Wolfgang Grupp „Die Union hat die Protestwähler ignoriert“

Trigema-Chef Wolfgang Grupp ist bekennender CDU-Wähler. Im Interview erklärt der schwäbische Unternehmer, warum er bei der Bundestagswahl sein Kreuz nicht bei der Union gemacht hat und was er sich von Jamaika erwartet.

Trigema-Chef Wolfgang Grupp Quelle: dapd

WirtschaftsWoche Online: Herr Grupp, Sie sind bekennender und langjähriger CDU-Wähler. Wie sehr schmerzt Sie das schlechte Abschneiden der Union?
Wolfgang Grupp: Es schmerzt mich nicht, denn das Ergebnis war zu erwarten. Die Flüchtlingspolitik war nicht stringent genug. Deshalb wurde die AfD auch nicht von überzeugten AfD-Anhängern gewählt, sondern hat sehr viele Protestwähler von der CDU bekommen. Überrascht hat mich die Euphorie, die die Union selbst vor der Wahl verbreitet hat, denn diese habe ich bei den Wählern nicht gesehen.

Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg hatten Sie aus Enttäuschung über Angela Merkels Flüchtlingspolitik grün gewählt. Hat die Union Sie zurückgewonnen oder sitzt die Enttäuschung immer noch zu tief?
Ich bin ein geborener CDU-Wähler, habe aber mit der Zweitstimme die FDP gewählt. Ich habe gehofft, dass die Union mit der neuen FDP gestärkt wird und es für Schwarz-Gelb reicht. Das war aber nicht der Fall, weil die Union die Protestwähler, deren hohe Anzahl sich früh abgezeichnet hat, ignoriert hat. Wenn gut integrierte Flüchtlinge schnell abgeschoben werden, zugleich aber Fälle wie „Anis Amri“ durch die Medien geistern, bleiben zu viele Ungereimtheiten. Und die wurden nicht annährend ausgeräumt. Ich muss Probleme lösen und nicht ewig diskutieren.

Auf nach Jamaika - und mit welchen Leuten?
Nach dem Wahl-Beben gibt es nur zwei mögliche Regierungen: die große Koalition oder Jamaika. Doch die SPD hat einem erneuten Bündnis mit der Union schon eine Absage erteilt. Mal sehen, ob SPD-Chef Martin Schulz hart bleibt. Aber sollte es mit CDU, CSU, FDP und Grünen klappen, wer würde dann Deutschland im Kabinett Merkel IV regieren? Eine Übersicht. Quelle: dpa
Angela Merkel (CDU/63): Bleibt Kanzlerin. Auch wenn ihre CDU über acht Prozentpunkte gegenüber 2013 einbüßte. Merkel dürfte pragmatisch sein. Kohle-Ausstieg? Könnten die Grünen bekommen. Ausstieg aus Diesel und Benziner? Eher nicht. Da würden ihr CSU-Chef Horst Seehofer und die Autolobby aufs Dach steigen. Apropos Seehofer. Er stürzte in Bayern unter 40 Prozent mit der CSU ab. Ein Jahr vor der Landtagswahl könnte es ihm besonders schwerfallen, mit den Grünen in Berlin zu regieren. Das schränkt Merkels Beinfreiheit ein. Aus dem CDU-Präsidium verlautet, Merkel wolle auf jeden Fall die neue Regierung in ruhiges Fahrwasser führen. Vielleicht leite sie zur Mitte der Wahlperiode einen Wechsel ein oder gebe den Parteivorsitz 2020 ab und mache den Weg frei für die Nachfolge zur nächsten Wahl. Quelle: REUTERS
Wolfgang Schäuble (CDU/75): Die FDP dürfte in Koalitionsverhandlungen Anspruch auf das Finanzministerium erheben. Die Lammert-Nachfolge als Bundestagspräsident dürfte für Schäuble eine ernsthafte Option sein. Der dienstälteste Abgeordnete gilt als leidenschaftlicher Parlamentarier. Von den vielen Spitzenämtern, die Schäuble in der Vergangenheit ausgeübt hatte, dürfte ihm der Fraktionsvorsitz bei der Union am meisten Spaß gemacht haben. Schäuble ist aber auch jemand, der gern regiert und gestaltet. Und der Umbau der Euro-Zone ist in den nächsten Jahren eine schwierige und reizvolle Aufgabe. Quelle: dpa
Ursula von der Leyen (CDU/58): Ihr PR-getriebener Umgang beim Bundeswehr-Skandal um rechte Umtriebe in der Truppe hat ihr Macherin-Image angekratzt. Seitdem begegnen ihr viele in der Bundeswehr mit Misstrauen, sie würde trotzdem gern Verteidigungsministerin bleiben. Eine wichtige Rolle dürfte sie jedenfalls auch in Zukunft spielen. Quelle: dpa
Peter Altmaier (CDU/59): Merkels Allzweckwaffe. Auch bei den Verhandlungen über ein Jamaika-Bündnis und darüber hinaus dürfte er eine wichtige Rolle spielen dürfte. Ihm wird jederzeit ein Ministerposten zugetraut. Quelle: REUTERS
Joachim Herrmann (CSU/61): Bayerns Innenminister war der Spitzenkandidat der CSU für die Bundestagswahl. Ziel von CSU-Chef Horst Seehofer ist es, für Herrmann das Bundesinnenministerium zu „erobern“. Unklar ist, ob das gelingt. Da Herrmann nun trotz seines ersten Listenplatzes kein Bundestagsmandat erhält, dürfte es für ihn noch schwieriger werden. Quelle: dpa
Thomas de Maizière (CDU/63): In der Flüchtlingskrise geriet der Innenminister unter Druck, weil es im zuständigen Bundesamt nicht rund lief. Sollte Finanzminister Schäuble doch seinen Posten räumen, könnte de Maizière das Haus der Zahlen reizen. In Sachsen war er von 2001 bis 2002 Finanzminister. Ansonsten vielleicht wieder Manager im Kanzleramt? Quelle: dpa

