Buchrezension zu "Jetzt rede ich!" Brüderles Stuhl ist abmontiert

In seinem Buch „Jetzt rede ich!“ schiebt Rainer Brüderle die Schuld für den Untergang der FDP auf die Medien. Dabei vergisst er die Fehler seiner Partei – und seine eigenen.

In seinem Buch

Er wurde ausgeladen, noch vor der ersten Hochrechnung. Der Stuhl, auf dem Brüderle in der Elefantenrunde von ARD und ZDF sitzen sollte, wurde einfach abmontiert. Noch vor 17 Uhr glaubte offenbar keiner mehr daran, dass die FDP die Fünf-Prozenthürde nehmen würde. Die Ausladung empfand der FDP-Spitzenkandidat als „ungerecht“, er war „perplex“.

„Perplex“ ist ein gutes Stichwort. In seinem Buch „Jetzt rede ich!“ spricht Rainer Brüderle mit dem „Bild“-Kolumnisten Hugo Müller-Vogg über das Schicksalsjahr 2013, das Brüderles Ende in der Politik markierte. Müller-Vogg und Brüderle machen einen Rundumschlag: von dem Tag, an dem die FDP abstürzte, über den Wahlkampf und den Sexismus-Skandal, bis hin zur Zukunft der FDP. Der Leser erlebt einen ehemaligen Spitzenkandidaten, der sich von der Härte im Politikbetrieb überrollt fühlt, den die Politik offenbar auch noch nach Jahrzehnten im Geschäft überraschen kann und der sich ständig ungerecht behandelt fühlt - vor allem von den Medien. Ihnen gibt er die Schuld am Untergang der Liberalen.

Die Biographien deutscher Politiker
Rainer Brüderle hat lange geschwiegen. Der frühere FDP-Fraktionschef wollte sich mehr als ein Jahr lang nicht zu den Sexismus-Vorwürfen äußern, die eine „Stern“-Journalistin Anfang 2013 in einem Artikel mit der Überschrift „Der Herrenwitz“ gegen ihn erhoben hatte. Jetzt redet Brüderle. Doch entschuldigen will er sich nicht. Am Mittwoch wird der Gesprächsband „Jetzt rede ich!“ erscheinen, den der 68-Jährige zusammen mit dem Publizisten Hugo Müller-Vogg verfasst hat. Darin wird deutlich: Der frühere Bundeswirtschaftsminister sieht sich als Opfer einer politisch motivierten Medienkampagne. In dem Buch, aus dem der „Focus“ vorab Auszüge druckt, spricht er von einem „Feldzug“. In einem Interview, das an diesem Montag im „Handelsblatt“ erschien, wird Brüderle noch deutlicher. „Der "Stern" wollte die FDP und mich beschädigen. Es war eine rein politisch motivierte Attacke“, sagt er. Der Artikel sei von langer Hand geplant gewesen. „Ich hatte und habe ein reines Gewissen.“ Quelle: dpa
In "Mein Leben in der Politik" erzählt Ex-Kanzler Gerhard Schröder von seinem Weg aus einfachen Verhältnissen bis in das höchste deutsche Regierungsamt. Quelle: AP
Einst war sie eine unbekannte Physikerin aus Ost-Berlin, Pfarrerstochter. Dann folgte ihre Zeit als Kohls Mädchen. Heute ist Angela Merkel politisch die mächtigste Frau der Welt. Ihre Stationen auf dem Weg dorthin schildert sie in ihrer Biographie "Mein Weg." Quelle: dpa
Dank ihm ist Berlin arm, aber sexy. Er selbst ist schwul - und das ist auch gut so. So heißt auch seine Autobiographe. Berlins regierender Oberbürgermeister Klaus Wowereit erzählt in seiner Biographie "...und das ist auch gut so. Mein Leben für die Politik" von seinem Ruf als Partylöwen, seiner Kindheit, seinem Jurastudium und seinem politischen Werdegang. Quelle: dpa
Als er 38 Jahre alt war, widmete Anna von Bayern dem damaligen CSU-Minister Karl Theodor zu Guttenberg eine Biographie mit dem klangvollen Titel „Karl-Theodor zu Guttenberg - Aristokrat, Politstar, Minister“. Sie beschreibt KT, wie der damalige Star der deutschen Politszene genannt wurde, als Besucher von Technoclubs, als liebevollen Vater, zielstrebigen Minister und Politiker und immer wieder in Superlativen. Die Rede ist vom Hoffnungsträger und Heilsbringer.  Quelle: dpa
Willy Brandt berichtet in "Links und frei - Mein Weg 1930 - 1950" von den wichtigsten Stationen seines Lebenswegs in den dreißiger und vierziger Jahren, die ihn unter anderem ins skandinavische Exil führten. Die Autobiographie berichtet von seiner Jugend in Lübeck, die mit dem Zusammenbruch der ersten deutschen Demokratie und dem erzwungenen Exil ihr Ende fand. Er schildert die Jahre bis zum Kriegsausbruch, in denen er sowohl in Oslo, Paris, Berlin und Barcelona arbeitete, spricht von seiner Rückkehr nach Deutschland und darüber, wie er in der wiederauferstandenen SPD politische Verantwortung übernahm. Quelle: dpa
Edmund Stoiber schildert in seiner Autobiographie "Weil die Welt sich ändert" seine politischen Ziele und Visionen, sein Verhältnis zu Strauß und kann dabei sogar über sich selbst schmunzeln. Seine berühmte Flughafen-Rede lässt er genauso wenig aus, wie die zahlreichen Persiflagen auf seine Reden.  Quelle: dpa

