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China-Besuch Angela Merkels schwierigste Mission

China-Besuch: Angela Merkels schwierigste Mission Quelle: dpa

Die Bundeskanzlerin ist zum elften Mal nach China gereist. Dabei treibt sie die gleiche Frage um wie die mitreisenden Manager: Wie soll Deutschland auf das immer stärkere Machtstreben des Landes reagieren?

Da stehen sie nun in einem hell erleuchteten Konferenzraum in der Großen Halle des Volkes und tauschen die üblichen Nettigkeiten aus: Von „großer Freude“, „gegenseitigem Respekt“ und „fruchtbringenden Verhandlungen“ sprechen Angela Merkel und der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang nach ihrem Gespräch am Donnerstagvormittag.

Doch der freundlich-verbindliche Ton täuscht. Merkel ist zum elften Mal in China, seit sie 2005 Kanzlerin wurde. Mit jedem Mal sind die Reisen schwieriger geworden. Früher ließ sich das Verhältnis zwischen beiden Staaten noch auf die simple Formel: „Wir exportieren teure Autos nach China, die Chinesen verkaufen uns im Gegenzug billige Kühlschränke“ bringen. Inzwischen verfolgt China offensiv die Strategie, eine ökonomische Weltmacht zu werden – nicht bis zum nächsten Jahr, aber auch nicht in allzu ferner Zukunft.

In zehn Schlüsselindustrien soll das Land führend werden: von der Luft- und Raumfahrt über Elektrofahrzeuge bis zur Pharmaindustrie. Manch ein mitreisender Manager stellt sich da schon die Frage, ob China die deutschen Unternehmen möglicherweise herauswirft, wenn erst einmal Augenhöhe hergestellt ist.

Und so lautet die entscheidende Frage: Wie soll Deutschland auf das Machtstreben Chinas reagieren?
Die Antwort, die sie im Umfeld der Kanzlerin geben, hat mehrere Teile: Der erste besagt, dass China in den vergangenen zwei Jahrhunderten fast immer eine führende Wirtschaftsmacht war. Der rasante Aufstieg, den das Land seit der ökonomischen Öffnung vor 40 Jahren hingelegt hat, ist somit nur eine Rückkehr zur historischen Normalität. Und der Anspruch, wieder eine führende Weltmacht werden zu wollen, ein berechtigtes Ziel. Dass es mit den USA für China nur eine wirklich relevante außenpolitische Größe gibt - geschenkt.

Schwerer wiegt, dass Deutschland den Anschluss an China zu verlieren droht. Dass die Regierung in Peking eine langfristige ökonomische und politische Strategie hat, die sie konsequent verfolgt, während in Deutschland oft von Tag zu Tag gehandelt wird - in der Politik, aber auch in vielen Unternehmen - ist nur eine Sorge. Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit: Bosch hat die Forschung an Batteriezellen aufgeben, weil die Firma mit notwendigen Investitionen von 20 Milliarden Euro rechnete.

Die Kanzlerin ahnt wohl, dass eine solche Summe bei den Machthabern in Peking nicht einmal für ein Achselzucken gereicht hätte. Dort gilt scheinbar eher das Motto: Es geht um eine Schlüsselindustrie der Zukunft, deshalb sind die Kosten erst einmal egal. Dass die deutschen Autohersteller nur schüchterne Annäherungsversuche unternehmen, um gemeinsam in die Batterietechnologie zu investieren, ist eher ein Indiz für die deutsche Langsamkeit als ein wirklich gutes Zeichen. Zumal es ja nicht nur um Batteriezellen geht. Auch das Thema Künstliche Intelligenz treibt China mit Milliardeninvestitionen voran. Hinzu kommt die Datensammelwut der Regierung in Peking, die aus deutscher und europäischer Sicht ein Graus ist, die sich im datengetriebenen digitalen Zeitalter allerdings durchaus noch als Standortvorteil entpuppen könnte.

Merkel will das chinesische Machtstreben nun erst einmal dadurch eindämmen, dass sie auf die sogenannte Reziprozität setzt: Deutsche Unternehmen sollen in China das dürfen, was chinesische in Deutschland dürfen. Was im Umkehrschluss bedeutet: Branchen wie Energienetze, die in China tabu sind, sind es eben auch in Deutschland. Allerdings sagte Merkel in Peking ausdrücklich auch, dass sie chinesische Investitionen in der Bundesrepublik begrüße. Es wird also nicht einfacher. Aber nächstes Jahr dürfte es zur zwölften Merkel-Reise kommen.

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