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Carsharing Die Mär von grüner Mobilität

Je mehr Leute ein Auto teilen, desto besser ist das für die Umwelt. So die Vision. Die Realität sieht anders aus: Carsharing führt dazu, dass Leute mehr fahren.

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Immer ein Auto. Teilweise befinden sich in Berlin bis zu zehn Car2Go-Smarts in der Nähe. Quelle: dpa

Neulich in Berlin. Ich hatte mich auf den Weg gemacht, um mit Freunden brunchen zu gehen. Eigentlich wollte ich für die etwa zehnminütige Fahrt die U-Bahn nehmen. Nach dem Ausstieg wäre ich dann noch ein paar Meter zu Fuß gegangen. So war der Plan. Doch vor meiner Haustür stand ein Smart von Car2Go.

Ich wog die Argumente im Kopf hin und her: mit dem bezahlten Monats-Abo in einer miefigen U-Bahn oder drei bis vier Euro für die Fahrt über die Straße. Ich wählte das Auto.

So geht es mir oft. Ich liebe Carsharing. Ich kann jederzeit über eine App Autos suchen, per Knopfdruck reservieren, einsteigen und losfahren. Eine wunderbare Erfindung.

Wie sich Carsharing auf die Nutzung anderer Verkehrsmittel auswirkt

Doch damit bewege ich mich weit weg vom Ideal ökologischer Stadtmobilisten. Car2Go wirbt zwar mit dem Spruch: „Jetzt ein Auto“. So, wie man sich eben fühlt, wenn es gerade anfängt zu schütten, die Einkaufstasche einem die Fingerkuppen abschnürt oder der selbst gebackene Kuchen zur Feier von Freunden transportiert werden muss. Dann ist man froh, dass um die Ecke ein Auto steht. Doch tatsächlich nutzen die Kunden das Fahrzeug auch dann, wenn sie „jetzt ein Auto“ gar nicht dringend brauchen.  

Es ist daher eine Mär, dass Carsharing einen großen Beitrag für die Umwelt leistet. Es dient allenfalls dem grünen Gewissen, weil es ökologisch klingt. Insbesondere das so genannte Free Floating, bei dem Kunden das Auto überall in der Stadt abstellen können, animiert zum Vielfahren. Ich habe seit Jahren kein eigenes Auto mehr, aber so viel wie derzeit bin ich noch nie gefahren.

Natürlich gibt es Studien, die das Gegenteil belegen. Die Stadt München hat die Bevölkerung nach ihrem Nutzungsverhalten gefragt. Viele haben ausgesagt, dass sie ein eigenes Auto abschaffen würden, wenn sie auf Carsharing-Angebote zurückgreifen könnten. Klingt gut. Aber man beachte, wo die Umfrage stattgefunden hat: in München. In kaum einer anderen Stadt gibt es mehr Autos pro Haushalt. Man könnte sagen: Münchener können es sich leisten, auf den Luxus eines Zweitauto zu verzichten.

Carsharing-Gesetz ist trotzdem sinnvoll

Ein positiver Effekt auf die Umwelt ist zwar nicht ausgeschlossen, doch er würde erst langfristig eintreten, wenn die geteilte Mobilität so richtig ins Rollen kommt. Wer jedoch jetzt neben seinem eigenen Pkw bei einem Carsharing-Anbieter angemeldet ist, fährt eher mehr. Die Daten in München zeigen, „dass das alleinige Eingehen einer Vertragsbeziehung zu einem Carsharing-Anbieter keine klaren Veränderungen bei den Jahresfahrweiten des eigenen Pkw verursacht“, heißt es in der Studie. Im Klartext: das eigene Auto wird weiterhin gut genutzt. Hinzu kommen die Carsharing-Kilometer.

Es gibt daher auch Studien, die zu dem Ergebnis kommen, dass das One-Way-Carsharing zu deutlich mehr Stadtverkehr führt. Etwa die Studie der Unternehmensberatung Berylls. Und man beachte: Stationsbasierte Betreiber, deren Kunden ein Auto ausleihen, wenn sie wirklich mal eins brauchen, haben 430.000 registrierte Nutzer. Free Floater, die zum Fahrspaß animieren, kommen hingegen auf 830.000 Nutzer. Es boomen also die Geschäftsmodelle, die das Carsharing sexy gemacht haben, aber eben auch zum Vielfahren animieren.

Warum nutzen Sie Carsharing?

Ist es nun also falsch, dass die Bundesregierung das Carsharing mit einem eigenen Gesetz fördern will und spezielle Parkplätze erlaubt? Nein, der Vorstoß ist richtig. Aber jeder sollte sich frei machen von der Illusion, die Luft in den Städten in kürzester Zeit besser zu machen, weil er ein überzeugter Carsharer ist.

Die Gesetzesinitiative aus dem Hause von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) ist ein wichtiger Schritt, um auf das geänderte Mobilitätsverhalten der Bürger zu reagieren. Die Leute wollen sich heute anders bewegen. Darauf muss die Politik reagieren. Und natürlich kann Carsharing irgendwann auch dazu führen, dass es einmal mehr Platz für Radfahrer und Fußgänger gibt, allein schon deshalb, weil weniger Parkplätze benötigt würden. Die Lebensqualität würde steigen. Doch ist noch sehr spekulativ.  

Denn dafür müssten die Städte und Kommunen öffentliche Parkflächen für Carsharing-Betreiber wirklich anbieten. Immerhin hat es die Carsharing-Lobby geschafft, dass auch stationsbasierte Anbieter von dem Gesetz profitieren können. Städte können Parkraum ausschreiben, der dann für maximal fünf Jahre an ein Unternehmen wie Cambio Carsharing, Flinkster und Stattauto vergeben wird.

Es gäbe noch eine Möglichkeit, den Stadtverkehr nachhaltig zu verändern: Sammeltaxis mit Elektromotoren. Doch diese Form der Mobilität ist laut Personenbeförderungsgesetz verboten. Start-ups wie Clever Shuttle erhalten nur eine Sondererlaubnis im Rahmen einer Experimentierklausel. In Berlin darf das junge Unternehmen gerade mal zehn E-Autos in einem Pilotprojekt testen. Zu wenig für einen umfangreichen Feldversuch. Die Politik hat noch viel zu tun.

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