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Biografie über den Bundespräsidenten Wie Gauck beinahe Merkel stürzte

Der Journalist Johann Legner hat Joachim Gauck jahrelang aus nächster Nähe beobachtet. Das macht seine Biografie über den Bundespräsidenten zwar authentisch - ist aber auch ein Nachteil.

Buchcover Johann Legner: Joachim Gauck. Träume vom Paradies - Biografie

Dieser Satz von Joachim Gauck klingt nach Verbitterung. „Ich dachte, es gibt in Deutschland mehr Patrioten.“ Das sagte der gescheiterte Präsidentschaftskandidat im Juli 2010 – kurz nach der Vereidigung von Christian Wulff zum neuen Staatsoberhaupt.

Aus Sicht Gaucks war Wulff der falsche Präsident. Hätte es in der Bundesversammlung eben „mehr Patrioten“ gegeben, wäre er, Gauck, 2010 ins höchste Staatsamt gewählt worden und nicht Wulff.

So schildert es Journalist Johann Legner in seiner heute erschienenen Biografie „Joachim Gauck – Träume vom Paradies“. Aus Gaucks Worten, analysiert Legner, habe die Gewissheit gesprochen, dass „mit der Wahl Wulffs eine Chance versäumt wurde“.

In der Öffentlichkeit hatte Gauck damals vermieden, Wulff persönlich zu attackieren. Für wie wenig geeignet der heutige Bundespräsident seinen Amtsvorgänger offenbar hielt, ist eine der brisantesten Informationen aus Legners Biografie. Sie erzeugt nicht nur Nachrichtenwert, sondern ist auch ein gutes Beispiel für die Denkweise Gaucks.

Was Gauck über die Wirtschaft denkt
Er sei ein lernender Demokrat, sagt Joachim Gauck. In den Bereichen der Demokratie und Gesellschaft hat der Ex-Bürgerrechtler im Unrechtsstaat DDR wohlmöglich viel gelernt. Wofür er in Wirtschaftsfragen steht, ist in der öffentlichen Wahrnehmung längst nicht so präsent. Gauck hat in diesem Bereich jedoch grundlegende Ansichten geäußert. Ein Überblick in Zitaten zur Finanzkrise und Hartz IV. Quelle: dpa
Auf eine Europafahne fallen ein Euro Münzen Quelle: dpa
Zum Thema Sozialstaat & Hartz IV: „Neulich erzählte mir mein Fahrer von seinem Cousin, der mit den gesamten Sozialleistungen ungefähr 30 Euro weniger als er hat. Mein Fahrer muss aber fast immer um fünf Uhr aufstehen. Er sei der Dumme in der Familie, aber er sagte mir auch: "Ich kann das nicht, ich kann nicht so dasitzen." Da habe ich gesagt, dass er denen erzählen soll, wie gut er sich mit Arbeit fühlt. Wir sehen ja auch in den Kreisen der Hartz-IV-Empfänger Leute, die politisch aktiv sind und auf eine Demonstration gehen. In diesem Moment verändert sich schon ihr Leben. Sie zeigen Haltung. Das ist sehr viel wichtiger, als dafür zu sorgen, dass die Alimentierung immer rundum sicher ist.“ Quelle: sueddeutsche.de„Ja. Nicht mit Begeisterung, aber als Bürger ist es für mich selbstverständlich, dass ich einen Beitrag zur Generationengerechtigkeit leiste.“ Zur Rheinischen Post, auf die Frage, ob er selbst bereit wäre, mehr Steuern zu zahlen.„Es darf nicht sein, dass der obere Teil der Gesellschaft vom Sparen unberührt bleibt. Höhere Steuern dürfen kein Tabu sein.“ Quelle: Passauer neue Presse„Es schwächt die Schwachen, wenn wir nichts mehr von ihnen erwarten.“ ( im Zusammenhang mit Integrationsforderungen an Migranten, bei einer Feierstunde im Berliner Abgeordnetenhaus zum Einheits-Jubiläum) Quelle: AP
Zum Thema Marktwirtschaft: „Ich sage: Das Land (Deutschland) mag kapitalistisch sein, aber es ist lernfähig. Wer ausgerechnet aus der Wirtschaft alle Freiheit herausnimmt, der wird scheitern. Ich plädiere es so zu machen wie im Sport: Wir schaffen den Fußball nicht ab, weil es Raubeine und Foulspiele gibt, aber wir setzen Regeln und sanktionieren den Regelverstoß.“ Quelle: sueddeutsche.de„Wer aus dieser (Finanz-) Krise die Schlussfolgerung zieht, dass die Wirtschaft eine Art strenger Zähmung braucht, dem widerspreche ich. Ich wäre immer dagegen, einen Staatsdirigismus zu schaffen, der ein Primat der Politik über die Wirtschaft schafft.“ Quelle: Berliner Tagesspiegel am Sonntag Quelle: dpa
Zum Thema Einwanderung: „Wir dürfen die Menschen nicht ruhigstellen durch Versorgung. Das perpetuiert Abhängigkeit. Demokratie ist auf Mitwirkung angelegt. Im Gegensatz zur linken Propaganda muss klar sein, das wir den Menschen nichts Böses tun, wenn wir ihre Mitwirkung stimulieren und fordern. Darum bin ich für aktivierende Sozialpolitik.“ „Wenn wir gerne in diesem Land leben, dann können wir auch einladend sein. Ich sehe das aber noch nicht. Als ich in den Vereinigten Staaten war, bin ich auf Einwanderer getroffen, die innerhalb kürzester Frist begeistert waren von den USA, dieser so harten Gesellschaft. Sie sind stolz, Bürger dieses Landes zu sein. Dieses Bewusstsein hat sich tradiert in der US-amerikanischen Gesellschaft. Es gibt eine stärkere natürliche Bereitschaft, den Fremden als Teil der eigenen Umgebung zu akzeptieren. Da haben wir Nachholbedarf. Selbst in Europa gibt es Länder, die eine höhere Aufnahmebereitschaft haben als wir. Und das tut ihnen gut.“ Quelle: sueddeutsche.de„Es schwächt die Schwachen, wenn wir nichts mehr von ihnen erwarten.“ ( im Zusammenhang mit Integrationsforderungen an Migranten, bei einer Feierstunde im Berliner Abgeordnetenhaus zum Einheits-Jubiläum) Quelle: ZB
Zum Thema Occupy-Bewegung sagte der ehemalige Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde auf einer Veranstaltung der Wochenzeitung Die Zeit„Unsäglich albern" und „Ich habe in einem Land gelebt, in dem die Banken besetzt waren." Gauck spielte damit auf die DDR an. Quelle: dapd

