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Bildungspolitik Das bundesweite Zentralabitur ist eine Lachnummer

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Fachlicher Unsinn in der Mathematikklausur

Das einzige, was an der Klausur schwer ist, ist die mit dem Taschenrechner zu bearbeitende Modellierungsaufgabe, die sich in langen Texten mit einer unwirklichen Problematik beschäftigt. Es soll ein Planspiel betrachtet werden, bei dem die Welt so vorgestellt wird, wie die Experten derartiger Aufgabenstellungen sie gerne hätten. Es gibt nur auf einfachste Weise zu behandelnde Funktionstypen, die vorgegeben werden. Die Abiturienten können existentielle Entscheidungen über die Ernährung der Bevölkerung fällen, indem sie Funktionswerte der Größe nach vergleichen.

Das Modell ist so angelegt, dass man eigentlich nie wirklich rechnen muss. Zur Sicherheit werden aber trotzdem – selbst auf erhöhtem Anforderungsniveau – noch Funktionswerte oder Ableitungen dieser einfachen Funktionen vorgegeben. Die in der Aufgabe vorgegebene Pseudomodellierung nimmt einen großen Teil der Klausur ein und ist so konstruiert, dass man allerdings die verschiedenen Zutaten des Kontextes leicht durcheinander werfen kann. So sollte man unbedingt die Worte „zulässige Einwohnerzahl“ von „tatsächliche Einwohnerzahl“ auseinanderhalten. Es handelt sich hier nicht einmal propädeutisch um eine Anwendung von Mathematik, sondern um fachlichen Unsinn, der für nichts gut ist. Solche eine Aufgabe unterläuft die von den Hochschulen eingeforderte Mathematik komplett.

Wo müssen Schüler wie lange die Schulbank drücken?
G8 statt G9: Jedes Bundesand kocht sein eigenes Abitur-Süppchen Quelle: dpa
 Abiturienten des achtjährigen Anton-Bruckner-Gymnasiums (G8) in Straubing (Niederbayern) schreiben die Abiturprüfung in Deutsch. Quelle: dpa
Baden-Württemberg hat einigen Modell-Gymnasien die Rückkehr zur 13. Klasse erlaubt, diese Schulen sind völlig überlaufen. Quelle: dpa
Eltern, die in Berlin, Bremen oder Hamburg 13 Schuljahre bis zum Abitur bevorzugen, können ihre Kinder an integrierten Schulformen wie Stadtteilschulen anmelden. Quelle: dpa
Hessen hat Wahlfreiheit der Gymnasien zwischen G8 und G9 eingeführt. Quelle: dpa
Niedersachsen kehrte nach den Sommerferien 2015 als erstes Bundesland komplett zum Abi nach 13 Schuljahren zurück. Quelle: dpa
Nordrhein-Westfalen bietet beide Optionen Quelle: dpa

Fazit: Die verwendeten Operatoren behaupten eine fachliche Auseinandersetzung mit den Inhalten, sind aber nur Hinweise auf die kompetenzkonditionierten Lösungsschemata und möglichen Taschenrechnergebrauch. Für die Entwicklung eines mathematischen Verständnisses völlig kontraproduktiv ist die Vielzahl der Aufgaben, die auch von den Schülern vehement kritisiert wurde. Mathematik ist kein Blitzschach, das sollte sich auch schon bis ins IQB herum gesprochen haben. Die normierende Wirkung derartiger Aufgabentypen verstärkt die Katastrophe, da nunmehr der bisher in einigen Bundesländern zumindest noch ansatzweise vorhandenen Fachlichkeit der finale Garaus gemacht wird.

Es ist schon mehr als verwunderlich, dass sich in Hamburg noch jemand darüber aufregt, dass der nicht nur dort auf die Schienen gesetzte Kompetenzzug mittlerweile eine Schneise der Verwüstung insbesondere an grundlegendem Basiswissen hinterlässt, und das längst nicht nur in Mathematik. Ein Lehrer in Hamburg kommentierte die Vorgänge dort wie folgt: „Erst wird durch die zwangsverordnete Kompetenzorientierung verhindert, dass die Schüler etwas lernen, dann versuchen die Verantwortlichen, die Spuren durch Notendumping zu verwischen. Das Abitur wird weiter in Richtung Lachnummer entwertet. Ein erbärmliches Schauspiel. Leider sitzen die schlimmsten Feinde der Bildung an der Spitze der zuständigen Behörden und Fortbildungsanstalten. Die Fixierung auf Ranking und Marktwert zerstört nicht nur die Grundlagen einer freien Bildung, sondern führt auch konsequent zum Betrug.“

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