Bundespräsident Ganz ordentlich, Herr Gauck

Die Menschen mögen ihn, die Politik hat sich noch nicht ganz an den Pastor aus Rostock gewöhnt. Bundespräsident Gauck hat einen neuen Stil und neue Inhalte mit ins Amt gebracht. Überraschend oft ist er in den Schlagzeilen. Nicht immer ist das gewollt.

Die feierliche Vereidigung von Joachim Gauck
Joachim Gauck Quelle: dapd
Die Altbundespräsidenten Richard von Weizsäcker (l.) und Roman Herzog ließen es sich nicht nehmen, zum Amtsantritt des neuen Bundespräsidenten ins Reichstagsgebäude in Berlin zu kommen. In einer gemeinsamen Sitzung von Bundestag und Bundesrat wurde Gauck vereidigt. Quelle: dpa
Gruppenfoto: In trauter Einigkeit präsentieren sich Bundeskanzlerin, Bundestagspräsident, Bundespräsident a.D. und Bundespräsident in spe vor der Zeremonie. Quelle: Reuters
Etliche Abgeordnete nahmen an der Vereidigung des neuen Bundespräsidenten teil. Am Sonntag hatte die Bundesversammlung den ehemaligen DDR-Bürgerrechtler und Theologen zum neuen Staatsoberhaupt gewählt. Quelle: dpa
Bundestagspräsident Norbert Lammert würdigte die Wahl Gaucks in seiner Rede als Zeichen des unaufhaltsamen Fortschritts beim Zusammenwachsen von Ost und West. Gauck werde getragen von einer Woge der Sympathie, die Erwartungen seien hoch. Quelle: dpa
Alter und neuer Bundespräsident: Auch Christian Wulff (r.) erschien mit Ehefrau Bettina im Reichstag. Er trat zurück, nachdem die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen Vorteilnahme gegen ihn aufnahm. Quelle: Reuters
Norbert Lammert vereidigt Joachim Gauck zum Bundespräsidenten Quelle: dpa
Lammert (r.) gratuliert Gauck als Erster zu dessen neuen Aufgabe. Quelle: Reuters
Bundeskanzlerin Merkel beglückwünscht den Bundespräsidenten Gauck zur Vereidigung Quelle: rtr
Glückwünsche von der SPD: Sigmar Gabriel und Frank-Walter Steinmeier hätten Joachim Gauck schon 2010 gern zum Bundespräsidenten gemacht. Quelle: Reuters
Ex-Bundespräsident Christian Wulff (r.) gratuliert seinem Nachfolger Gauck Quelle: AP
Auch Daniela Schadt beglückwünscht ihren Lebensgefährten zum neuen Amt. Die beiden sind das erste unverheiratete Paar, das ins Schloss Bellevue einzieht. Quelle: Reuters
Die erste Rede als Bundespräsident: Gauck sicherte seinem Vorgänger Wulff zu, dessen Engagement für die Integration aller in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund auch zu seinem Anliegen zu machen. Alle, die hier leben, sollten sich auch hier zuhause fühlen können, sagte das neue Staatsoberhaupt. Quelle: dapd
Der Bundespräsident hat in seiner Antrittsrede den Zusammenhang zwischen Freiheit und Gerechtigkeit hervorgehoben. Freiheit sei eine „notwendige Bedingung von Gerechtigkeit“, sagte er am Freitag in Berlin. Quelle: Reuters
Gauck bekannte sich in seiner Rede auch zu Europa. Gerade in der Krise heiße es: „Wir müssen mehr Europa wagen“, sagte der neue Bundespräsident. Quelle: Reuters

Wenn es so weiter geht, steht uns noch einiges bevor. Denn reibungslos waren sie nicht, die ersten 100 Tage des Bundespräsidenten Joachim Gauck. Nach eher zaghaftem Beginn hat er fast Woche für Woche Aufmerksamkeit gefunden, auch Kritik und Kontroversen ausgelöst, zuletzt mit seiner aufgeschobenen Unterschrift unter Fiskalpakt und Euro-Rettungsschirm, oder mit seiner Rede über Auslandseinsätze der Bundeswehr, „Mut-Bürger“ in Uniform und die „glückssüchtigen“ Deutschen.

Auch die Absage eines Besuchs in der Ukraine, die Warnung vor Planwirtschaft bei der Energiewende, der Islam, der vielleicht doch nicht zu Deutschland gehört, und der spektakuläre Abschied von Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) liegen noch nicht lange zurück. Dazwischen hat uns der 72-Jährige starke Bilder beschert, emotionale Jubelszenen aus Fußballstadien, Trauer in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, würdiges Erinnern im holländischen Breda. Fast immer dabei war Lebensgefährtin Daniela Schadt, die zwar zugibt, ihre neue Rolle noch nicht ganz gefunden zu haben, die aber große Sympathie und Anerkennung findet.

Plakative Botschaften sind Gauck fremd

Manchmal scheint das erste Paar der Republik noch überrascht von der neuen Rolle und Prominenz. Vor dem Treffen mit der niederländischen Königin Beatrix etwa sagte Gauck: „Ich übernachte heute im Schloss - auch schön so etwas.“ Vielleicht erstaunlich, dass es die eine große Rede des großen Redners Gauck noch nicht gegeben hat, dass das große Thema seiner Amtszeit noch nicht zu erkennen ist. Vielleicht soll es das auch gar nicht geben. Plakative Botschaften sind dem Ex-Pastor aus der DDR fremd. Das unterscheidet Gauck wohl auch von seinem Vorgänger Christian Wulff, dessen wichtigsten Satz, wonach der „Islam auch zu Deutschland gehört“, er bereits öffentlich zerpflückt hat. Gauck bekommt dafür Zustimmung von der CSU, Kritik von den Grünen. Manchmal sind es nicht die festlichen Reden, sondern kleine, eigentlich nur protokollarische Auftritte, die Zeichen setzen. Die Entlassung Röttgens mit sehr herzlichen Worten war ein solcher Moment, in dem Gauck - bewusst oder nicht - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) besonders schlecht aussehen ließ.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%