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Christian Illies über Stuttgart21 "Wie die Unterstadt in Metropolis"

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Aber ist der geplante Bahnhof nicht auch ein Zugeständnis an die Bedürfnisse der Bürger? Indem er unter die Erde geht, schafft er mehr Lebensraum in der Stadt.

Das stimmt. Es entsteht überirdisch ein begrünter Platz, der neue Bahnhof bleibt unsichtbar  unter einer Parklandschaft. Das ist ästhetisch ansprechend , die Lichttrichter etwa scheinen mir sehr gelungen. Und doch ist solch ein Bau beunruhigend: Die Wiese mit den Glasaugen, auf der sich die Menschen tummeln, lässt sich auch als dünne Haut sehen, unter der sich auf fast unheimliche Weise das eigentliche Leben abspielt. Indem die Züge unterirdisch fahren,  weiß man nicht mehr, wo sie genau sind: Sie könnten irgendwie überall sein; sie sind Teil einer Art omnipräsenter anderer Wirklichkeit unter der Stadt, verborgen wie die Unterstadt in Metropolis.  In dem Bauwerk steckt daher  eine Doppelbotschaft: Der Bahnhof zieht sich als visueller Bezugspunkt der Stadt zurück – und betont zugleich die überragende Rolle und Präsenz der technischen Infrastruktur.

Der alte Bahnhof ist da weniger diskret, der trumpft theatralisch auf.

Das tun viele Bahnhöfe des vorletzten Jahrhunderts und bis in die Dreißigerjahre des vergangenen Jahrhunderts. Sie haben etwas Feierliches, im positiven Sinne Pompöses, da triumphiert die neue, moderne Beweglichkeit. Man durchschritt das große Portal und stieg in den Zug, um in die große Welt aufzubrechen. Das ist heute ganz anders: Es wird nichts Besonderes mehr sein einzusteigen, weil man immer schon eingestiegen ist,  weil man sozusagen im Unterwegssein zu Hause ist. Bewegung und Aufenthalt fließen ineinander.

Da ist es doch nur konsequent, dass der neue Bahnhof nichts Stuttgarterisches mehr hat.

Richtig, er ist gestalterisch nicht mehr bezogen auf den Ort, die Region, sondern Teil eines internationalen Netzes. Aber das ist oft unbefriedigend. Menschen suchen nach regionalen  Bezügen durch Bauwerke; die vielen Forderungen nach Rekonstruktionen belegen das. Ideal wäre es natürlich, wenn die Architektur eine Balance fände zwischen einer regional inspirierten und zugleich weltoffenen Bauweise. Das könnte Identifikationsangebote ohne Engstirnigkeit bieten. Aber das ist bei Bauwerken der  technischen Infrastrukturen, bei Bahnhöfen oder Flughäfen, nur schwer möglich.

Könnte es sein, dass in den Protesten gegen Stuttgart 21 auch eine grundsätzliche Skepsis gegenüber dem Neuen zum Ausdruck kommt? Die Bundeskanzlerin fühlte sich zu der Bemerkung bemüßigt, eine Gesellschaft, die das Neue ablehne, sei nicht zukunftsfähig.

Nun, das Neue ist aus philosophischer Sicht eine häufig überschätzte Kategorie, weil sie eigentlich leer ist. Es gibt gutes und schlechtes Neues. Dass etwas neu ist, ist deshalb noch lang kein Qualitätsmerkmal. Deswegen kann manchmal Zukunftsfähigkeit auch darin liegen, dem Neuen kritisch zu begegnen. Generell  gilt jedoch auch, dass Menschen in Zeiten allgemeiner Verunsicherung Neuerungen gegenüber ängstlicher sind und sie sehr schnell ablehnen. Außerdem ist es nicht verwunderlich, dass nach den vielen schlechten Erfahrungen mit Architektur und Stadtentwicklung sich die Begeisterung für das Neue im Städtebau in Grenzen hält. Daher würde ich von der Reaktion auf Stuttgart 21 nichts Grundsätzliches ableiten. Die Frage, ob Menschen offen für Neuerungen sind, hängt stark von der Überzeugungskraft der Neuerer ab – und ob sie offen sein sollten, hängt davon ab, ob das Neue auch gut ist. Beides scheint mir in Stuttgart nicht gegeben; das Positive dieses Großprojekts ist nicht hinreichend kommuniziert worden.

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