Bildungspaket Geld allein hilft nicht

Das Bildungspaket für Kinder aus Hartz-IV-Familien galt als Bürokratieungetüm und wenig treffsicher. Sozialministerin Ursula von der Leyen (CDU) kontert zum zweijährigen Jubiläum: alles sei bestens. Die Wahrheit liegt dazwischen.

Foto eines Schulranzens Quelle: dpa

Stell‘ Dir vor es gibt Geld – und wenige nehmen es an. Das war die Regel in den ersten zwei Jahren des „Bildungs- und Teilhabepakets“ von Ursula von der Leyen. Seit dem 1. April 2011 können Eltern, die Hartz IV oder Wohngeld beziehen, weitere finanzielle Unterstützung für ihre Kinder beantragen: für das Schulmittagessen oder den Sportverein, für Nachhilfe oder Musikstunden.

Das Bundesverfassungsgericht hatte der Bundesregierung zuvor die Leviten gelesen: Die Geldleistungen für Kinder (und die Höhe in Euro) waren dringend überarbeitungsbedürftig. Die Regierung entschied sich explizit dafür, als Reaktion nicht einfach die Regelsätze zu erhöhen, sondern finanzielle Unterstützung an konkrete Angebote zu koppeln. Begründet mit der Angst, die Förderung könnte sonst nicht bei denjenigen ankommen, die sie dringend brauchten – den Kindern nämlich -, sondern bei den Eltern versickern.

Wo die Schulen am besten sind
Schülerinnen schreiben am 28.02.2012 in einem Gymnasium in Frankfurt am Main ein Diktat Quelle: dpa
Schülerinnen und Schüler der Klassen drei und vier der Grundschule Langenfeld Quelle: dpa
SaarlandStärken: Im Saarland machen 51,9 Prozent das Abitur. Das ist über Bundesdurchschnitt und befördert das Land damit in die Spitzengruppe im Ländervergleich. Auch in puncto Integration ist das Saarland weit vorne: Nur 4,3 Prozent aller Schüler sind vom Regelschulsystem ausgeschlossen und werden in speziellen Förderschulen unterrichtet. Schwächen: Wirkliche Schwächen haben die Schulen beziehungsweise das Bildungssystem im Saarland laut dem Chancenspiegel nicht. In den einzelnen Bereichen der Kategorien Durchlässigkeit und Kompetenzförderung bewegt sich das Bundesland immer im Mittelfeld. So hat ein Kind auf einer sozial starken Familie eine dreimal höhere Chance, aufs Gymnasium zu gehen als ein Kind aus einer schwächer gestellten Familie. Das ist unschön, aber immer noch überdurchschnittlich gut. 15,9 Prozent aller Schüler in der Primar- und Sekundarstufe 1 besuchen eine Ganztagsschule (Bundesdurchschnitt: 26,9 Prozent). Ländervergleich: Untere Gruppe. Auch das Verhältnis 1:3,3 beim Wachsel der Schulform (pro Schüler, der von der Real- oder Hauptschule "aufsteigt", wechseln 3,3 Schüler vom Gymnasium auf die Realschule beziehungsweise von Real- zu Hauptschule) liegt noch unterhalb des Bundesdurchschnitts von 1:4,3. Auch im Lesen sind saarländische Schüler aud den vierten und neunten Klassen mittelmäßig. huGO-BildID: 25450255 ARCHIV - Schüler und Schülerinnen schreiben am 28.02.2012 in einem Gymnasium in Frankfurt am Main ein Diktat. Zu den Ergebnissen der Koalitionsrunde vom Wochenende gehört das Ziel, noch in dieser Wahlperiode eine Grundgesetzänderung zu erreichen, die das Kooperationsverbot von Bund und Ländern in der Bildungspolitik aufhebt. Foto: Frank Rumpenhorst dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ Quelle: dpa
Eine behinderte Schülerin sitzt am 01.11.2011 im Gebäude einer Integrierten Gesamtschule Quelle: dpa
Constanze Angermann steht vor dem Finale des Schreibkampfes "Frankfurt schreibt! - Der große Diktatwettbewerb" vor einer Tafel Quelle: dpa
 Ein Schulkind bearbeitet Schulaufgaben Quelle: dpa
Malstunde in der deutsch-chinesischen Kita im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg Quelle: dpa

Diese Absicht war richtig. Aber die Kehrseite dieser Entscheidung ist: Fast jede Unterstützung muss beantragt werden, sonst fließt kein Geld. Und diese Bürokratie stellt für viele eine hohe Hürde dar, für manche gar eine unüberwindbare. Gut gemeint bedeutet eben nicht selten gut gewirkt.

Zum zweijährigen Jubiläum des Bildungspaketes will die zuständige Bundesarbeitsministerin all diese Bedenken mit Zahlen und Studien kontern. Die Maßnahmen „kommen bei den Kindern an“, findet Ursula von der Leyen (CDU). Nach zwei Jahren Praxis kämen nun 73 Prozent aller leistungsberechtigten Kinder in den Genuss des Pakets. Im Schnitt flossen 2012 je Bundesland 60 Prozent der zur Verfügung stehenden Mittel ab, 80 Prozent empfänden das Antragsverfahren mittlerweile als leicht. Die Kinder geben dem Programm gar die Schulnote 1,9. Das sei „im wahren Leben nicht leicht zu erreichen“, sagt von der Leyen. Und strahlt wie die Klassenbeste.

Also tatsächlich alles bestens?

Interessant ist, welche Teilleistungen des Bildungspaketes am meisten genutzt werden: Die Zuschüsse zu Mittagessen und Klassenfahrten vor allem und auch der persönliche Schulbedarf. Letzterer soll Ausgaben für Hefte, Ranzen oder Stifte decken – und fließt meistens sowieso ohne gesonderten Antrag. Sehr viel weniger Eltern nehmen für Ihren Nachwuchs hingegen die Sport- oder Musikstunden oder die Nachhilfe in Anspruch.

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Gerade letzteres ruft besonders viel Kritik von Fachleuten hervor: So wichtig warmes Essen und Ausflüge sein mögen, Chancengerechtigkeit erreicht man zu allererst über bessere Schulerfolge. Doch die Nachhilfe im Bildungspaket sei nur ein „Sturzhelm“ und kein „Kletterseil“, kritisierte jüngst Sebastian Gallander von der Stiftung Neue Verantwortung. Er hatte im Auftrag der Vodafone Stiftung die Erfahrungen mit dem Bildungspaket vor Ort untersucht. Will heißen: Die Nachhilfe hilft nur ad hoc, wenn die Versetzung akut gefährdet ist; kaum sind die Noten wieder etwas besser, fallen die Problemschüler gleich wieder raus aus der Förderung. Nachhaltig ist das nicht – von der viel zu geringen Inanspruchnahme ganz zu schweigen.

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