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Bundeskanzlerin Ursula von der Leyen? Die Meisterin im Umarmen

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Das System von der Leyen

Die erste Verteidigungsministerin Deutschlands macht erst seit 14 Jahren Politik, seit zehn Jahren in Berlin. Sie rennt über die meisten Widerstände hinweg, die sich ihr bieten. Das Buch erklärt, wie das System von der Leyen funktioniert. Diese Art der Annäherung lässt aber auch manche Lebensetappe im Verborgenen.

Der frühe Tod ihrer Schwester Benita wird nur gestreift, Röschen ist damals 13 Jahre alt und fortan das einzige Mädchen unter fünf Albrecht-Brüdern. Und bis zum Schluss rätselt die Leserin etwas, wie aus der sehr unentschlossenen Studentin erst der Archäologie, dann der Volkswirtschaft und schließlich der Medizin, wie aus der Mutter, die noch mit Mitte 30 Geld des Vaters für den Babysitter bekam, innerhalb weniger Jahre eine so zielstrebige Ministerin werden konnte.

Braucht die Bundeswehr mehr Geld?

Ins Regieren verliebt

Vieles jedoch erklärt sich über diesen Vater, der 1976 Ministerpräsident wird. Tochter Ursula ist 17. „Mein Vater war ins Regieren verliebt und eher zufällig in der CDU“, wird die Tochter im Buch zitiert. Das gilt auch für sie. Auch ihr Vater beherrschte die politische Umarmung. „Wie ihr Vater setzt sie ihre Interessen oft lächelnd durch. Wie ihr Vater findet sie Parteipolitik langweilig“, heißt es im Buch. Parteitage steht sie so durch.

Inzwischen ist sie, die Populäre, sogar stellvertretende Chefin der CDU. Doch bei Abstimmungen fährt sie bei den Delegierten regelmäßig das schwächste Ergebnis ein. Ihr Vater inszeniert bereits in den 1970er Jahren seine Familie öffentlich, die Kinder spielen kleine Theaterstücke vor und singen im Fernsehen Jagdlieder. Seine Tochter zeigt ihre Familie mit den sieben Kindern später auf ähnliche Weise vor. Neider im Politikbetrieb sehen in ihr eine Spezialistin für Eigenwerbung. In der Bevölkerung geht sie als moderne, geerdete Ministerin durch. Röschen polarisiert.

Von der Leyen fällt zudem wegen ihrer großbürgerlichen Herkunft auf. Viele Politiker sind Aufsteiger, oft aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Sie stammt aus wohlhabendem Hause, wurde in Brüssel geboren und ging dort zur Schule. Sie studierte in London und lebte im kalifornischen Stanford. Kontakte knüpfte sie nicht in endlosen Hinterzimmerrunden einer Partei. Schon als Jugendliche lernte sie Hans-Dietrich Genscher oder Vicco von Bülow alias Loriot kennen – zu Hause.

Das System von der Leyen hat viel mit dieser Herkunft zu tun. Sie selbst hat ihre politischen Ideen und Projekte immer mit ihrer Biografie verknüpft. Wenn sie sich für die Vereinigten Staaten von Europa einsetzt oder für eine aktivere Rolle der Bundeswehr in Krisengebieten, vergisst sie nicht, ihre eigenen Jahre im Ausland als bewusstseinserweiternde Erlebnisse zu erwähnen.

Streitet sie fürs Elterngeld oder Krippenplätze, garniert sie die Forderungen mit Erfahrungen als siebenfache Mutter. Vereinbarkeit von Familie und Beruf ? Sie spricht über ihren an Demenz erkrankten Vater. Ihr Einsatz für die Quote in Führungspositionen – undenkbar ohne Hinweis auf eigene Erfahrungen als junge Ärztin.

