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Bildungspolitik „Die Kritik am Schulfach Wirtschaft ist gegenstandslos“

NRW-Staatssekretär Mathias Richter (FDP) will das Lehramtsstudium um das Studienfach Wirtschaft-Politik erweitern. Quelle: PR

Zu Beginn des neuen Schuljahres führt NRW an allen weiterführenden Schulen das neue Fach Wirtschaft-Politik ein. Staatssekretär Mathias Richter (FDP) erklärt im WirtschaftsWoche-Interview, warum das notwendig ist – und wie Lehrer besser auf den Unterricht vorbereitet werden sollen.

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WirtschaftsWoche: Herr Richter, ab dem neuen Schuljahr gibt es an allen weiterführenden Schuljahr in NRW einen eigenständigen Wirtschaftsunterricht. Die Gymnasien haben damit bereits vor einem Jahr begonnen. Wie ist es gelaufen?
Mathias Richter: Die Einführung des Schulfachs Wirtschaft-Politik ist trotz aller Funkenschläge im Vorfeld reibungslos über die Bühne gegangen. Allerdings kann die Landesregierung wegen der Coronakrise nur für einen begrenzten Zeitraum Bilanz ziehen. Was aber auffällt: Die große Konkurrenz zwischen den einzelnen wissenschaftlichen Denkschulen – die soziologische einerseits und die, die für Wirtschaft-Politik und ökonomische Grundbildung einstehen, andererseits – hat sich durch die Praxis im Schulalltag erübrigt. Das Fach wurde von allen gut angenommen.

Ziel der Landesregierung ist es, die ökonomische Bildung von Schülern zu stärken. Viele Gymnasiallehrer kritisieren aber, dass sich mit dem neuen Fach Wirtschaft-Politik nicht übermäßig viel geändert habe.
Wir haben die ökonomische Grundbildung in den Stundentafeln gestärkt und es gibt eine ganz erhebliche Akzentverschiebung und Ausschärfung innerhalb des Kernlehrplans. Früher tauchten Begriffe wie Soziale Marktwirtschaft, Handwerk, Mittelstand oder Betriebswirtschaftslehre im Lehrplan kaum oder gar nicht auf. Auch Themen wie „Gründung“ und „Entrepreneurship“ sind völlig neu aufgenommen worden. Dass diese Neuerungen im ersten Jahr noch nicht überall vollständig durchgedrungen sind, liegt sicher auch daran, dass wir uns am Beginn eines Übergangsprozesses befinden.

Wir haben ja im Zuge der Umstellung auf G9 auch erst in den Klassen 5 und 6 damit angefangen. Dort wäre es vielleicht ein wenig zu früh für die großen volkswirtschaftlichen Fragen, die ebenfalls einen Schwerpunkt in den neuen Lehrplänen bilden. Grundsätzlich ist der neue Kernlehrplan verpflichtend, daran kommt in NRW niemand mehr vorbei. Auch wenn es hier und dort vielleicht ein gewisses Beharrungsvermögen gab, sorgen die Schulleitungen dafür, dass die neuen Inhalte des Kernlehrplans sich auch in den schulinternen Lehrplänen wiederfinden.

Bislang bietet keine NRW-Hochschule das Fach Wirtschaft für allgemeinbildende Schulen an. Wann wird das Fach denn für angehende Lehrer studierbar sein?
Im nächsten Jahr – davon gehe ich fest aus – wird es Möglichkeiten geben. Wir müssen ohnehin die Lehramtszugangsverordnung überarbeiten. In diesem Zuge wollen wir auch das Fach Wirtschaft oder Wirtschaft-Politik als Lehramtsstudienfach einführen. Dann können die Hochschulen es akkreditieren und gegebenenfalls Angebote zur Weiterqualifizierung auch schon vor einer Umstellung des grundständigen Studienbetriebs machen.

Unter welchem Namen soll das dann laufen?
Das Fach soll voraussichtlich in allen Lehrämtern Wirtschaft-Politik heißen. Diese Kombination passt für ein Studium inhaltlich sehr gut zusammen.

Provoziert das nicht einen Aufstand der Soziologen?
Diese Kritik ist mittlerweile wegen der guten Erfahrungen an den Gymnasien verpufft. Die Sorge der Soziologen lag eher darin, dass wir mit dem Fach Wirtschaft gewissermaßen nur noch „kleine Kapitalisten“ ausbilden und heranziehen.