Was wäre, wenn Gauck bereits 2010 Bundespräsident geworden wäre?

Ein kurzes Gedankenspiel: Was wäre geschehen, falls Gauck bereits 2010 Bundespräsident geworden wäre? Die Kanzlerin wäre folglich unfähig gewesen, bei ihren eigenen Leuten ihren Kandidaten Wulff durchzusetzen. Wie Legner treffend analysiert, hätte dies wohl zu einer schweren Regierungskrise geführt, womöglich sogar zum Rücktritt von Angela Merkel.

Dieses Szenario hätte Gauck eigentlich nicht gefallen dürfen. Legner beschreibt ihn als Unterstützer des politischen Establishments, als einen, der kein Interesse hat, der Kanzlerin zu schaden. Demnach wäre es also nicht sonderlich patriotisch gewesen, Gauck zu wählen.

Vom Pastor zum Präsidenten
Joachim Gauck, Angela Merkel Quelle: dapd
Denn schon vor knapp zwei Jahren war der ehemalige Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde der Kandidat der Opposition aus SPD und Grünen und scheiterte erst im dritten Wahlgang am Favoriten der Kanzlerin, Christian Wulff (CDU). Quelle: Reuters
Damals schossen die Umfragewerte für den Mecklenburger Theologen bei der Bevölkerung in die Höhe und so war es nicht verwunderlich, dass nach dem Wulff-Abgang sein Name erneut in aller Munde war. Quelle: dpa
Nach seinem Theologie-Studium in Rostock von 1958 bis 1965 nahm Joachim Gauck (geboren am 24. Januar 1940 in Rostock) seine Tätigkeit bei der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburg auf. Zunächst als Vikar und Pastor in Lüssow (Kreis Güstrow) und ab 1970 im Neubaugebiet Rostock-Evershagen. Quelle: dpa
Als Bürgerrechtler machte Gauck als Mitinitiator der kirchlichen und politischen öffentlichen Protestbewegung in Mecklenburg von sich Reden. In den Jahren 1989 und 1990 leitete er wöchentliche Gottesdienste mit anschließenden Großdemonstrationen in Rostock. Darüber hinaus war Gauck Mitglied und Sprecher des Neuen Forums Rostock. Das Neue Forum war eine Bürgerbewegung, die in der DDR entstand und die Wende wesentlich mitprägte. Quelle: dpa
Die Wendezeit war eine der prägenden Perioden in Gaucks Biografie: Von März bis Oktober 1990 war Gauck Abgeordneter der frei gewählten Volkskammer für das Neue Forum. In dieser Funktion übernahm er die Leitung des „Sonderausschusses zur Kontrolle der Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) /Amt für Nationale Sicherheit (AfNS)“. Im August agierte Gauck als Mitinitiator des Stasiunterlagen-Gesetzes der Volkskammer. Darin wurde vor allem die Öffnung der Stasi-Akten für die „politische, juristische und historische Aufarbeitung“ festgelegt. Quelle: Reuters
Am 3. Oktober 1990, dem Tag der Deutschen Einheit, wurde Gauck vom damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker und Bundeskanzler Helmut Kohl zum „Sonderbeauftragten der Bundesregierung für die personenbezogenen Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes“ berufen. Die Weichen für die „Gauck-Behörde“ waren gelegt, die es später Millionen von Ex-DDR-Bürgern ermöglichen sollte, Einsicht in ihre Stasi-Unterlagen zu erhalten und zu erfahren, von wem und in welchem Umfang sie bespitzelt worden waren. Quelle: dapd

Gauck wollte dieses Amt

Warum ist er also mit seiner Kandidatur das Risiko eingegangen, die Regierung zu stürzen? Gauck wollte dieses Amt – unbedingt, wie Legner beschreibt. Im Jahr 2000 schied der gebürtige Rostocker aus dem Amt des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen aus. Danach suchte er eine neue Aufgabe in der Politik, allerdings ohne (Partei-)Politiker zu werden. Das einzige Amt, das Gauck diese Möglichkeit bieten würde, war Schloss Bellevue.

Nochmal zur Verdeutlichung: Mindestens zehn Jahre vor seiner ersten Kandidatur wollte Gauck bereits Präsident werden. Es lässt sich nur erahnen, was in ihm vorgegangen sein muss, als diese Möglichkeit konkreter wurde. Gleichwohl, betont Legner, sei es Gauck nicht um Eitelkeit gegangen, als er sich „mehr Patrioten“ gewünscht hatte. Dieses Beispiel zeigt: Die Beobachtungen Legners sind nicht ohne Widersprüche.

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