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Bildungspolitik Auf den Spuren von Bologna

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Das Bulimie Lernen füllt den ganzen Tag aus

Margret Wintermantel Quelle: Werner Schüring für WirtschaftsWoche

Studentenorganisationen, die sich über dramatischen Mitgliederschwund beklagen, weil die Uni den Tag beinahe komplett ausfüllt. „Das hat etwas von Bulimielernen: Wissen in sich reinstopfen und dann auf Kommando ausspucken“, entgegnet sie. Mit hehren Idealen jedenfalls hat es nichts mehr zu tun.

Den Andrang auf die akademische Bildung hat das bislang nicht gestoppt. Im laufenden Wintersemester besuchen 2,4 Millionen Studenten in Deutschland eine Hochschule, so viele wie niemals zuvor. Mittlerweile studiert jeder Zweite eines Jahrgangs. Und die Zahl der Absolventen, die jedes Jahr als Bachelor of Arts oder Bachelor of Science ihre Alma Mater verlassen, hat bereits die Marke von 70 000 überschritten.

Dass die Akademiker der Generation B.A. nicht nur mit kosmopolitischer klingenden Titeln, sondern mit besserer Ausbildung auf den Arbeitsmarkt drängen, bleibt dennoch vages Versprechen, mehr nicht.

Belege, dass ein dreijähriger Bachelor allein kaum das Rüstzeug für Leben und Arbeitsmarkt liefert, geben die Absolventen selbst. Offiziell soll der Bachelor ein „erster berufsqualifizierender Abschluss“ sein. Doch fast vier von fünf fertigen Studenten reicht das nicht: Sie machen direkt noch einen Master.

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    Auch Josephine Dietzsch hat das vor. Wenn sie dieses Jahr fertig wird, will sie gleich das zweite Studium dranhängen und sich gar nicht erst um einen Job bemühen.

    Was denkt sie denn über den Berufseinstieg? „Natürlich mache ich mir Sorgen“, ist die Antwort. „Aber ich wollte ehrlich zu mir selbst sein und das tun, was ich gerne tue.“

    Die Zufriedenheit bei Jobstartern ist gesunken

    Nur aus der Unsicherheit vieler Studenten ist die Schärfe zu verstehen, mit der die Debatten um Übergangsquoten und Notenhürden für einen Master-Studienplatz geführt werden. Die Studenten misstrauen einer Reform, die aus Elfenbeinturm-Dauermietern im 15. Semester junge, selbstbewusste Arbeitnehmer machen sollte.

    Die angehenden Akademiker beweisen damit gutes Gespür. Als die Deutschen Industrie- und Handelskammern (DIHK) im vergangenen Jahr Unternehmen zu den Bologna-Absolventen befragten, waren die Ergebnisse ziemlich ernüchternd. Im Vergleich zu den Eindrücken vier Jahre zuvor war die Zufriedenheit mit den Jobstartern leicht gesunken.

    „Die Umsetzung der Hochschulreformen zeigt aus Sicht der Unternehmen keine Fortschritte“, bemängelte der DIHK. Dabei hatten mittlerweile doppelt so viele Firmen ihre Erfahrungen mit den Bologna-Absolventen gemacht.

    Vor allem die mangelnde Alltagstauglichkeit stieß den Personalern auf. „Gute, auf die Praxis bezogene Lehre hat noch nicht den Stellenwert an den Hochschulen, den wir uns wünschen würden“, bilanziert Kevin Heidenreich, der Bildungsexperte der DIHK. Das Zauberwort von der „Employability“, der Berufsbefähigung, habe sich bislang „als eine Fata Morgana“ erwiesen, sagt auch der Hochschulforscher Tino Bargel von der Universität Konstanz. Und dass, obwohl fast kein Student mehr den Campus ohne ein oder gar mehrere Praktika verlässt.

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