Die Biographien deutscher Politiker
Rainer Brüderle hat lange geschwiegen. Der frühere FDP-Fraktionschef wollte sich mehr als ein Jahr lang nicht zu den Sexismus-Vorwürfen äußern, die eine „Stern“-Journalistin Anfang 2013 in einem Artikel mit der Überschrift „Der Herrenwitz“ gegen ihn erhoben hatte. Jetzt redet Brüderle. Doch entschuldigen will er sich nicht. Am Mittwoch wird der Gesprächsband „Jetzt rede ich!“ erscheinen, den der 68-Jährige zusammen mit dem Publizisten Hugo Müller-Vogg verfasst hat. Darin wird deutlich: Der frühere Bundeswirtschaftsminister sieht sich als Opfer einer politisch motivierten Medienkampagne. In dem Buch, aus dem der „Focus“ vorab Auszüge druckt, spricht er von einem „Feldzug“. In einem Interview, das an diesem Montag im „Handelsblatt“ erschien, wird Brüderle noch deutlicher. „Der "Stern" wollte die FDP und mich beschädigen. Es war eine rein politisch motivierte Attacke“, sagt er. Der Artikel sei von langer Hand geplant gewesen. „Ich hatte und habe ein reines Gewissen.“ Quelle: dpa
In "Mein Leben in der Politik" erzählt Ex-Kanzler Gerhard Schröder von seinem Weg aus einfachen Verhältnissen bis in das höchste deutsche Regierungsamt. Quelle: AP
Einst war sie eine unbekannte Physikerin aus Ost-Berlin, Pfarrerstochter. Dann folgte ihre Zeit als Kohls Mädchen. Heute ist Angela Merkel politisch die mächtigste Frau der Welt. Ihre Stationen auf dem Weg dorthin schildert sie in ihrer Biographie "Mein Weg." Quelle: dpa
Dank ihm ist Berlin arm, aber sexy. Er selbst ist schwul - und das ist auch gut so. So heißt auch seine Autobiographe. Berlins regierender Oberbürgermeister Klaus Wowereit erzählt in seiner Biographie "...und das ist auch gut so. Mein Leben für die Politik" von seinem Ruf als Partylöwen, seiner Kindheit, seinem Jurastudium und seinem politischen Werdegang. Quelle: dpa
Als er 38 Jahre alt war, widmete Anna von Bayern dem damaligen CSU-Minister Karl Theodor zu Guttenberg eine Biographie mit dem klangvollen Titel „Karl-Theodor zu Guttenberg - Aristokrat, Politstar, Minister“. Sie beschreibt KT, wie der damalige Star der deutschen Politszene genannt wurde, als Besucher von Technoclubs, als liebevollen Vater, zielstrebigen Minister und Politiker und immer wieder in Superlativen. Die Rede ist vom Hoffnungsträger und Heilsbringer.  Quelle: dpa
Willy Brandt berichtet in "Links und frei - Mein Weg 1930 - 1950" von den wichtigsten Stationen seines Lebenswegs in den dreißiger und vierziger Jahren, die ihn unter anderem ins skandinavische Exil führten. Die Autobiographie berichtet von seiner Jugend in Lübeck, die mit dem Zusammenbruch der ersten deutschen Demokratie und dem erzwungenen Exil ihr Ende fand. Er schildert die Jahre bis zum Kriegsausbruch, in denen er sowohl in Oslo, Paris, Berlin und Barcelona arbeitete, spricht von seiner Rückkehr nach Deutschland und darüber, wie er in der wiederauferstandenen SPD politische Verantwortung übernahm. Quelle: dpa
Edmund Stoiber schildert in seiner Autobiographie "Weil die Welt sich ändert" seine politischen Ziele und Visionen, sein Verhältnis zu Strauß und kann dabei sogar über sich selbst schmunzeln. Seine berühmte Flughafen-Rede lässt er genauso wenig aus, wie die zahlreichen Persiflagen auf seine Reden.  Quelle: dpa

Vergebliche Hoffnung auf Bellevue

Und weil es so viele „Herzensthemen“ sind, die von der Leyen mit Eifer vorbringt, streift sie leichter als andere Politiker Niederlagen ab. Wer erinnert sich noch daran, dass ihre Rentenpläne nur wenig gediehen, dass ihr Bildungspaket für Kinder als Hartz-IV-Familien kein durchschlagender Erfolg war oder dass sie vergeblich hoffte, als Bundespräsidentin ins Schloss Bellevue einzuziehen?

„Als allgegenwärtige Sozialreformerin aus dem braven Bürgertum passt von der Leyen in keine Norm“, schreiben Dausend und Niejahr. „Progressiv im Handeln, konservativ in der persönlichen Lebensführung, immer offensiv und zuweilen glamourös in der Außendarstellung.“

In einem Foto-Interview ohne Worte antwortet von der Leyen auf die Frage, worauf sie bei Männern als Erstes achte, mit einem Klaps auf den Hintern. Sie leiht sich Klamotten der Töchter und geht schon mal mit der Familie und samt Personenschutz ins nahe Freibad. Auf dem roten Teppich tauscht sie Küsschen mit Frauenschwarm George Clooney aus, in einer TV-Show hüpft sie Schauspieler Hugh Jackman auf den Arm.

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