SPD Für Schulz geht es um alles oder nichts

In Umfragen stürzt die SPD auf 20 Prozent. Die Kampagne der Sozialdemokraten kann sich nicht entscheiden, was genau sie will. Der SPD-Chef kämpft nun um sein politisches Überleben.

Martin Schulz Quelle: REUTERS

In einem ruhigen Moment hat Martin Schulz einmal verraten, dass er fast alles über sich liest, was so geschrieben wird. Manchmal freue er sich dann, häufiger aber müsse er sich ärgern. Es ist nicht überliefert, was der SPD-Kanzlerkandidat dachte, als er die jüngsten Umfragen zu Gesicht bekam. Aber ärgern dürfte ein viel zu harmloses Wort dafür gewesen sein.

20 Prozent. Einer der schlechtesten jemals gemessenen Werte für die Sozialdemokraten überhaupt, und das keine zehn Tage mehr vor der Wahl. Das steckt auch der wackerste Wahlkämpfer nicht mal eben so weg. Andere Demoskopen taxieren die SPD zwar bei 23 Prozent. Nur: Dass solch mickrige Werte nun schon als Hoffnungsschimmer durchgehen, sagt alles.

Martin Schulz kämpft nicht mehr ums Kanzleramt, sondern um sein politisches Überleben. Ob er, sofern er am Ende ein respektables Ergebnis erreicht, dann noch die Überzeugungskraft und den Willen hat, seine Partei in eine weitere große Koalition zu führen, wird immer fraglicher. Der Hype war kurz und heftig, der Sinkflug lang und deftig. Zurück bleibt schon heute eine desillusionierte, ratlose Partei.

Martin Schulz' Zukunftsplan für den deutschen Arbeitsmarkt

Nur noch einmal zur Erinnerung: Martin Schulz wurde mit hundert Prozent zum Parteichef gewählt. Begeisterung trug ihn ins Amt. Er versöhnte die streitenden Flügel, legte ein fast unumstrittenes Programm vor und kann sich tatsächlich bis heute auf eine Geschlossenheit verlassen, die selten ist in der SPD, sehr selten. Und doch fehlte der Kampagne, die folgte, so ziemlich alles, was es braucht: eine bezaubernde Idee, makellose Organisation, dazu Inspiration und auch ein Schuss Wahnsinn, Killerinstinkt, Lässigkeit. Das behäbige, meist brave TV-Duell sagte alles.

Schulz geht einen diffusen Gerechtigkeitsweg durch die Mitte, der weder einen überzeugenden linken (oder linksliberalen) Gegenentwurf zur Merkel-CDU präsentiert, noch so konsequent in die pragmatische Mitte der Leistungsträger zielt, dass er als bessere Alternative zur Amtsinhaberin glaubhaft wäre. Die Schulz-SPD ist für alles irgendwie offen und anschlussfähig, für Rot-Rot-Grün ebenso wie für die Ampel, für Rot-Gelb, Rot-Grün oder eben nochmal Juniorpartnerschaft unter Schwarz-Rot. Anders gesagt: Sie ist für alles offen und nicht ganz dicht.

Auch deshalb kursieren in der SPD nur noch drei Szenarien. Das erste: Schulz fährt tatsächlich noch weniger Stimmen ein als 2009 Frank-Walter Steinmeier (23 Prozent). Dann dürfte seine Zeit an der Spitze der Sozialdemokratie schon nach wenigen Monaten beendet sein. Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz könnte Parteichef, Arbeitsministerin Andrea Nahles Fraktionsvorsitzende in der Opposition werden. Es wäre eine Stunde null für die Genossen.

Das zweite: Schulz erreicht ein Ergebnis zwischen Steinmeier und Steinbrück (25,7 Prozent). Dies wäre die komplizierteste Lage von allen. Denn dann könnte er sich vielleicht im Amt halten, weil er bisher von einer geschlossenen Partei gestützt wird, die keine abermalige Führungsdebatte mehr erträgt. Vollkommen offen wäre jedoch, ob er die Autorität hätte, seine erneut geschwächte Partei nochmal unter Angela Merkel in einer Koalition zu steuern. Zumal es 2017 an sozialdemokratischen Herzensthemen fehlen dürfte, um die demoralisierte Basis zu überzeugen: kein Mindestlohn, keine Rente mit 63, keine Frauenquote.

Bliebe Szenario drei: Der SPD-Chef schafft noch mehr als 26 Prozent. Dann wäre Schulz zwar immer noch ein Wahlverlierer, aus Sicht der eigenen Leute aber ein unwahrscheinlicher Sieger. Einer, der Merkel doch Wähler streitig machen kann, wenigstens ein paar. Selbst dies ist bezeichnend für eine rundherum missglückte SPD-Kampagne: der beste überhaupt denkbare Ausgang führt auf Platz 2.

"Es ist nichts Halbes und nichts Ganzes"
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