvertretend Klaus Kaiser, Schulexperte der CDU-Fraktion im Düsseldorfer Landtag. Kaiser ist sich sicher: Schafft man die Hauptschule ab, sind die Probleme nicht vom Tisch.

In Kaisers Heimat NRW könnte sich dennoch bald eine entscheidende Wende vollziehen. Am 9. Mai stehen die Landtagswahlen im bevölkerungsreichsten Bundesland an. Und Veränderungen wird es wohl auf jeden Fall geben. Die FDP diskutiert eine regionale Mittelschule, die Haupt-, Real- und Gesamtschule zusammenfasst. Zwar erst einmal nur als zusätzliches Modell zum bestehenden, aber es wäre ein Anfang. Noch weniger zimperlich ist die SPD. Sie will schrittweise eine Gemeinschaftsschule einführen, die selbst das Gymnasium in seiner jetzigen Form abschaffen soll. Die klassische Hauptschule, sie könnte im 18-Millionen-Einwohner-Land bald Vergangenheit sein.

Die 15-jährige Isabell wird davon nichts mehr haben, wie auch immer ihre Eltern im Mai wählen werden. Die Schülerin der Bochumer Werner-von-Siemens-Schule bastelt in der Holz-Lernwerkstatt konzentriert an einem Rennwagen-Modell. Ob sie sich später eine Schreiner-Lehre vorstellen könne? Isabell schüttelt den Kopf. Das dann doch nicht. Lieber möchte sie Erzieherin werden – für sie ein Beruf mit mehr Zukunft.

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