Digitaler Wahlkampf Wie Maschinen Meinungen machen

Roboter manipulieren Petitionen im Netz und werden für den Wahlkampf in Stellung gebracht. Eine wirksame Gegenwehr ist nicht zu erwarten.

Quelle: Getty Images

Dass etwas faul ist, merkt Konrad Traupe, als eine dubiose Idee enormen Zuspruch findet. Jemand hatte auf der Onlinepetitionsplattform openPetition ein Gesetz gefordert, welches es Journalisten verbietet, Worte wie „Islamist“ zu benutzen. Binnen zehn Tagen steigt die Zahl der Unterzeichner von 16.000 auf mehr als 30.000 – und Traupe, der für die Plattform arbeitet, ahnt: Hier ist eine Robotersoftware am Werk, die automatisch Tausende falsche Unterschriften hinzufügt. Ein Bot.

Der Angriff, den Traupe auf seiner Petitionsplattform bemerkt, kommt in drei Wellen. Zuerst fälschen die Bots Unterschriften auf der deutschsprachigen Seite von openPetition, dann nehmen sie sich die türkischsprachige vor. Später versuchen sie es auf der englischen Version.

Und immer, wenn die Bots eine Petition angreifen, müssen Traupe und seine Kollegen im Büro von openPetition am Berliner Alexanderplatz in stundenlanger Sisyphusarbeit die Listen nach Fälschungen durchkämmen. „Für unser kleines Team ist das ein Riesenaufwand“, sagt Traupe. Immerhin, an den Themen, bei denen sich die Robo-Meinungsmacher einmischen, kann er erahnen, wer dahintersteckt: Er tippt auf Anhänger des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan.

Bald beginnt in Deutschland der Wahlkampf, und Experten befürchten nach Recherchen der WirtschaftsWoche, dass Extremisten und vermutlich auch ausländische Regierungen sich in Stellung bringen, um mit Bots die öffentliche Meinung zu manipulieren. Das Büro für Technikfolgen-Abschätzung im Bundestag warnt sogar, dass „Social Bots das Potenzial bergen, das Vertrauen in die Demokratie zu unterlaufen“.

Und je näher die Bundestagswahl rückt, desto aktiver werden die digitalen Meinungsmacher. Die Bots schreiben massenweise populistische Kommentare in sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook, so wie die Konten @draco333999 und @saul43, die identische Nachrichten über Kritik von Russlands Premier Dmitri Medwedew an Angela Merkel verbreiteten. Laut Tabea Wilke, die Politiker in der digitalen Kommunikation berät und die Bot-Informationsplattform botswatch.de betreibt, stammen während politischer TV-Talkrunden derzeit 10 bis 25 Prozent der Tweets zum jeweiligen Thema von Bots.

Wie kapern diese aber das Web, und kann ihren Aufmarsch niemand aufhalten?

Auch der US-Konkurrent von openPetition, Change.org, hat Manipulationsversuche in Deutschland registriert und vermutet, dass dabei Bots eingesetzt wurden. Traupe und seine neun Mitstreiter versuchen, die Hintermänner anhand ihrer IP-Adresse aufzuspüren. Diese ist so etwas wie die Hausnummer eines Rechners im Internet. Jene, von denen die falschen Unterschriften kommen, scheinen jedoch über den Globus verstreut zu sein.

Und die Angreifer haben die Signale über mehrere wechselnde Rechner um die halbe Welt geleitet. Daran, solche Signale nachzuverfolgen, scheitern sogar Geheimdienste. Herauszufinden, wer die digitalen Einflüsterer in Stellung bringt, ist so fast unmöglich. Das macht die Abwehr so schwer.

Es war während des Krim-Konflikts 2014, als der Öffentlichkeit erstmals die Wirkung politischer Bots bewusst wurde. Eine ganze Armee von putintreuen Bots streute damals Propaganda in sozialen Netzwerken. Die Idee aber, Meinungen mit neuer Technologie wirkungsvoller unters Volk zu bringen, wurde ironischerweise wohl von der ältesten Demokratie der Neuzeit in die Freiheit ausgesetzt – von der US-Eliteuniversität Harvard aus, deckte der durch seine NSA-Recherchen bekannt gewordene Journalist Glenn Greenwald auf.

Jura-Professor und Obama-Berater Cass Sunstein empfahl dort 2008 in einem Papier namens „Conspiracy Theories“, in sozialen Netzwerken Verschwörungstheorien zu verbreiten, um ausländische Regierungen zu schwächen. „Indem man eine alternative Sicht auf die Dinge einführt, kann man die Meinung einer großen Zahl Menschen verändern“, schrieb Sunstein. Das US-Militär beauftragte daraufhin das kalifornische Unternehmen HBGary, entsprechende Software zu programmieren, wie aus 2011 von der Hackergruppe Anonymous veröffentlichten Dokumenten hervorgeht. Hunderte so generierte Twitter-Konten sollten reichlich mit falschen Identitäten gefüttert werden. Die Geburtsstunde der Propagandaroboter.

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