Wie nehmen die Universitäten die anstehenden Veränderungen auf?
Drei Universitäten in NRW machen sich bereits aus eigener Initiative auf den Weg, das Fach anzubieten: Siegen, Münster und Dortmund. Zunächst einmal muss das Fach aber in der Lehramtszugangsverordnung verankert werden.

Sozialwissenschaften als Studienfach behält aber seine Akkreditierung. Die Hochschulen können also weiterhin dieses Fach anbieten, obwohl Wirtschaft-Politik beschlossene Sache ist?
Klar, was akkreditiert ist, kann auch als Studiengang angeboten werden. Wir können und wollen ja insofern auch nicht in die Wissenschaftsfreiheit eingreifen. Allerdings ist das Ministerium durch das Lehrerausbildungsgesetz ermächtigt, die für Schulen und den Erwerb von Lehramtsbefähigungen relevanten Fächer zu definieren. Es wird sicherlich Universitäten geben, die Sozialwissenschaften weiterhin anbieten wollen – vielleicht auch parallel zu Wirtschaft-Politik. Einzelheiten werden in der bereits angesprochenen Lehramtszugangsverordnung zu klären sein.

Welche Konsequenzen hätte es für Lehrer, die Sozialwissenschaften studiert haben?
Lehramtsstudierende, die das Fach Sozialwissenschaften studieren, erwerben künftig nicht automatisch eine Lehrbefähigung für das Fach Wirtschaft-Politik.

Diejenigen dürften dann nur noch in der Oberstufe Sozialwissenschaften unterrichten, wo das Fach noch unterrichtet wird?
Wenn es darum geht, dass die Lehrer exakt das Fach unterrichten, das sie auch studiert haben, ja. Sie dürfen und können aber natürlich vertretungsweise unterrichten.

Verlieren Sozialwissenschaften-Lehrer, die seit Jahren im Dienst sind, also ihre Fakultas?
Wir wollen die neuen Inhalte der ökonomischen Bildung künftig auch in einem eigenen Lehramtsstudium stärken. Aber natürlich dürfen und können Sowi-Lehrkräfte jedenfalls vertretungsweise breiter unterrichten.

Sind die aktuellen Sowi-Lehrer gut genug auf das Fach Wirtschaft vorbereitet?
Sie haben das nötige Rüstzeug, um sich auf die neuen Inhaltsfelder einzulassen und sie im Unterricht zu vermitteln. Das zeigen die Erfahrungen am Gymnasium: Lehrer mit dem Fach Sozialwissenschaften haben eine große Affinität für das neue Fach. Die neuen Akzentuierungen können sie sich berufsbegleitend aneignen.

Bis die ersten grundständig ausgebildeten Wirtschaftslehrer ihr Studium und das Referendariat beendet haben, vergehen mindestens sieben Jahre. Wie wollen Sie in der Zwischenzweit die Lehrer ökonomisch fortbilden?
Aktuell bietet die Bezirksregierung Köln einjährige Zertifikatskurse an, mit denen Lehrkräfte im Schuldienst eine unbefristete Unterrichtserlaubnis für das Fach erwerben können. Diese Kurse sind so etwas wie ein Beschleuniger, um möglichst fix Pädagogen in den Wirtschaftsunterricht zu bringen.

Diese Fortbildungen sind aber nicht verpflichtend.
Die Fortbildungen finden auf freiwilliger Basis nach Rücksprache mit den Schulleitungen statt. Darüber hinaus geben wir den Unis die Möglichkeit, sogenannte Erweiterungsstudiengänge anzubieten – also ein drittes Fach, das angehende und bereits ausgebildete Lehrkräfte zusätzlich studieren können. Aber der dritte Schritt ist natürlich, ein entsprechendes Studienfach in der Lehramtszugangsverordnung zu etablieren.

Die Oppositionsparteien SPD und Grüne sind keine Freunde des Schulfachs Wirtschaft. Befürchten Sie, dass sie das Fach wieder abschaffen, sollte es nach der nächsten Landtagswahl zu einem Regierungswechsel kommen?
Das wage ich zu bezweifeln. Die ideologisch aufgeladene Kritik am Schulfach Wirtschaft ist nach den Erfahrungen in der Praxis völlig gegenstandslos geworden. Alle politisch Verantwortlichen sind gut beraten, der ökonomischen Grundbildung in den Schulen und im Unterricht ebenso wie der politischen Bildung einen festen Platz zu sichern.

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