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Bundespräsident Christian Wulff - der geschmeidige Versöhner

Als Landesvater in Niedersachsen pflegte Christian Wulff den kurzen Draht zu Unternehmen und Gewerkschaften. Als Staatsoberhaupt soll der Zusammenhalt der Gesellschaft sein großes Thema werden.

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Bundespräsident Christian Quelle: dpa

Zum letzten großen Auftritt des Ministerpräsidenten Christian Wulff reisten die Lehrherren fast geschlossen aus Wolfsburg an. Im Garten der niedersächsischen Landesvertretung in Berlin versammelte sich die VW-Spitze zum Sommerfest. Zwei Tage vor der Wahl des Landesvaters zum Staatsoberhaupt beehrten nicht nur Vorstandschef Martin Winterkorn und Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch den künftigen Bundespräsidenten. Auch der Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch, eigentlich in Salzburg zu Hause, kam mit Gattin Ursula an die Spree. Beim Autozaren und dessen Leuten hat Wulff in den vergangenen Jahren seine Ausbildung als Wirtschaftspolitiker und Machtspieler erfolgreich absolviert.

Der neue Bundesvorsteher, der jüngste in der Geschichte des Landes, hat in den vergangenen Jahren mehr Wirtschafts- und Industriepolitik gemacht als die meisten seiner Politikerkollegen. Als Vertreter des Anteilseigners Niedersachsen hat er im VW-Aufsichtsrat nicht nur einen Schnellkurs in praktischer Globalisierung besucht, sondern in einem packenden Machtkampf am vielleicht bald größten Automobilkonzern der Welt mitgebaut.

Nach dem Währungsfachmann Horst Köhler, der gern mal deutliche Worte gegen Wirtschaft und Finanzbranche fand und wegen öffentlicher Kritik an ihm selbst den Dienst quittiert hat, zieht nun ein pragmatischer Marktwirtschaftler und geschmeidiger Versöhner ins Schloss Bellevue ein. Einer, der in seiner Heimat Arbeitgebern und Gewerkschaften gleichermaßen entgegenkam, der zumindest nach außen lieber anschmiegt als aneckt. „Die Zukunft gehört den Sanftmütigen und Friedfertigen“, kokettiert er mit seinem Schwiegersohn-Image.

Dass er die Finanzmärkte „Monster“ schimpfen könnte, wie es Köhler tat, ist kaum zu erwarten. „Ich glaube nicht, dass Wulff mit Kampfbegriffen arbeiten wird“, sagt Walter Hirche, der dessen Marsch durch die niedersächsische Politik seit 30 Jahren beobachtet und sechs Jahre als FDP-Wirtschaftsminister in dessen Kabinett saß. „Er wird sich wohl eher in sozial- und gesellschaftspolitischen Fragen engagieren als in der Wirtschaftspolitik.“

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    Moderator

    Zwar wünscht sich die Wirtschaft klare Worte gegen Pessimismus und Politikverdrossenheit sowie Unterstützung bei Konzepten für nachhaltiges Wachstum. „Der Bundespräsident kann eine Menge bewirken, wenn er beharrlich ist und wagt, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen“, heißt es beispielsweise in Kreisen des Bundesverbands der Deutschen Industrie. In seiner Rolle als Landesvater hatte sich Wulff eher auf das Zusammenführen verlegt und konnte sich nicht zuletzt deswegen ausgiebig über positive Umfragewerte freuen.

    „Er wird über den unruhigen Gewässern schweben und als Moderator wirken“, erwartet Josef Schlarmann, Vorsitzender der CDU/CSU-Mittelstandsvereinigung und Wirtschaftsministerkandidat im einstigen Wulff’schen Schattenkabinett. Und seufzt: „Ein Ruck-Präsident wird er nicht.“

    Doch es gibt nicht nur den Wulff im Schafspelz. Seinen Aufstieg hat der Lange aus Osnabrück zielstrebig und beharrlich organisiert, herbe Niederlagen weggesteckt. Ein holpriger Start ist inzwischen Wulffs Karriere-Kennzeichen. Erst beim dritten Versuch wählten ihn die Niedersachsen zum Ministerpräsidenten. Die maximalen drei Wahlgänge benötigte er vergangenen Mittwoch in der Bundesversammlung. Und auch sein Engagement als Industriepolitiker bei VW begann für Wulff mit einer krachenden Niederlage.

    Den alternden Konzernlenker Ferdinand Piëch wollte Wulff erst an den Rand und dann aus dem VW-Aufsichtsrat hinausdrängen. Als Porsche 2005 die ersten Volkswagenaktien kaufte, witterte der Ministerpräsident Gefahr für den Standort Niedersachsen. Dem Porsche-Inhaber Piëch unterstellte er einen Interessenkonflikt, der Firmenerbe sollte den Aufsichtsratsvorsitz an eine neutrale Person übertragen. Doch der Senior gewann das Duell. Beim anschließenden Machtkampf mit dem Aggressor Porsche aber stritten der Patriarch aus Salzburg und der Landesherr aus Hannover Seit an Seit.

