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Bundespräsident Christian Wulff - der geschmeidige Versöhner

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Wendelin Wiedeking, damals Vorstandsvorsitzender des Sportwagenbauers, hatte darauf spekuliert, die EU werde das VW-Gesetz kippen. Die Regelung aus dem Jahr 1960 räumt dem Land Niedersachsen, das 20 Prozent am Konzern hält, Sonderrechte ein und verhindert so, dass der größte Arbeitgeber des Landes von einem Investor komplett geschluckt werden kann. Wiedekings Plan: Ist die rechtliche Hürde erst einmal weg, sollte die Sportwagenschmiede den zigmal größeren Autokonzern komplett übernehmen.

Doch Wiedeking hatte die Rechnung ohne Wulff gemacht: Dieser sah nicht tatenlos zu, wie die Macht im größten niedersächsischen Unternehmen von der Porsche-Zentrale in Stuttgart übernommen wird. Über die Zukunft der Jobs in seinem Land sollte nicht in der Ferne entschieden werden. Bei einem Abendessen im April 2008 überzeugte er Bundeskanzlerin Angela Merkel, der EU-Kommission zwar Zugeständnisse zu machen, den Kern des VW-Gesetzes aber zu erhalten.

Im taktisch raffinierten Zusammenspiel mit Großaktionär und Aufsichtsratschef Piëch konterte Wulff den Angriff aus dem Süden. Während Piëch seinen Cousin Wolfgang Porsche weichkochte, organisierte der Landesvater die politische Rückendeckung. Arabischen Geldgebern, die Wiedeking anheuern wollte, machte Wulff in Gesprächen von Herrscher zu Scheich klar, dass sie nicht gegen die Interessen des Landes Niedersachsen agieren sollten. Wiedeking war erst düpiert, dann deplatziert – und musste gehen.

Knallharter Standortpolitiker

Für den Ministerpräsidenten hätte es nicht besser kommen können: Die Sonderrechte des Großaktionärs Niedersachsen sind künftig in der Satzung des Unternehmens festgeschrieben. Sollte eines Tages das VW-Gesetz doch noch kippen, behält das Land deshalb trotzdem seinen Einfluss auf Volkswagen.

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Standort erkennen

    „Knallharte, staatsinterventionistische Standortpolitik“ attestiert der frühere bayrische Wirtschaftsminister und CSU-Vorsitzende Erwin Huber am Vorabend der Präsidentenwahl dem früheren Konkurrenten aus dem Norden. „Es darf ja Wettbewerbsföderalismus geben, aber mit der Marktwirtschaft hat er es nicht so genau genommen.“ Ob bei Automobilbau oder Luftfahrtindustrie, Wulff habe durchgezogen. Unter seiner schwarz-gelben Regierung kletterte Niedersachsen in den Länder-Ranglisten nach oben.

    „Das Machtinteresse steht über der Marktwirtschaft, wie bei jedem Regierungschef“, fasst Ex-Wirtschaftsminister Walter Hirche die wirtschaftspolitische Maxime Wulffs zusammen. „Er hat sich oft auf Ludwig Erhard berufen, aber dessen Credo in der Praxis immer mit der katholischen Soziallehre verbunden.“

    Als Ministerpräsident gab Wulff den Unternehmern und Top-Managern seines Bundeslandes zwei Zusagen: dass er ihnen zuhört und dass er ihnen nach Kräften hilft, wenn es im Interesse des Landes ist. Nicht wenigen Wirtschaftsbossen reichte er eine Visitenkarte, auf der er handschriftlich seine Handynummer notiert hatte. Wer Probleme habe, solle einfach direkt durchklingeln, und er werde sehen, was er tun kann. So was kommt an bei Managern, die sich häufig von der Politik stiefkindlich behandelt fühlen.

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