„Jetzt rede ich“ – das klingt nach reinen Tisch machen, nach Klartext. Auf den rund 150 Seiten gelingt das Brüderle aber nur an einer Stelle: Dort, wo er sein Schweigen zum Sexismus-Skandal bricht. Brüderle gibt erstmals zu, dass jedes seiner Zitate, die der Stern in dem Artikel über den Abend an der Stuttgarter Hotelbar mit der Journalistin Laura Himmelreich abdruckte, wahr ist. „Sie könnten auch ein Dirndl ausfüllen“, ja, das habe er gesagt. „Im Laufe unseres Gesprächs greift er nach meiner Hand und küsst sie“, ja, das sei richtig gewesen. „Ich möchte, dass Sie meine Tanzkarte annehmen“, ja, auch das stimme. Trotzdem kann Brüderle die Empörung im Netz, die #Aufschrei-Debatte nicht nachvollziehen: „Mir fehlte und fehlt jedes Bewusstsein mich daneben benommen zu haben“, sagt er. Besonders ärgerlich an dieser Stelle ist die verniedlichende Darstellung Müller-Voggs: „Sind Sie in gewisser Weise das Opfer Ihres rheinpfälzischen Naturells geworden?“

In seinem Buch „Jetzt rede ich!“ spricht Rainer Brüderle mit dem „Bild“-Kolumnisten Hugo Müller-Vogg über das Schicksalsjahr  2013. (zum Vergrößern bitte anklicken) Quelle: Presse

Es verblüfft und betrübt zugleich, dass Brüderle nicht versteht, warum sein Verhalten in der Gesellschaft für Empörung sorgte. Brüderle hingegen ist überzeugt, der Artikel hatte nur einen Zweck: ihn und die FDP zu schädigen. „Diese Kampagne war politisch motiviert und zielte auf den Menschen“, sagt Brüderle. Der mediale Hype habe ihn überrascht – mal wieder, der perplexe Brüderle.

Auch an anderen Stellen im Buch lässt sich Brüderle in die Karten schauen. Er erzählt von der kalten Kanzlerin, die sich nach dem Wahlabend erst Wochen später bei ihm meldet. Er erzählt von einem Vier-Augen-Gespräch im Januar 2013 zwischen dem ehemaligen Parteivorsitzenden Philipp Rösler und Brüderle, in dem Rösler Brüderle den Parteivorsitz anbietet. Er lehnt ab, weil die FDP „eine schwierige Partei“ sei, an deren „Spitze eine kleine harmonierende Truppe stehen“ muss. Wir lernen: Brüderle hätte im Wahlkampf die als Parteivorsitzender die Fäden in der Hand halten können, er wollte aber nicht.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%