    Wendelin Wiedeking, damals Vorstandsvorsitzender des Sportwagenbauers, hatte darauf spekuliert, die EU werde das VW-Gesetz kippen. Die Regelung aus dem Jahr 1960 räumt dem Land Niedersachsen, das 20 Prozent am Konzern hält, Sonderrechte ein und verhindert so, dass der größte Arbeitgeber des Landes von einem Investor komplett geschluckt werden kann. Wiedekings Plan: Ist die rechtliche Hürde erst einmal weg, sollte die Sportwagenschmiede den zigmal größeren Autokonzern komplett übernehmen.

    Doch Wiedeking hatte die Rechnung ohne Wulff gemacht: Dieser sah nicht tatenlos zu, wie die Macht im größten niedersächsischen Unternehmen von der Porsche-Zentrale in Stuttgart übernommen wird. Über die Zukunft der Jobs in seinem Land sollte nicht in der Ferne entschieden werden. Bei einem Abendessen im April 2008 überzeugte er Bundeskanzlerin Angela Merkel, der EU-Kommission zwar Zugeständnisse zu machen, den Kern des VW-Gesetzes aber zu erhalten.

    Im taktisch raffinierten Zusammenspiel mit Großaktionär und Aufsichtsratschef Piëch konterte Wulff den Angriff aus dem Süden. Während Piëch seinen Cousin Wolfgang Porsche weichkochte, organisierte der Landesvater die politische Rückendeckung. Arabischen Geldgebern, die Wiedeking anheuern wollte, machte Wulff in Gesprächen von Herrscher zu Scheich klar, dass sie nicht gegen die Interessen des Landes Niedersachsen agieren sollten. Wiedeking war erst düpiert, dann deplatziert – und musste gehen.

    Knallharter Standortpolitiker

    Für den Ministerpräsidenten hätte es nicht besser kommen können: Die Sonderrechte des Großaktionärs Niedersachsen sind künftig in der Satzung des Unternehmens festgeschrieben. Sollte eines Tages das VW-Gesetz doch noch kippen, behält das Land deshalb trotzdem seinen Einfluss auf Volkswagen.

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      „Knallharte, staatsinterventionistische Standortpolitik“ attestiert der frühere bayrische Wirtschaftsminister und CSU-Vorsitzende Erwin Huber am Vorabend der Präsidentenwahl dem früheren Konkurrenten aus dem Norden. „Es darf ja Wettbewerbsföderalismus geben, aber mit der Marktwirtschaft hat er es nicht so genau genommen.“ Ob bei Automobilbau oder Luftfahrtindustrie, Wulff habe durchgezogen. Unter seiner schwarz-gelben Regierung kletterte Niedersachsen in den Länder-Ranglisten nach oben.

      „Das Machtinteresse steht über der Marktwirtschaft, wie bei jedem Regierungschef“, fasst Ex-Wirtschaftsminister Walter Hirche die wirtschaftspolitische Maxime Wulffs zusammen. „Er hat sich oft auf Ludwig Erhard berufen, aber dessen Credo in der Praxis immer mit der katholischen Soziallehre verbunden.“

      Als Ministerpräsident gab Wulff den Unternehmern und Top-Managern seines Bundeslandes zwei Zusagen: dass er ihnen zuhört und dass er ihnen nach Kräften hilft, wenn es im Interesse des Landes ist. Nicht wenigen Wirtschaftsbossen reichte er eine Visitenkarte, auf der er handschriftlich seine Handynummer notiert hatte. Wer Probleme habe, solle einfach direkt durchklingeln, und er werde sehen, was er tun kann. So was kommt an bei Managern, die sich häufig von der Politik stiefkindlich behandelt fühlen.

      Stabiles Netz

      So knüpfte Wulff in den sieben Jahren als Ministerpräsident ein stabiles Netz zwischen Staatskanzlei und den großen Arbeitgebern des Landes. VW-Chef Winterkorn gehörte dazu, Ekkehard Schulz von ThyssenKrupp und der ehemalige Continental-Manager Karl-Thomas Neumann; aber auch Mittelständler wie Keksfabrikant Hermann Bahlsen, Werftbesitzer Bernard Meyer oder Großdrogist Dirk Roßmann.

      Jürgen Großmann, Chef des Energieriesen RWE und Eigentümer des Osnabrücker Stahlunternehmens Georgsmarienhütte, darf sich zu den engen Freunden Wulffs zählen. Nicht nur, dass Wulff häufig als Gast im La Vie einkehrt, dem Restaurant des Stahlbarons. Auch Großmann fährt häufig nach Hannover. Im Oktober 2007 stellte er in den Räumen der Nord/LB ein Buch des CDU-Politikers vor, obwohl er an diesem Tag in Essen als Chef des Energieriesen RWE antreten musste.

