Schlusswort

Wir brauchen Ideen für die dritte Republik

Wirtschaftswunder, Wiedervereinigung, Weltgesellschaft. Die dritte deutsche Republik ist da. Wofür sie steht? Unklar.

Alexander Gauland Quelle: dpa

Gemach, gemach, möchte man rufen. Ein bisschen weniger Aufregung, ein bisschen mehr Nachdenken als Aufschreien und dann vielleicht sogar noch in der richtigen Reihenfolge. Das täte gerade gut. Ja, am Wahlsonntag hat sich etwas verändert in Deutschland. Aber wer ernsthaft behauptet, die AfD „überrolle“ nun die Volksparteien, der hat entweder keine Ahnung vom parlamentarischen System in Deutschland oder keinen Respekt vor ihm. Beides ist nicht gut.

Das Wahlergebnis vom Sonntag ist nicht mehr als die formelle Zäsur zwischen einem vergangenen Deutschland und dem Deutschland heute. Was diese Zäsur ausmacht, hat sich vorher angedeutet. Und wer jetzt einmal unaufgeregt und analytisch zurückschaut, muss zugeben: Die Zeichen waren alle da. Wir haben sie nur nicht gesehen oder sehen wollen. „Zukunft braucht Herkunft“, hat der Philosoph Odo Marquardt einmal gesagt. Das gilt auch für die Deutung politischer Veränderungen.

Am vergangenen Sonntag sind wir formal übergetreten in die dritte deutsche Republik. Die erste entstand aus den Trümmern zweier Weltkriege. Wiederaufbau, Wachstum und „Wohlstand für alle“ (Ludwig Erhard) waren die Ziele, hinter denen sich ein großer Teil der Deutschen versammeln konnte. Persönlicher Einsatz war aus dem eigenen Streben nach Glück motiviert, der Kalte Krieg sorgte für äußere Abgrenzung, alles wohlgeordnet, man wusste, wohin man gehörte. Die zweite deutsche Republik entstand aus der niedergerissenen Berliner Mauer, aus dem Ende des Kalten Krieges und der Erweiterung der Europäischen Union.

Wiedervereinigung, Wachstum in den ostdeutschen Ländern und ein gemeinsames Verständnis für ein Land, das sich selbst erst wieder neu kennenlernen musste, waren die Versprechen dieses neuen Deutschlands.

Das Wahlergebnis von Sonntag zeigt bedrückend: Die Versprechen wurden nicht eingelöst. Landflucht, fehlende Industriestruktur, Jobmangel und ausbleibendes Wirtschaftswachstum plagen große Teile Ostdeutschlands. Die Menschen dort, noch nicht fertig mit dem Wandel nach 1989, sollen sich nun auch noch auf den Weg in die dritte Republik machen: Deutschland in der Weltgesellschaft. Ein Deutschland, dem von außen mehr zugetraut, von dem aber auch mehr erwartet wird. Eine Führungsrolle in einer volatilen Weltgesellschaft, die ein paar Verrückte gerne mit dem Stöckchen vor sich hertreiben. Als Wachstumstreiber einer Weltwirtschaft, der aber bitte seinen Handelsbilanzüberschuss im Zaum hält. Auch als Versöhner eines gespalteten Europas.

Das empfindet manch einer als Überforderung.

Für diese dritte Republik haben wir bislang keine Idee. Wie ist unsere Position in der Globalisierung: Deutschland mit dem Rest der Welt oder dagegen? Und was kann seine Bürgerinnen und Bürger davon überzeugen, kraftvoll mitzugehen? Vor allem eine vernünftige Wirtschafts- und Bildungspolitik, die in den vergangenen Jahren schlicht fast keine Rolle gespielt hat. Aber auch das Bemühen, über politische Tagesentscheidungen hinaus Anreize und Erklärungen zu geben, warum es sich lohnt, dazuzugehören. Wenn das früher geschehen wäre, hätten wir es jetzt vielleicht nicht mit einem ganzen Teil Deutschlands zu tun, der die offene, freie Gesellschaft ablehnt.

Dafür sollten die demokratischen Parteien sich nicht weiter an der AfD abarbeiten, sondern an ihre Bevölkerung heranarbeiten. Deutschland steht für offene Märkte und eine offene Gesellschaft. Daran ist nicht zu rütteln. Der Philosoph Jürgen Habermas hat einmal gesagt, gerade in Phasen der Unübersichtlichkeit zeige sich die „Handlungsbereitschaft, die eine Gesellschaft sich zutraut“. Die darf man von der Bevölkerung einfordern, allerdings mit überzeugenden politischen Lösungen. Die Parteien im deutschen Bundestag haben darauf in den vergangenen vier Jahren nicht so recht eine Antwort gefunden. Die AfD hat die Antwort rechts gefunden. Das können wir besser.

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