CDU nach Stuttgart Grüne Realos sind das größte Risiko für die Merkel-Partei

In Stuttgart hat der grüne Fritz Kuhn die Oberbürgermeisterwahl gewonnen. Der CDU erodiert die Basis in den Städten.

Der neue Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn Quelle: dpa

Der Wahlsieg des grünen Kandidaten Fritz Kuhn in Stuttgart kommt nicht unerwartet. Das Land Baden-Württemberg wird längst grün regiert, Landesvater Winfried Kretschmann hat die Protestpartei bei den Bürgern im Ländle vom Bürgerschreckimage befreit. Dennoch klingeln bei der Bundesvorsitzenden der CDU, Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Alarmglocken. Jeder Verlust in der Provinz geht zulasten der Gesamtpartei. Und inzwischen summieren sich diese Verluste in der Etappe: Frankfurt ging an die SPD verloren, NRW bleibt an rot-grün verloren, Schleswig-Holstein ging an rot-grün verloren – alles in diesem Jahr.

Wo die CDU wichtige Metropolen verloren hat
In der Stadt Bielefeld (323 270 Eiwohner) regiert seit 2009 der SPD-Politiker Pit Claußen. Davor war zehn Jahre lang der CDUler Eberhard David das Oberhaupt der Stadt. Quelle: GNU
Der Oberbürgermeister der Stadt Duisburg (489 559 Einwohner), Adolf Sauerland (CDU), räumte nach seiner Abwahl im Februrar 2012 seinen Posten für den SPD-Kandidaten Sören Link. Sauerland war wegen des Loveparade-Tragödie im Sommer 2010, bei der 21 Personen ums Leben kamen, stark unter Druck geraten. Quelle: dpa
Der Oberbürgermeister aus Nürnberg (505 664 Einwohner), Ulrich Maly (SPD) übernahm 2002 den Posten von seinem CSU-Vorgänger Ludwig Scholz. Quelle: dpa
Zeche Zollverein in Essen (574 635 Einwohner): Der SPD-Politiker Reinhard Paß regiert seit 2009 die Stadt, dessen Oberhaupt zuvor zehn Jahre lang Wolfgang Reiniger von der CDU war. Quelle: AP
Der Sieger der Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart (606 588 Einwohner), Fritz Kuhn (Bündnis 90/ Die Grünen), steht neben dem amtierenden Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU, links im Bild). Die CDU verliert nach der Landtagswahl 2011 in Baden-Württemberg nun auch Stuttgart an die Öko-Partei. Für die Grünen ist es der erste Bürgermeisterposten in einer Landeshauptstadt. Quelle: dapd
Der Römer, das Rathaus der Stadt Frankfurt am Main (679 664 Einwohner): 17 Jahre lang regierte hier Petra Roth von CDU. Seit März 2012 ist damit Schluss. SPD-Mann Peter Feldmann sitzt nun auf dem OB-Sessel im Frankfurter Römer. Quelle: dpa/dpaweb
In Köln (1 007 119 Einwohner) ist seit 2009 Jürgen Roters (SPD, im Bild) der Oberbürgermeister. Sein Vorgänger: CDU-Politiker Fritz Schramma war zuvor neun Jahre lang das Oberhaupt der Stadt. Quelle: dpa/dpaweb
Mit Olaf Scholz an der Spitze zieht die SPD im Februar 2011 wieder als stärkste Fraktion in die Hamburger Bürgerschaft ein (Einwohnerzahl in Hamburg: 1 786 448). Der bis dahin Erste Bürgermeister von Hamburg, Christoph Ahlhaus von der CDU, konnte sich nicht im Amt halten. Er hatte im August 2010 den Bürgermeisterposten von Ole von Beust (CDU) nach dessen Rücktritt übernommen. Quelle: dapd
Seit über zehn Jahren im Amt: Klaus Wowereit (SPD) löste 2001 Eberhard Diepgen (CDU) als Regierenden Bürgermeister von Berlin (3 460 725 Einwohner) ab. Unter den 20 größten Städte Deutschland stellt nur noch in Düsseldorf, Wuppertal und Dresden das Stadtoberhaupt. Quelle: dpa

Da nützt es der Kanzlerin wenig, dass die Union auf Bundesebene so strahlend wie seit Jahren nicht mehr dasteht. Wäre jetzt Bundestagswahl, könnte die Union auf rund 40 Prozent kommen, soviel wie zu den früheren Zeiten von Helmut Kohl. Die Union profitiert heute vom Merkel-Bonus einer sachlichen, kompetenten Regierungschefin, die Deutschland ruhig und unerschütterlich durch die Fährnisse des Euro-Krise steuert.

Wähler achten auf Personen statt Programme

Doch ansonsten hat es die Union - wie auch die SPD - schwer im 21. Jahrhundert. Inzwischen gibt es eine verbreitete Politiker- und Parteienverdrossenheit. Die Mitgliedzahlen der beiden Volksparteien rauschen in den Keller, bei nur noch 500.000 Mitgliedern stellt sich allmählich die Frage, ob wir es überhaupt noch mit Volksparteien zu tun haben.

Die Wähler von heute achten mehr auf Personen als auf Programme. Das gilt insbesondere für die Städte, wo die Milieus schneller als auf dem Lande aufbrechen. So ist es auch kein Wunder, dass die Grünen und (noch) die Piraten in den Städten reüssieren. Im Vergleich zu den meist verfilzten und personell ausgezehrten Alt-Parteien bieten sie oft das kleinere Übel, manchmal auch eine neue Hoffnung. Die SPD muss die neue Wahlfreiheit seit vielen Jahren schon erleiden. Erst kamen die Grünen und nahmen den Sozialdemokraten Stimmen weg, später noch die Linke dazu.

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