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Bundestagswahl Mit diesen Zahlen wird Politik gemacht

Quelle: imago images

Der Bundestagswahlkampf 2021 ist plötzlich wieder spannend, weil immer neue Umfragen ihn beleben. Kann man den Erhebungen trauen?

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Kann Olaf Scholz (SPD) wirklich doch noch Kanzler werden? Sind die Grünen um Annalena Baerbock chancenlos in der Konkurrenz ums Kanzleramt? Oder gelingt es dem abgestürzten Armin Laschet (CDU), sich und seine demoralisierte Partei noch einmal aufzurichten

Es sind die Fragen der Stunde in diesem Bundestagswahlkampf, der in den verbleibenden Wochen viel spannender zu werden verspricht, als noch vor Kurzem gedacht. In den Umfragen ist plötzlich eine Menge Bewegung. Kein Wunder, dass den Befragungen schon lange nicht mehr so viel Beachtung geschenkt wurde wie derzeit. Je nach Parteibuch starren die einen mit Furcht auf jede neue Zahl, weil sie den Abwärtstrend zementieren könnte. Die anderen fiebern den neuen Daten des Aufschwungs entgegen.

Politiker und ihre Teams betonen sehr gerne, wie bedeutsam Umfragen seien; allerdings immer nur dann, wenn deren Ergebnisse als Unterstützung der eigenen Kampagne zu lesen sind. Olaf Scholz weiß, wovon hier die Rede ist. Ansonsten weisen Kampagnenmacherinnen und Spitzenkandidaten säuerlich darauf hin, dass solche Befragungen höchstens „Momentaufnahmen“ und „Wasserstände“ seien und ja noch wenig über den Wahltag aussagten.

Dass diese Reaktionen zu den üblichen Ritualen gehören – geschenkt. Richtig ist aber: Das Geschäft der Demoskopie ist schwieriger geworden, die Aussagekraft der Befragungen geringer. Das liegt zunächst am Wahlvolk selbst: Viele werden immer unwilliger, sich an Umfragen zu beteiligen. Das macht die Befragungen teurer und unsicherer. Etliche haben auch keine feste Bindung an eine bestimmte Partei mehr und entscheiden sich immer später. 

Dazu kommt ein sehr hoher Anteil an Menschen, die per Brief wählen, und auf künftige Ereignisse gar nicht mehr reagieren können – ab jetzt und in den nächsten Wochen ist also immer Wahltag. Und auch der Konkurrenzkampf unter den Demoskopen, sei es Infratest dimap, die Forschungsgruppe Wahlen, Forsa, Allensbach oder der noch jüngere Online-Konkurrent Civey, ist härter geworden.

Der Wahlforscher Bernhard Weßels vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) beschreibt die schwierigen Voraussetzungen für sein Fach und fürs Geschäft der kommerziellen Kollegen: „Wählerinnen und Wähler sind flexibler geworden, sie entscheiden kurzfristiger und sind wechselbereiter“, sagt der Professor, der auch an der Humboldt-Universität Berlin lehrt. „Ein Drittel etwa bleibt beweglich und bis kurz vor der Wahl unentschieden.“ Umfragen seien tatsächlich immer nur Momentaufnahmen „und kaum zur Prognose des tatsächlichen Ergebnisses geeignet“.



Bei der jüngsten repräsentativen Umfrage für die Bundestagswahl am 26. September des Instituts Infratest dimap etwa holte die SPD auf – so wie auch zuletzt in anderen Erhebungen. 25 Prozent der Befragten aber hatten noch gar keine Parteipräferenz fürs Kanzleramt.

Und 31 Prozent wollten sich auch nicht bei der fiktiven Direktwahlfrage nach Kanzlerin oder Kanzler festlegen. 

So viel Unentschiedene, die entweder von den Wahlkämpfern noch zu gewinnen sind oder an die Partei der Nichtwähler verloren gehen, machen es gerade auch für taktische Wähler schwierig; diejenigen also, die niemand so richtig klasse finden, aber eine bestimmte Koalition vorziehen würden.