Sie haben Erfahrung mit einer grünen Landesregierung. Können die Grünen auch im Bund mitregieren?
Die Jamaika-Koalition wird kommen. Ich halte eine solche Regierung für machbar und auch nicht schlecht – unter einer Bedingung: Herr Kretschmann, der seinen Job gut macht, muss ein Wort mitreden können und auch auf Bundesebene in der Partei Gehör finden.

Was bedeutet eine Jamaika-Regierung für Unternehmen?
Wir haben keine andere Wahl und müssen mit dem umgehen, was die Politik vorgibt. Wenn ein Problem auf mich zukommt, muss ich das anpacken. Dogmen und Theorien helfen in der Praxis meist wenig. Das hat man auch an Herrn Kretschmann gesehen: Seine Äußerungen aus dem Wahlkampf, zum Beispiel zur Autoindustrie, hat er angepasst, als er in Verantwortung war. Er hat gesehen, dass es nicht so geht, wie er sich das gedacht hat.

Die FDP und die Grünen haben starke Zuwächse verzeichnet und damit auch einen indirekten Auftrag, ihre Themen stark zu vertreten. Deshalb ist es richtig, wenn diese Parteien auch Teil der Regierung sind. Die schwierige Frage wird, wie weit sich die Grünen im Stile eines Herrn Kretschmann anpassen, damit ihre Positionen vertreten sind – wenn auch nicht im Extrem.

Die AfD ist drittstärkste Kraft geworden. Wie müssen Politik und Wirtschaft damit umgehen?
Ich habe damit kein Problem. In dem Moment, in dem die AfD Verantwortung übernehmen muss, wird sie sich anders verhalten. Auch die AfD weiß, dass ihr Grenzen gesetzt sind. Die Protestwähler sind als erste weg, wenn die AfD sich nicht korrekt verhält. Und auch dann, wenn die großen Parteien wieder das tun, was sie tun müssen – die Menschen und ihre Sorgen ernst nehmen.

Wie bewertet ein „geborener CDU-Wähler“ wie Sie das Ergebnis der SPD?
Herr Schulz hat sich korrekt verhalten, denn er hat die Abwahl der großen Koalition akzeptiert. Es wäre fatal, wenn er als zweitstärkste Partei in eine Regierung streben würde. Es ist richtig, in die Opposition zu gehen. Wenn Herr Kubicki ihm das vorhält, verstehe ich das nicht.

