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Boom der Wirtschaftsgeschichte „Wir brauchen einen digitalen Masterplan“

Sebastian Till Braun ist seit 2018 Professor für Quantitative Wirtschaftsgeschichte an der Universität Bayreuth. Quelle: PR

Wirtschaftshistoriker Sebastian Braun über den empirischen Quantensprung seines Fachs, softwaregesteuerte Sütterlin-Übersetzungen – und Lerneffekte mithilfe historischer Dampfmaschinen.

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Sebastian Till Braun ist seit 2018 Professor für Quantitative Wirtschaftsgeschichte an der Universität Bayreuth. Er ist außerdem Research Fellow am Kieler Institut für Weltwirtschaft.

WirtschaftsWoche: Herr Braun, woran arbeiten Sie gerade?
Sebastian Braun: Ich beschäftige mich unter anderem mit der Frage, welche regionalen Unterschiede es bei der Integration von Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg gegeben hat. Da liegen interessante Daten aus alten Volkszählungen vor, teilweise auch auf Individualebene. Ein aktuelles Projekt beschäftigt sich mit regionalen Spillover-Effekten durch Dampfmaschinen ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Wir sind mehr oder weniger zufällig in einem Archiv auf handschriftliche Tabellen gestoßen, aus denen sich ablesen lässt, wer wann und wo in Württemberg eine Dampfmaschine genutzt hat. Wir wollen daraus nun Rückschlüsse ziehen, wie sich eine neue Technologie regional weiterverbreitet, warum die Diffusion in einigen Regionen schneller vonstatten geht – und welche Rolle dabei der Staat spielt.

Die Wirtschaftsgeschichte hat sich gewandelt und arbeitet wie die gesamte VWL immer stärker empirisch. Sind Sie wissenschaftlich ein Profiteur von Big Data und Digitalisierung?
Ja, wenngleich die klassische qualitative Wirtschaftsgeschichte natürlich nicht verschwunden ist. Es gibt mittlerweile in unserem Fach eine sehr gute methodische Arbeitsteilung. Was sich dramatisch verändert hat, sind die Datenmengen, die wir speichern und verarbeiten können. Die Rechnerleistung ist extrem gestiegen, dadurch lassen sich nicht nur Korrelationen leichter ermitteln, sondern auch mit Millionen von Einzeldaten Kausalzusammenhänge aufspüren. Hinzu kommt: Früher mussten wir mit großen Aggregaten arbeiten, etwa Daten auf Länderebene. Nun stehen uns auch zunehmend kleinräumigere Daten zur Verfügung, etwa auf Kreis- und Gemeindeebene. Oder sogar Individualdaten aus Volkszählungen oder der Steuerstatistik. Kleinteilige Analysen haben den Vorteil, dass man schlicht mehr sieht und tiefer blickt. Denken Sie nur an den demografischen Übergang zu geringerer Fertilität am Ende des 19. Jahrhunderts: Mit hochaggregierten Daten sieht es so aus, als sei der Verlauf in Deutschland überall gleich gewesen. Was nicht stimmt.

Rein praktisch gefragt: Wie kommen Datensätze aus alten Schriften, verstaubten Jahrbüchern und Volkszählungen in eine für die empirische Wissenschaft nutzbare Form?
Bei überschaubaren Datenmengen digitalisieren wir das selbst – oft von Hand. Bei größeren Datenpaketen arbeiten wir mit spezialisierten Dienstleistern zusammen. Das läuft dann so ab, dass wir die Datenquellen scannen und zur Transkription weiterleiten. Die Übertragung in Exceltabellen erfolgt dann in der Regel in Asien.

Was kostet das?
Das hängt von der Komplexität der Daten ab. Wir holen immer mehrere Angebote ein und schicken eine Probe. Ein einfacher Excel-Zelleneintrag liegt aktuell bei rund 1,5 US-Cent.

Können Ihnen nicht auch Software und Künstliche Intelligenz bei der Arbeit helfen?
Doch, da gibt es spürbare Fortschritte, etwa bei Software, die automatisch alte Schriften übersetzt oder bei der so genannten OCR-Technologie. Diese wandelt gescannte Papierdokumente in bearbeitbare Dateien um. Das funktioniert in der Wirtschaftsgeschichte aber oft noch nicht richtig, weil die Software die Struktur alter Tabellen nicht so erfasst, wie wir uns das wünschen.

Die amtliche Statistik begann in Deutschland erst so gegen Anfang des 19. Jahrhunderts. Ist die empirisch arbeitende Wirtschaftsgeschichte dadurch limitiert?
Ja, in gewisser Weise. Aus dem 19. Jahrhundert liegen prinzipiell viele Daten vor, sie sind aber noch nicht systematisch erschlossen. Für die Frühmoderne zwischen 1500 und 1800 nimmt die Datenfülle ab, und davor erst recht. Da ist dann die Kreativität unseres Fachs gefragt: Es zum Beispiel Studien zu den Handelsströmen im Römischen Reich, die auf regionalen Keramikfunden aufbauen.

WiWo



Findet in Deutschlands Statistikämtern und Archiven mittlerweile eine flächendeckende Digitalisierung wirtschaftshistorischer Daten statt?
Nein. Es gibt viele kleinteilige Initiativen und Einzelprojekte, aber keinen digitalen Masterplan in den Archiven und Ämtern. Da fehlen oft schlicht die finanziellen Mittel. Wir wissen oft auch nicht, wo bereits digitalisierte Daten abgelegt sind. Es würde die quantitative Wirtschaftsgeschichte enorm weiterbringen, wenn es einen zentralen und allgemein zugänglichen Datenpool gäbe, wo historische Daten digital zusammengeführt werden und mit dessen Hilfe sich Datensätze verknüpfen lassen. Eine solche Verknüpfung eröffnet wissenschaftlich ganz neue Perspektiven und Themen. In einem ersten Schritt würde es der Forschung aber schon helfen, wenn historische Daten in den Archiven zumindest mal flächendeckend gescannt würden.

Mehr zum Thema: Big Data und künstliche Intelligenz sorgen in der VWL für ein Comeback des einstigen Orchideenfachs Wirtschaftsgeschichte. Das Problem ist: In staatlichen Archiven fehlt immer noch Entscheidendes.

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