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CDU Das Bildungsreförmchen

Atomkraft weg, Wehrpflicht abgeschafft, Hauptschule geschlossen. Hauptschule? Doch nicht. Die CDU hat ein Bildungspapier beschlossen, das einmal gute Absichten enthielt, und nun leider weitestgehend folgenlos bleiben wird.

Annette Schavan Quelle: dpa

Den klügsten Satz auf diesem Parteitag, der mal ein Bildungsparteitag sein sollte, spricht nicht Annette Schavan aus und auch nicht Angela Merkel, sondern Thomas de Maiziere. Schulformen, sagt der Bundesverteidigungsminister in seiner nachdenklichen Rede, seien nur eine Struktur, aber noch lange kein Wert an sich.

In den vergangenen Monaten hörte sich das in seiner Partei anders an. Die CDU schafft die Hauptschule ab, lautete die Schlagzeile. In den Südwestländern, vor allem in Baden-Württemberg und Hessen, schwoll daraufhin eine Protestwelle an, die zwischenzeitlich fast Bundesbildungsministerin Schavan aus dem Amt gespült hätte. Diese Schulform, so viel wurde deutlich, war für viele Konservative sehr wohl ein Wert an sich. Ein Symbol, ein Anker. Viele davon hat die CDU nicht mehr.

Werbung für das Zwei-Säulen-Modell

Auf vier Regionalkonferenzen hat sich Schavan danach der Basis gestellt, für den Leitantrag und das dort propagierte Zwei-Säulen-Modell geworben: Neben dem Gymnasium solle es in den Ländern in aller Regel nur noch eine weitere Schule mit einheitlichem Namen („Oberschule“) geben. Sie sollte unter einem Dach Haupt- und Realschulabschluss anbieten, eventuell sogar direkt den Weg zum Abitur öffnen. Funktionierende Hauptschulen, so formulierte es der Leitantrag als Kompromiss, sollten überall respektiert und unangetastet bleiben.

Die Idee war richtig: Das föderale Dickicht von mehr als 90 Schultypen und Bezeichnungen in 16 Ländern sollte endlich gelichtet werden. Eltern durchschauten es längst nicht mehr. Der Umbau war auch als Antwort auf schrumpfende Schülerzahlen gedacht und ist vielerorts schlicht ohne Alternative. Und: Er schützte pragmatisch einerseits die gut funktionierenden Gymnasien und bot andererseits Großstädten mit vielen Migranten eine Lösung an.

Abstimmung mit Füßen

Angela Merkel und Thomas de Maizière Quelle: dpa

Doch Schavans Werben war nicht überzeugend und die weiche Sprachregelung für viele in der CDU noch nicht schwammig genug. Der Parteitag applaudierte der Ministerin dann auch höflich, aber ohne Begeisterung. In der Sache, im überarbeiteten Leitantrag, der heute verabschiedet wurde, ging die Partei einen Schritt zurück. Von zwei Säulen ist nicht mehr explizit die Rede, sondern nur von neuen „attraktiven Schulformen“. Und aus dem Respekt vor den Hauptschulen wurde ein Bekenntnis: Die CDU stehe zu ihr.

Die Chance, sich der Wirklichkeit mutig anzupassen, hat die CDU damit verpasst. Viele Konservative haben Angst, dass der fusionierten Ober- irgendwann die Einheitsschule folgt und das geliebte Gymnasium schluckt. Die Hauptschule musste als Schutzwall herhalten.

Ziele guter Bildung

Mit der Realität hat das wenig zu tun. Natürlich gibt es noch funktionierende Hauptschulen, die nicht – so wie viele Ableger in Großstädten – zu Restschulen verkümmert sind. Doch die meisten stehen vor dem Aus. In zehn Jahren wird es ein Drittel weniger Schüler geben als heute und die strömen zudem immer seltener auf die Hauptschule. Die Abstimmung mit den Füßen hat längst angefangen. Ein Parteitag kann sie nicht aufhalten.

Bildungsministerin Schavan hat es (wie die Kanzlerin im Übrigen auch) versäumt, nicht nur demografisch zu argumentieren, sondern inhaltlich. Bildung soll Chancen gerecht verteilen und den Aufstieg ermöglichen. „Befähigung und Ermutigung sind Ziele guter Bildung“, sagte Schavan heute.  Was sie nicht gesagt hat: Von einer Schule aus, die den Lernweg mit dem Hauptschulabschluss beendet, unabhängig davon, was ein Jugendlicher kann und will, ist höhere Bildung schwerer zu erlangen als an einer, die Perspektiven darüber hinaus bietet. Darüber, wie differenziertes Lernen innerhalb integrierender Schulen auf hohem Niveau gehen kann, hat die CDU ebenfalls so gut wie gar nicht geredet. Beides war ein Fehler.

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