Was prominente Deutsche sich wünschen
Es war keine leichte Frage: Welche Idee würde ich in Deutschland umsetzen, wenn ich die Wahl hätte? Damit zog der Fotograf Stefan-Thomas Kröger durch Deutschland, um 40 Prominente aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft nach ihren Vorschlägen für ein zukunftsfähiges Deutschland zu fragen. Dann bat er sie, an einem Tisch, wie er hier im Festsaal von Schloss Heiligenberg in Schwaben steht (Foto), Platz zu nehmen für ein Porträt. Herausgekommen sind die Bilder und Wünsche, die Sie auf den folgenden Seiten sehen und nachlesen können. Das komplette Heft mit Stimmen und Fotos aller Promis können Sie hier herunterladen. Quelle: Stefan Thomas Kröger für WirtschaftsWoche
„Ich würde vor allem in die Bildung junger Menschen investieren. Durchlässige und damit stabile Gesellschaften zeichnen sich dadurch aus, dass sie jedem – unabhängig von Herkunft und sozialem Hintergrund – die Chance auf Bildung geben.“ Ann-Kristin Achleitner, Professorin an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der TU München Quelle: Stefan Thomas Kröger für WirtschaftsWoche
„Ich würde unsere kleineren und mittelständischen Unternehmen mit der besten digitalen Infrastruktur ausstatten und ihnen alle nötigen Investitionen ermöglichen, die nötig sind.“ Dorothee Bär, Staatssekretärin, Verkehrsministerium Quelle: Stefan Thomas Kröger für WirtschaftsWoche
„Ich würde die junge Generation wieder für Europa begeistern und ein obligatorisches Schuljahr in einem anderen EU-Land einführen.“ Oliver Bäte, Vorstandschef, Allianz Quelle: Stefan Thomas Kröger für WirtschaftsWoche
„Wenn ich die Wahl hätte, dann würde ich mir mehr Handlungswillen in einigen europäischen Mitgliedstaaten zur Lösung eigener Finanz- und Wirtschaftsprobleme wünschen. Noch so ausgeklügelte Wunschkataloge für ein optimiertes Europa bieten dafür keinen Ersatz. Ob es um mehr Wettbewerbsfähigkeit, mehr Beschäftigung, weniger Schulden oder mehr Stabilität der Banken geht – ohne entschlossenes Handeln vor Ort kommen wir nicht zum gemeinsamen Ziel. Es liegt in der Verantwortung der Mitgliedstaaten, ihre Reformversprechen umzusetzen. Jeder muss seine Aufgaben erledigen – für sich selbst und für Europa.“ Dr. Wolfgang Schäuble, MdB, Bundesminister der Finanzen Quelle: Dominik Butzmann für WirtschaftsWoche
„Ich würde den Solidaritätszuschlag in bisheriger Form abschaffen und das Geld für den Ausbau eines bundesweiten 5G-Mobilfunknetzes nutzen. Sobald das erreicht ist, gehört der Soli weg.“ Cornelius Baur, Deutschlandchef, McKinsey Quelle: Stefan Thomas Kröger für WirtschaftsWoche
„Ich würde zur Unterstützung der lebendigen deutschen Filmkultur und -wirtschaft aufrufen: Das beginnt damit, dass von einem zentralen und attraktiven Film-Haus als Ort der Kreativität und Kommunikation nicht nur geredet wird. Und es hört noch lange nicht auf, wenn man auf europäischer Ebene nicht vergisst, dass es nur etwas zu vermarkten gibt, wenn die einfachsten Rechte der Urheber und Produzenten nicht ignoriert werden.“ Iris Berben, Schauspielerin und Präsidentin der Deutschen Filmakademie Quelle: Stefan Thomas Kröger für WirtschaftsWoche

Was muss die nächste Regierung aus Ihrer Sicht dringend angehen?

Um die Lage wieder zu beruhigen und den Protestparteien Wind aus den Segeln zu nehmen, muss eine strengere Flüchtlingspolitik durchgesetzt werden. Wir müssen echte Flüchtlinge aufnehmen und ihnen eine Chance bieten. Und wenn die Herkunftsländer wieder sicher sind, müssen wir sie auch zurückschicken können. Bei den Schein-Flüchtlingen müssen wir aber durchgreifen.

Zugleich müssen wir aber auch die Chance begreifen: Unsere Wirtschaft braucht Fachkräfte, die wir im Inland nicht finden. Bei uns arbeiten 28 Flüchtlinge, die ich gar nicht mehr abgeben will. Sie sind anständig und fallen keinem zur Last. Wir müssen aber auch klar sagen: Wer sich nicht an die Spielregeln hält, der darf nicht mitspielen. Da war die Politik am Anfang zu großzügig und muss jetzt stringenter sein.

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