WiWo App Jetzt gratis testen!
Anzeigen

Bundestag Die Grünen suchen ihren Sound

Die kleinste Fraktion im Bundestag zeigt sich bei ihrer Klausur noch unsicher, was sie in der Opposition überhaupt fordern kann.

Die Vorsitzende der Thüringer Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Anja Siegesmund, spricht zum Auftakt der Fraktionsklausur in Weimar Quelle: ZB

Der erste Abend der Fraktionsklausur der Grünen im Bundestag war noch launig. In der Nacht auf Donnerstag feierten manche Bundestagsabgeordneten im Hotel in Weimar bis 1:30 Uhr, sicher kein schlechter Schnitt im Vergleich zu manch anderer Fraktion. Das Motto des Abends: "Grün rockt!" Die MdBs konnten Lieblingslieder einreichen, das Karaoke-Tonband spielte und spielte. Der Abgeordnete Omid Nouripour feierte am Mikrofon als HipHopper und im Duett mit Kollegin Katja Keul Erfolge, Ex-Frontmann Jürgen Trittin hatte sich bezeichnenderweise The Clash gewünscht: "Should I stay or should I go". Wirtschaftsexperte Dieter Janecek zeigte sich als Stones-Experte, Fraktionschef Toni Hofreiter mag die "Seeräuber Jenny" aus der Dreigroschenoper.

"Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch"
Begleitet von rund 200 Sympathisanten zogen die Grünen vor 30 Jahren in den Bundestag ein. Unter ihnen waren die Abgeordneten Gert Bastian, Petra Kelly, Otto Schily und Marieluise Beck-Oberdorf (von links nach rechts). Der Bundestag war völlig unvorbereitet auf diese neue Art der Politik. Quelle: dpa
Zwei Tage nach dem 5,6-Prozent-Erfolg der Grünen bei der Wahl am 6. März 1983 kamen die 27 Abgeordneten erstmals zu einer Sitzung zusammen. Der Konferenzsaal des Abgeordnetenhauses am Bonner Tulpenfeld war viel zu eng. Auch Basisvertreter und Nachrücker waren dabei, nach zwei Jahren sollten die frisch gewählten Abgeordneten wieder aus dem Parlament hinausrotieren. Quelle: dpa
Trotz Ermahnungen der politisch Etablierten zu ordnungsgemäßer Kleidung dominierten Strickpullis und Zauselhaare. Nur eine weibliche Abgeordnete erschien mit Anzug und Krawatte. Einige brachten Strickzeug mit in den Bundestag, andere erschienen mit Blumentöpfen zur ersten Sitzung. Quelle: dpa
Auch Blumen gießen gehörte in den Anfangsjahren dazu – hier streng beobachtet von Otto Schily (rechts) und der amüsierten SPD-Politikerin Ingrid Matthäus-Maier. Über den fehlenden Platz für die Neuparlamentarier verhandelten die Grünen-Fraktionsvorständler Petra Kelly und Otto Schily sowie Fraktionsgeschäftsführer Joschka Fischer mit Bundestagspräsident Richard Stücklen. Die alteingesessenen Parteien zeigten sich skeptisch gegenüber den Neulingen. Helmut Kohl hielt die Grünen nur für eine zwischenzeitliche Episode. „Zwei Jahre gebe ich denen, dann gehen sie Mann für Mann zur SPD über“, sagte er. Quelle: dpa
Doch die Grünen blieben. Schon früh setzten die Grünen themenpolitische Akzente, mit der sie die ganze Republik umkrempelten. Sie sprachen sich nicht nur früh gegen Atomkraft und für den Umweltschutz aus, sondern forderten damals schon gleiche Rechte für Homosexuelle, eine multikulturelle Gesellschaft und die Abschaffung der Wehrpflicht ein – alles Themen, die bis heute auf der Agenda stehen. Waltraud Schoppe (Mitte) sorgte mit ihrer ersten Rede gar für Entsetzen. „ Wir fordern Sie alle auf, den alltäglichen Sexismus in diesem Parlament einzustellen.“ Ein Satz, der ob der Sexismus-Debatte auch 30 Jahre später noch aktuell ist. Quelle: dpa
Zu den ersten Abgeordneten zählten auch Petra Kelly (links, mit Blumen) und Marieluise Beck-Oberdorf (rechts). „Auch wenn wir uns antiautoritär gaben, so hatte doch dieser altehrwürdige Plenarsaal etwas Respekt einflößendes“, sagte Beck-Oberdorf in einem Interview mit tageschau.de. Trotzdem habe es das Gefühl gegeben, man sei keine „normale“ Partei. Quelle: dpa
Grünen-Gründungsmitglied Kelly, hier mit dem damaligen SPD-Vorsitzenden Willy Brandt, gehörte zu den Ikonen der grünen Anfangsjahre. Sie prägte zum Beispiel den Ausdruck der „Anti-Parteien-Partei“ und der „Instandbesetzung des Bundestages“. Sie setzte sich besonders für Frieden und Menschenrechte ein. Noch mehr Beachtung als ihr Tun fand ihr Tod. Ihr Lebensgefährte und Mitstreiter Gert Bastian erschoss sie 1992 im Schlaf – und tötete sich selbst ebenfalls. Quelle: dpa

Doch so unterschiedlich die Musikstile am Abend ausfielen, so diffus sind auch die Töne der Grünen, die einmal mehr in der Opposition gelandet sind und nun mit einer übermächtig großen Koalition gestraft sind. Zu gängelnd empfanden viele Wähler die Forderungen der Partei oder das was im Wahlkampf davon übrig blieb. Zu unsicher sind nun die Parlamentarier, die für umfangreiche Energie-Papiere und Steuerkonzepte bekannt sind, wieviel Kante und Vereinfachung nötig ist, um überhaupt zum Publikum durchzudringen. Zu neu sind noch die Führungsleute der Generation nach Trittin, um die Richtung schon zu klären.

Und so kommt erstmal nur ein entschiedenes Sowohl-Als-Auch heraus: Mehr Freiheit und doch einen starken Staat, fordert die Fraktionsvize Kerstin Andreae. Die Wirtschaftsfachfrau will die Grünen liberaler machen und die bisherige FDP-Klientel ansprechen. Die Fraktionsspitze mit Hofreiter und Katrin Göring-Eckardt und anderen müht sich, schwarz-grüne Annäherungen zu moderieren (die zuletzt ja an der eigenen Partei gescheitert waren) und dennoch die Mitglieder nicht zu vergrätzen (die teils eher mit rot-rot-grün einhergehen) oder Machtoptionen links der Mitte zu verpassen.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%