Bundesregierung Landwirtschaft soll 40 Millionen Tonnen Erdöl ersetzen

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Das Potenzial der Bioenergie reicht in Deutschland aus, um langfristig fast ein Viertel des gesamten deutschen Energiebedarfs zu decken. Dabei ließen sich "40 Millionen Tonnen Erdöl einsparen", sagte Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt in einem Gespräch mit der WirtschaftsWoche.

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt Quelle: dpa

Weiter erklärte der Minister, Biomasse habe "gegenüber Wind- oder Sonnenenergie den Vorteil, dass sie eine kontinuierlich verfügbare Rohstoffquelle ist und nicht vom Wetter abhängt". Voraussetzung für eine stärkere Nutzung sind jedoch deutlich höhere Flächenerträge. Dies soll vor allem durch bessere Züchtungsmethoden erreichen werden. Für besonders hoffnungsvoll hält der Agrarminister Algen: "Die produzieren unter Sonnenlicht bis zu 20-mal mehr Biomasse als Raps oder Mais auf der gleichen Fläche." Allerdings sei der Herstellungsaufwand noch sehr hoch und viel Forschung erforderlich.

Minister Schmidt fordert mehr Biolandwirtschaft

Schmidt fordert eine Ausweitung des ökologischen Landbaus in Deutschland. Dabei gehe es darum, den Marktanteil von heimischen Biowaren in den Geschäften zu erhöhen. An die Verbraucher appelliert der Minister, "beim Einkauf auf deutsche und europäische Herkunft zu achten und nicht einfach zur günstigsten Ware zu greifen". Weiter erklärte Schmidt im Interview mit der WirtschaftsWoche: "Die Biolandwirtschaft ist zu einem unverzichtbaren Bestandteil unserer Lebensführung geworden, für manche ist es gar ein Lebensgefühl. Deshalb bin ich für eine Ausweitung des ökologischen Landbaus." Allerdings stagniert der Bioanbau seit einiger Zeit in Deutschland. Kritik übt der Bundeslandwirtschaftsminister an der EU-Kommission. Deren Entwurf zur Revision der EU-Öko-Verordnung sei "ein Musterbeispiel für übertriebene Regulierung. Ökolandwirtschaft muss, wie ihre konventionelle Schwester, praktikabel und ökonomisch sinnvoll bleiben. Sonst können viele Biobauernhöfe nicht überleben."

Landwirtschaftsminister Schmidt fordert Ausnahmen bei TTIP

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt will in den Verhandlungen über das Freihandelsabkommen TTIP mit den USA hohe Verbraucherstandards keinesfalls aufgeben. "Es wird kein Chlorhühnchen in Deutschland geben. Das entspricht nicht unseren europäischen Standards", versicherte Schmidt im Interview mit der WirtschaftsWoche. Deshalb werde es keine komplette Öffnung der Märkte für Lebensmittel zwischen den USA und Europa geben.

Streitpunkte beim TTIP

"Der Lebensmittelmarkt ist derart stark vertrauensorientiert, dass wir unsere eigenen Standards nicht zur Disposition stellen dürfen", betonte Schmidt. Er selbst habe sicher schon unbewusst in den USA Chorhühnchen gegessen. "Aber ich möchte nicht, dass die Bürger in Deutschland dies bewusst oder unbewusst tun müssen", sagt der Minister. "Deswegen verhalte ich mich auch als Freihändler in diesem Punkt restriktiv, genau wie bei Hormonfleisch und gentechnisch veränderten Pflanzen."

Dennoch erwartet der Landwirtschaftsminister deutliche Auswirkungen des Freihandelsabkommens auf die Agrarmärkte. Schmidt: "Bei Milchprodukten, speziell Käse, rechne ich mit stark steigenden Exporten, da hier hohe Zölle wegfallen würden. Im Bereich von Getreide, etwa bei Weizen, kann der Wettbewerb zunehmen."

Ernährungsindustrie missbraucht Putins Agrarsanktionen

Scharfe Kritik äußert Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt an Unternehmen der Ernährungswirtschaft, die offenbar das russische Einfuhrverbot für landwirtschaftliche Produkte nutzen, um Druck auf die Bauern auszuüben. Gegenüber der WirtschaftsWoche erklärte der Minister: "Mit Sorge betrachte ich, dass einige Unternehmen versuchen, diese Lage auszunutzen und die Preise zulasten der Landwirte zu drücken. Das ist unsolidarisch." Besonders die Milchpreise seien dabei seit Monaten unter Druck geraten. Ansonsten hält Schmidt Russlands Sanktionen eher für "eine Stichelei". "Weniger als ein Prozent unseres Absatzes sind betroffen."

Dennoch will Schmidt dabei helfen, die wegfallende russische Nachfrage durch neue Exportmärkte zu ersetzen. "Ich bin sehr dafür, den Export in aufnahmefähige Märkte zu unterstützen, und da bin ich auch aktiv", so Schmidt. Der Minister kritisiert, dass "es auch in einigen EU-Mitgliedstaaten wieder protektionistische Tendenzen gibt, die an Maggie Thatchers "buy british" erinnern" .Das Aufbauen von neuen Barrieren unter dem Deckmantel angeblicher Gesundheits- und Veterinärvorschriften hält Schmidt für nicht akzeptabel. "Hier geht es um Kernfragen der europäischen Integration."

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