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Bildungspolitik Auf den Spuren von Bologna

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Alte Inhalte in neue Form gepresst

Josephine Dietzsch Quelle: Werner Schüring für WirtschaftsWoche

Aber sie sagt auch: „Die Unis haben einfach versucht, alte Inhalte in eine neue Form zu pressen. Das wäre so, als hätten Sie zu Hause eine Kiste mit Gewürzen, und diese verteilen sie nun einfach auf zwei Kisten.“

Dietzsch engagiert sich an vorderster Spitze in der Liberalen Hochschulgruppe, sie ist informiert und reflektiert. „Die Proteste überhöhten eine Zeit, die vergangen ist“, meint sie. Da hört die HRK-Chefin, trotz des Geräuschpegels um sie herum, aufmerksam und wohlwollend zu. Dietzsch findet, die Studenten müssten „gestalten, statt destruktiv zu kritisieren oder Lehrveranstaltungen zu blockieren“.

An manchen Hochschulen passierte die Gestaltung von oben jedoch dermaßen lieb- und geistlos, dass die Studentenproteste 2009 bis ins Berliner Büro von Margret Wintermantel vordringen. Die HRK-Chefin erzählt, wie ein Student während einer Diskussion plötzlich auf ihren Tisch springt. Ein Schreckmoment. Die Wut kann sie verstehen, vergessen hat sie sie nicht.

Besser über etwas anderes reden, woanders: Im Foyer der HU prangt eine Gedenktafel zu Ehren des Universitätsgründers Wilhelm von Humboldt. Aus dem Erdgeschoss steigen die beiden Frauen ein paar marmorne Stufen hinauf in den ersten Stock. Dort hängt die Inschrift mit dem berühmten Prunkzitat von der Wissenschaft „als etwas noch nicht ganz Gefundenes, und nie ganz Aufzufindendes“.

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    Der preußische Reformer schrieb den Satz 1810, gedacht als feierliches Vademecum zur Gründung seiner Universität.

    Einheit von Forschung und Lehre

    Humboldt, seufzt Wintermantel, als sie die Tafel erblickt. Aber kann auch eine Studentin im Jahr 2012 mit den hehren Idealen von einst noch etwas anfangen? Dietzsch kann, zumindest meistens. „In meinem Fach Europäische Ethnologie gehört Forschung glücklicherweise immer zum Lernen dazu“, erzählt sie, noch immer so, wie es sich Humboldt mit der Einheit von Forschung und Lehre wohl gewünscht hatte.

    Doch sie ist nicht blind: Viele Hochschulen, ihre Rektoren und Professoren, gemeinsam mit den Landesbürokratien – sie alle haben den Bologna-Prozess lange nicht als Chance begriffen, sondern als Ärgernis. In Berlin und überall sonst auch. „So eine Reform geht nicht über Nacht“, verteidigt sich Wintermantel. „Da ist es normal, dass Fehler passieren.“

    Natürlich bräuchte man in den Hochschulen „intensive Diskussionen“, um einen guten Studiengang aufzubauen. „Wo man das berücksichtigt hat, ist Gutes entstanden.“

    Die Studentin Dietzsch mag liberal sein, offen für die Reform, aber das kann sie nicht unwidersprochen lassen. Denn sie kennt viele Studenten, die kaum noch Vorlesungen außer der Reihe besuchen, weil sie schlicht keine Zeit dazu mehr haben. Die sich all den Stoff zu Hause einpauken oder sich drei Monate vor den Klausuren in der Bibliothek einschließen.

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