Demoskop Weßels sagt, das taktische Wählen werde trotz der vielen Umfragen immer schwieriger. Aus mehreren Gründen: „Dieses Mal gibt es keinen Lagerwahlkampf, keine deutliche Alternative zwischen verschiedenen Regierungen.“ Das sei früher leichter gewesen, als ein eher konservatives Lager aus Union und FDP gegen ein eher linkes Lager gestanden habe – SPD und Grüne. Beide „Lager“ aber könnten aus eigener Kraft keine Regierung mehr bilden und unterschieden sich in der Zielsetzung auch nicht mehr so deutlich. Das zeigten Jahre der so genannten „großen“ Koalitionen aus Union und SPD.

Aber auch die neue Beweglichkeit vieler Bürgerinnen und Bürger mache Vorhersagen schwieriger. Fast 60 Prozent wechselten im Laufe der Zeit ihre Wahlpräferenz, ein Drittel bleibe tatsächlich bis zum Schluss des Wahlkampfes flexibel und wählte dann auch andere Parteien als vorher. „Die“, so Weßels, „lassen sich kaum prognostizieren.“

Auf der Suche nach der Wahrheit

Schließlich kommen noch Tücken des Handwerks hinzu. Die Demoskopie-Institute, die um kommerzielle Aufträge konkurrieren, haben es immer schwerer, Antwortwillige zu finden und daraus eine repräsentative Gruppe zu bilden.

Viele, die per Zufall angerufen oder mit einer Stichprobe aus Einwohnermeldedaten ausgesucht würden, wollten gar nicht antworten, weiß Weßels aus eigener Erfahrung. Tendenz steigend. Das mache Umfragen teuer. Zudem sei durch viele Handy-Nutzer an der Gesamtbevölkerung gar nicht mehr klar, wo die Befragten wohnten. Auch das verzerre die Ergebnisse.

Deshalb verlagere sich das Geschäft, beschreibt der WZB-Forscher. Der Trend gehe zu Online-Befragungen, „sonst laufen die Kosten davon“. Viele Umfrageinstitute seien privatwirtschaftliche Betriebe, „die konkurrieren – auch über den Preis.“ Dabei kämen aber nur brauchbare Ergebnisse zu Stande, wenn vorher schon ein Datensatz über Jahre mit Befragten aufgebaut worden sei: „Entscheidend ist, dass diese Umfragen auf Zufallsstichproben bei den Befragten basieren. Sonst stimmt das Ergebnis am Ende nicht.“ 

Damit hinterfragt Weßels gerade die Herangehensweise von Instituten wie dem Onlineumfrage-Pionier Civey kritisch. Dort beteiligen sich Befragungswillige aus eigenem Antrieb online. Danach gewichtet und filtert ein Algorithmus die Daten, um einem Querschnitt der Bevölkerung möglichst nahe zu kommen.   

Aber auch traditionelle Umfrageinstitute gewichten ihre Ergebnisse aufgrund von Erfahrungswerten. So galt meist: In Umfragen wird die AfD seltener als Wahl angegeben als dann im Ergebnis sichtbar wird, bei den Grünen ist es genau umgekehrt. „Soziale Erwünschtheit“ nennen Wissenschaftler wie Weßels die Motivation hinter solchen Antworten. Das habe sich gewandelt: „Die AfD ist inzwischen eher hoffähig, deshalb scheuen sich Befragte wohl weniger, ihre Wahl zu benennen.“ Bei der Ökopartei gelte das Prinzip jedoch bedingt weiterhin. „Die Grünen haben ein positives Image und mobilisieren mit Themen. Doch manche machen dann im letzten Moment ihr Kreuz doch woanders“ – weil ihnen beispielsweise eine Abschaffung des Ehegattensplittings oder höhere Steuern und Abgaben persönlich am Ende doch nicht behagen.

Darüber hinaus gelte – trotz Schwäche des CDU-Kandidaten Laschet – immer noch eines: „Die Union holt in den letzten Wochen immer auf“, sagt Weßels. „Die Partei schafft es gut, ihre Anhänger dann noch zu mobilisieren.“ Der gebeutelte Wahlkämpfer wird es sicher gerne hören.

Mehr zum Thema: Corona, Flut und jetzt auch noch Afghanistan: Der Wahlkampf ist unberechenbar. Mehr denn je kommt es auf die Kampagnenmacher im Hintergrund an.

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