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Tauchsieder

Was bei der Wahl auf dem Spiel steht

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Die politische Demobilisierung stärkt die Ränder

Wahr ist aber auch: Die politische Demobilisierung im Namen „der Mitte“ stärkt die Ränder. Das mag der Union kurzfristig egal sein, weil es ihren Wahlerfolg in ökonomisch stabilen Zeiten sichert. Aber das wird nicht nur für sie, sondern auch für das ganze Land zum Problem, sobald sich die wirtschaftlichen Eckdaten verschlechtern.

Daher muss sich die Merkel-Union noch einen weiteren Vorwurf gefallen lassen: Anders als sie mit ihrer fortwährenden Denunziation der Linken suggeriert, fällt der Partei von Sahra Wagenknecht im demokratischen System der Bundesrepublik eine wichtige Rolle zu: Sie ist eben nicht das linke Pendant zur rechten AfD. Sondern sie macht uns darauf aufmerksam, dass es so etwas wie einen „guten Populismus“ gibt - eine Alternative zum „dreckigen Populismus“ der AfD.

Natürlich, man kann trefflich über den „Talkshow-Sozialismus“ der Linken lästern (SPD-Arbeitsministerin Andrea Nahles), kann ihren mangelnden Sinn fürs Unternehmerische und Selbstverantwortliche sowie die Unbezahlbarkeit ihrer Freibier-für-alle-Politik beklagen. Aber man kann der Linken keinesfalls ihre inklusive Grundabsicht absprechen - ihren Selbstanspruch, eine pluralistische, liberale Gesellschaft zu integrieren - und Wohlhabende im Sinne der Schwachen auf ein besser organisiertes Gemeinwohl zu verpflichten.

Gibt es einen dritten Weg zwischen Mob und Biedermeier? Kann man am Sonntag eine konstruktive Politik wählen, die sich realistischen Zielen und programmatischen Grundsätzen verpflichtet weiß? Es spricht einiges dafür, dass sich die hohe Zahl der Unentschlossenen genau diese Frage stellen (warum sonst sollten sie noch unentschlossen sein?) - und dass das die Union auf den letzten Metern noch ein paar Prozentpunkte kosten wird.

Faktisch nämlich haben die Unentschlossenen nur die Wahl zwischen SPD, FDP und Grünen. Die Union selbst steht als Sieger so gut wie fest – warum sollte, wer nicht überzeugter Christdemokrat ist, sie noch unterstützen?

Das Paradoxe an der Situation auf ist, dass ausgerechnet die FDP davon wohl nicht am meisten profitieren wird, im Gegenteil: Die Liberalen  dürfte nach ihrem auffälligen Ein-Personen-Wahlkampf im Wesentlichen ausmobilisiert sein. Auch hat sich Parteichef Christian Lindner zuletzt darauf verlegt, der AfD das Wasser abzugraben (mit Schröderscher Russland-Politik und angespitzter Flüchtlingsrhetorik).

Vor allem aber haben sich Mindestlohn und Bankenregulierung nicht als das Teufelszeug herausgestellt, für das die Liberalen es immer gehalten haben. Eher schon so manche Selbstverpflichtung der Wirtschaft oder die Selbstverbilligung Deutschlands durch die Einführung eines flächendeckenden Niedriglohnsektors. Allein wer sich vor einer Südeuropäisierung der Politik in Brüssel fürchtet, dürfte sein Kreuz entschlossen bei der FDP machen – oder doch entschlossen bei der Schäuble-CDU.

Mag also sein, dass die SPD von den Unentschlossenen noch einmal profitiert: Sie hat keinen Wahlkampf der Entrechteten und Ausgebeuteten geführt, das Land nicht schlecht geredet – und die vier vergangenen Jahre sozial- und innenpolitisch fast allein regiert. Die Zustimmung vieler Deutscher zur Großen Koalition verdankt sich nicht nur einem Grundvertrauen in die Regierungschefin, sondern auch ihrer nicht eingestandenen Liebe zur sozial-seriösen Mit-Regierungspartei SPD.

Oder sind es am Ende gar die Grünen, seit Monaten wie festgenagelt auf Platz sechs der Umfragen, die am Ende noch für eine kleine Überraschung sorgen? Ich persönlich würde fast darauf wetten. Denn machen wir uns nichts vor: Die Grünen sind die „besseren Schwarzen“: Sie wollen die Schöpfung bewahren, geben ihren Kindern Bio zu essen und preisen e-mobile Innovationen – kurz: sie sind im Merkel-Biedermeier das kleine visionäre Extra, in das sich auch ausgenüchterte CDU-Anhänger gern einkleiden, ganz nach dem Motto: Ein bisschen grün steht mir ganz gut, oder?

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