      Ein schillernder Unternehmer, der ebenfalls als Freund Wulffs gilt, ist der Gründer des Finanzvertriebs AWD, Carsten Maschmeyer. Wie Großmann war er zur Hochzeit des Ministerpräsidenten im März 2008 eingeladen. Maschmeyer hat Wulff einiges zu verdanken – auch seine neue Lebensgefährtin, die Schauspielerin Veronica Ferres: Wulff hatte beide vor zwei Jahren auf der Berlinale miteinander bekannt gemacht.

      Großmann, Maschmeyer, der Anwalt Götz von Fromberg – Wulff folgte nicht nur Gerhard Schröder im Ministerpräsidentenamt nach, sondern eroberte auch dessen Freundeskreis. Der SPD-Macher aus Hannover war dem jungen CDU-Politiker aus Osnabrück seit jeher Schicksal und Herausforderung. Der rauflustige Sozialdemokrat demütigte den artig wirkenden Rivalen mit besonderer Hingabe.

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        Doch durch Wulffs wirtschaftspolitische Aktionen zieht sich dieselbe Spur wie bei Schröder: Es ist schön, wenn sich alles marktwirtschaftlich regeln lässt. Wenn nicht – auch gut. Wenn er Gefahren für niedersächsische Arbeitsplätze sah, scheut er nicht davor zurück, sich einzumischen – manchmal lautstark, manchmal leise intrigierend. „Ihm hat imponiert, wie Schröder das aufgezogen hat“, erinnert sich ein Weggefährte. „Dem wollte er nacheifern.“ Und dasselbe Macher-Markenzeichen ergattern.

        Den Versuch des fränkischen Autozulieferers Schaeffler, den hannoverschen Konzern Continental zu übernehmen, versucht er zu stoppen. „Wir erwarten natürlich, dass der Conti-Vorstand Conti-Interessen vertritt und nicht in erster Linie die eines noch so großen Aktionärs“, drängte Wulff und drohte: „Da wird sich jetzt auch die ganze Kraft der Regierung auf Conti und Schaeffler konzentrieren, nachdem wir VW und Porsche jetzt auf einen guten Weg gebracht haben.“ Noch immer ist offen, wo der fusionierte Konzern seinen Sitz haben wird.

        Im Fall des Oldenburger Filmentwicklers Cewe Color legte sich Wulff mit dem US-Finanzinvestor Guy Wyser-Pratte an. Der hatte Anteile an Cewe Color erworben und drängte auf der Hauptversammlung 2007 darauf, eine Sonderdividende zu beschließen. Ein solches Ausbluten wollte Wulff jedoch nicht dulden. Also sprach er vor der Hauptversammlung in die TV-Kameras: „Eine kreditfinanzierte Ausschüttung schadet dem Unternehmen und gefährdet Arbeitsplätze.“ Zugleich zog er hinter den Kulissen die Strippen über die teilstaatliche Nord/LB, die 7,8 Prozent an Cewe Color hält. Wyser-Pratte scheiterte. „Ein Kommunist“ sei der Ministerpräsident, schimpfte er. Die Beschimpfung sei ihm lieber, sagte Wulff später, als Arbeitsplätze zu verlieren.

        Als der Karosseriebauer Karmann in Osnabrück auf die Pleite zurast, fährt er sofort zu den Arbeitern. Inzwischen sind die Probleme zwar noch nicht gelöst, aber immerhin ist VW dort eingestiegen. „Wir bedauern sehr, dass sich Wulff aus der gestaltenden Politik verabschieden will“, trauert Gerhard Schrader, der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende.

        Der Bundeskanzlerin dürfte das nicht so unlieb sein. Denn das Verhältnis der beiden war in den vergangenen Jahren merklich abgekühlt. Schon früh hatte er sich mit der CDU-Novizin aus dem Osten angefreundet und sie auf dem Weg durch die Partei unterstützt. Am Krankenbett besuchte er die junge Ministerin im Kabinett Kohl und empfahl ihr seine JU-Bekannte Beate Baumann als Mitarbeiterin – die fröhliche Anglistin dient Merkel seit mittlerweile 15 Jahren als Büroleiterin und engste Vertraute. Wulff sah in ihr freilich bald die größte Gefahr für sein Verhältnis zur Vorsitzenden.

        Denn das ist emotionaler als bei den meisten seiner Kollegen – ein stetes Auf und Ab. „Merkel kann ihm gar nicht so viel Aufmerksamkeit und Zuwendung geben, wie er erwartet“, resümiert ein langjähriger Wegbegleiter. Von der Chefin fühlte er sich nicht ausreichend eingebunden, revanchierte sich auch vor größeren Journalistenrunden mit abfälligen Bemerkungen über die Kanzlerin, der das flugs hinterbracht wurde. Wulff galt ihr bald als notorisch undichte Stelle in den Präsidiumssitzungen, nicht nur Merkel entwickelte ein ausgeprägtes Misstrauen.

        Vor genau zwei Jahren versuchte Wulff spektakulär, sich aus der Schusslinie zu nehmen. Als Kanzler – und damit als Konkurrent Merkels – komme er nicht infrage. „Mir fehlt der unbedingte Wille zur Macht und die Bereitschaft, dem alles unterzuordnen.“ Er sei kein „Alpha-Tier“.

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