Bundesumweltminister Altmaier ackert sich an der Energiewende ab

Peter Altmaier erntet nach knapp 100 Tagen viel Lob von Freunden und Gegnern. Die Energiewende wird aber nur als Erfolg der Regierung wirken, wenn er die Erwartungen bis zur Wahl drastisch herunterschrauben kann.

Das ist Peter Altmaier
Peter Altmaier Quelle: dapd
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Peter Altmaier Quelle: dpa
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Dem Minister ist heiß, also gibt er seinem Tross eine Runde aus. Am Bistro-Tresen im ICE von Hannover nach Frankfurt kauft er Magnum-Eis am Stiel. Die Reisenden in der Schlange werden unsicher, ob sie diesen sehr stattlichen Herrn kennen. Bald droht er bärig gähnend, sich „jetzt gleich auf den Boden“ zu legen – zum Mittagschlaf. Ein Rentner aus Göttingen staunt: „Der Umweltminister fährt Zug!“ Altmaier: „Geht ja schneller.“ Der Mann: „Sie haben meine Politikverdrossenheit gemildert.“ Altmaier bedankt sich.

Er ist nun Angela Merkels wichtigster Mann. Für die Bundeskanzlerin soll er die Energiewende retten, den Ausstieg aus der Atomwirtschaft und den Umstieg auf Wind- und Sonnenkraft zum Erfolg machen. Doch überall hapert es. Mal schrammt der Industriestandort knapp am Stromausfall vorbei, dann steigt und steigt der Strompreis.

Die Energiewende und der Sand im Getriebe

Also eilt der Saarländer durchs Sommerloch, er will alle 16 Bundesländer besuchen. Vor bald 100 Tagen ist er in die vorderste Reihe der Bundespolitik gerückt, ist vom Strippenzieher als Parlamentarischer Geschäftsführer der Union zum Mister Umweltschutz im Kabinett aufgestiegen. Bis Herbst 2013 soll die Energiewende gut aussehen. Dann ist Bundestagswahl.

Ein begnadeter Makler

Das Amt ist ihm neu, die Themen fremd. Doch er nutzt die Methode Altmaier. „Politik funktioniert so, dass möglichst viele Leute auf möglichst vielen Ebenen über möglichst viele Themen diskutieren“, sagt er. Dazu bekocht er Politiker und Journalisten, dazu ist ist er auch für Oppositionsleute zügig erreichbar. Dazu twittert er.

Installierte Wind- und Solarleistung nach Bundesländern in Megawatt Quelle: BDEW, BSW, BWE, BEE, Bundesländer

Der Mann ist ein begnadeter Makler. Er setzt auf menschlichen Kitt und darauf, dass vieles leichter wird, wenn man sich kennt. Insofern ist der bekennende Single im Beruf ein Beziehungsmensch. Nun trifft er Umweltschützer und Konzernchefs, bestaunt Solaranlagen und Seehunde. Der 54-Jährige sammelt Wissen, hört zu, fragt nach und liest Akten – auch nachts. „Ich bin fix und kann mich schnell einarbeiten“, lobt sich der Jurist selbst.

Dabei ist Altmaier eher kunstfertiger Handwerker als Überzeugungstäter. So geht er fast nie mit festen Zielen ans Werk, die offene Auseinandersetzung meidet er. Überhaupt eine Lösung zu finden zählt mehr als ein bestimmtes Ergebnis. Ganz die Chefin.

Was Peter Altmaier noch zu erledigen hat

So bemisst der Saarländer Erfolg nach der Zahl abgehakter Streitpunkte. „Solange der Stall voll quiekender Ferkel ist“, könne niemand ihn angreifen. Das ist sein Maß, um bei der Energiewende voranzukommen.

Er ist ein Einwickler, ein Umarmer. Das zeigt sich, wenn er die Ministerpräsidenten besucht, denen er über die Maßen schmeichelt. Er braucht ihre Hilfe. Jedes Land werkelt an seiner Wende, nichts passt zusammen. Altmaier nennt Niedersachsen „Premiumpartner“ der Energiewende, Hessen lobt er als „wirtschaftliches Kernland“, Brandenburg sei in der „Spitzengruppe“ beim Umbau, Baden-Württemberg erklärt er zum „Verbündeten“. Flugs leiht ihm Ministerpräsident Winfried Kretschmann nach einer Soßenpanne beim gemeinsamen Spätzleessen einen grünen Schlips.

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