These 37 Schluss mit der Zwei-Klassen-Medizin

Das Nebeneinander von gesetzlichen Kassen und Privatversicherung ist voller Widersprüche. Eine Bürgerversicherung wäre besser.

Das deutsche System mit zwei Arten von Krankenversicherung ist voller Widersprüche, die nur historisch zu erklären sind. Das Nebeneinander gesetzlicher und privater Kassen sollte beendet werden.

Gesetzlich Versicherte sind in der Mehrheit. Rund 72 Millionen Menschen gehören dazu – als zahlende Mitglieder und als mitversicherte Angehörige. Die Mitglieder zahlen Beitrag, abhängig vom Einkommen – zurzeit im Schnitt 15,7 Prozent. In die gesetzliche Kasse muss jeder, der angestellt ist und weniger als 4800 Euro im Monat verdient. In die private können jene, die selbstständig oder Besserverdiener sind. Auch sind ausgerechnet Beamte fast immer in einer privaten, weil sich der Staat dann an den Kosten beteiligt. Wahlfreiheit haben nur wenige.

Der Gesundheitsökonom Heinz Rothgang kritisiert: „Die Ungleichheiten sind medizinisch nicht begründbar und sozialpolitisch nicht legitimierbar, da es sich um ein Zuweisungssystem und nicht um ein Wahlsystem handelt.“

Die Zwei-Klassen-Gesellschaft in der PKV
Wachsende Kluft zwischen privaten Versicherern Quelle: dpa
Entwicklungen Privater Krankenversicherer Quelle: dpa
Top 5: Envivas Quelle: dpa
Top 4: R+V Versicherung Quelle: dpa
Top 3: Concordia Quelle: Concordia
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Flop 5: Gothaer Versicherungsbank Quelle: dpa Picture-Alliance
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Flop 3: Deutscher Ring Quelle: dpa Picture-Alliance
Flop 2: Central Versicherung Quelle: dpa Picture-Alliance
Flop 1: Hanse Merkur Quelle: dpa Picture-Alliance
Schuld sind die Niedrigszinsen Quelle: dpa

Privatversicherte zahlen nach gesundheitlicher Vorbelastung und ihrem Tarif. Die rund neun Millionen Menschen bekommen schneller Arzttermine und zahlen als Gutverdiener mittleren Alters weniger Beitrag. Dafür klagen immer mehr Rentner über steigende Beiträge im Alter. Auch sind Therapien, die Privatpatienten angedient werden, nicht immer medizinisch sinnvoll. Anders als die Gesetzlichen können die Privaten schlecht gegenüber Ärzten oder Pharmaherstellern Kosten drücken. Sie haben kaum Marktmacht. Zudem sind ihre Verwaltungskosten höher.

Eine Bürgerversicherung wäre ein Ausweg, der für einzelne und für die Volkswirtschaft sinnvoll ist. Sie würde Ausgleich schaffen zwischen Kranken und Gesunden, zwischen Stärkeren und Schwächeren. Parteien wie SPD und Grüne verlangen einen Umbau. Die Union will die Dinge belassen, wie sie sind. Doch ein Übergang würde nur funktionieren, wenn eine Idee, die die Union mal verfolgte, in der Bürgerversicherung angewendet wird: die Kopfpauschale.

Ähnlich wie in der Krankenversicherung in den Niederlanden oder der Schweiz ließe sich in Deutschland ein einheitliches System mit konkurrierenden Anbietern schaffen. Es würde allen offenstehen und die Finanzen Einzelner berücksichtigen. Das Geschäftsmodell PKV würde bleiben, da sind auch Grundgesetz und Berufsfreiheit vor. Ein Übergang gelingt am besten mit einer Kopfpauschale. Je nachdem wie gut eine Versicherung wirtschaftet, wäre die Pauschale höher oder niedriger. Der Anteil, den Arbeitgeber überweisen, könnte nach wie vor abhängig vom Lohn sein. Wer heute als freiwillig Versicherter in der GKV gut 350 Euro im Monat zahlt, würde künftig zwischen 150 und 200 Euro bezahlen. Wer weniger verdient, dessen Beitrag würde teils aus Steuergeld bezahlt. So fände Ausgleich statt. Mit der Zeit würden sich gesetzliche Kassen in eine Bürgerversicherung wandeln und mit PKV-Unternehmen konkurrieren. Die Steuern würden weniger steigen, als die Kassenbeiträge sinken, weil die Bemessungsbasis der Steuer größer ist.

Die größten Krankenkassen

Die Mehrheit der Bürger ist nach einer Umfrage für eine Bürgerversicherung – gut 60 Prozent. Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) kritisiert sie aber als „Zwangsvereinigung von gesetzlicher und privater Krankenversicherung“. Diesen Vorwurf könnte er allerdings kaum einem System wie in den Niederlanden oder der Schweiz machen. Andere Unionsabgeordnete zeigen sich offener, schließlich erhalten viele Post von Rentnern, die sich ihre Privatversicherung nicht mehr leisten können. Auch manche Privatversicherer sind einem Umbau nicht abgeneigt. Ihnen laufen die Kosten davon. Sie würden sich lieber auf Zusatzversicherungen etwa für Chefarztbehandlung oder Zahnersatz spezialisieren.

Das Modell der Bürgerversicherung samt Kopfpauschale und Konkurrenz könnte ein Ausweg sein. Billiger wird das System aber wohl kaum. Fallen bei Ärzten die höheren Privathonorare weg, müssten die Überweisungen für die übrigen Patienten steigen.

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