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Christian Schmidt "Russlands Sanktionen sind eine Stichelei"

Der Landwirtschaftsminister über die Folgen der russischen Agrarsanktionen, die Bedeutung der deutschen Biobauern – und den Nutzen von Algen.

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt Quelle: Werner Schuering für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Minister, mit Ihrer Ansage „An apple a day keeps Putin away“ haben Sie jüngst für Aufsehen gesorgt. Haben Sie heute schon einen Apfel gegessen?

Christian Schmidt: Ja, zum Frühstück.

Und? Dabei an Putin gedacht?

Nicht heute morgen, wohl aber nach zahlreichen Gesprächen mit Vertretern der Ernährungswirtschaft. Die Marktlage ist schwierig. Bei Äpfeln kommt das aber mehr von der guten Ernte und weniger von den russischen Sanktionen gegenüber EU-Agrargütern.

Wie stark greifen Putins Sanktionen?

Die baltischen Staaten und Finnland sind schon stark betroffen. Für die deutsche Landwirtschaft sind Russlands Sanktionen eher eine Stichelei. Weniger als ein Prozent unseres Absatzes sind betroffen. Mit Sorge betrachte ich aber, dass einige Unternehmen versuchen, diese Lage auszunutzen und die Preise zulasten der Landwirte zu drücken. Das ist unsolidarisch.

Zur Person

Wo geraten die Preise unter Druck?

Bei Milch sind die Erzeugerpreise gegenwärtig so bei 37 Cent pro Liter, das sind zehn Prozent weniger als zu Beginn des Jahres. Hinzu kommt, dass im nächsten Frühjahr nach über 30 Jahren das Quotensystem für Milch endet. Wenn dann Milchviehhalter ein Produktionsfeuerwerk entzünden würden, kämen die Preise unter Druck. Es ist eine kluge Überlegung der Bauern, sich hier zurückzuhalten.

Oder Sie fördern den Export.

Ich bin sehr dafür, den Export in aufnahmefähige Märkte zu unterstützen, und da bin ich auch aktiv. Ich will aber nicht in den europäischen Wettbewerb eingreifen. Leider muss ich feststellen, dass es auch in einigen EU-Mitgliedstaaten wieder protektionistische Tendenzen gibt, die an Maggie Thatchers „buy british“ erinnern.

Sie meinen Frankreich.

Ich will in ganz Europa eine Marktteilnahme ohne Belastungen und Zwänge. Auch das Aufbauen von neuen Barrieren unter dem Deckmantel angeblicher Gesundheits- und Veterinärvorschriften halte ich für nicht akzeptabel. Hier geht es um Kernfragen der europäischen Integration. Außerdem bekenne ich mich zu verbindlichen Handelsabkommen.

Sie sprechen TTIP an, das Handels- und Investitionsabkommen zwischen der EU und den USA. Sind Sie als Landwirtschaftsminister für das Chlorhühnchen?

Es wird kein Chlorhühnchen in Deutschland geben. Das entspricht nicht unseren europäischen Standards. Wir versuchen schon im Vorfeld, die Entstehung von Keimen zu verhindern. Die Amerikaner behandeln die Oberfläche des Geflügels mit Chlor, um alle Keime abzutöten. Das ist eine Frage unterschiedlicher Herangehensweisen. Wir bleiben aber aus Überzeugung bei unseren Verfahren.

Streitpunkte beim TTIP

Sollen bei TTIP nicht die unterschiedlichen Behandlungsmethoden gegenseitig anerkannt werden?

Ich respektiere die amerikanische Methode. Ich habe auch vermutlich in den USA schon mal Chlorhühnchen gegessen, unbewusst. Aber ich möchte nicht, dass die Bürger in Deutschland dies bewusst oder unbewusst tun müssen. Der Lebensmittelmarkt ist derart stark vertrauensorientiert, dass wir unsere eigenen Standards nicht zur Disposition stellen dürfen. Deswegen verhalte ich mich auch als Freihändler in diesem Punkt restriktiv, genau wie bei Hormonfleisch und gentechnisch veränderten Pflanzen.

Werden die USA das akzeptieren?

Das wird man sehen. Wir müssen uns als Europäer vor Augen führen, dass auch die Amerikaner mit manchen unserer Produkte Bedenken haben. Mit Rohmilchkäse...

...und Salmonellenhühnchen...

...auf jeden Fall kann es sein, dass wir vice versa keine vollkommene Öffnung der Lebensmittelmärkte erreichen. TTIP wird sich dennoch positiv auf unsere Landwirtschaft auswirken. Bei Milchprodukten, speziell Käse, rechne ich mit stark steigenden Exporten, da hier hohe Zölle wegfallen würden. Im Bereich von Getreide, etwa bei Weizen, kann der Wettbewerb zunehmen.

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