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Christian Wulff Zweifel am Zauderlehrling

Seite 7/8

Einflussreiche Freunde

Wulff und Maschmeyer Quelle: dpa

Deppendorf: Aber haben Sie kein Unrechtsbewusstsein gehabt als Ministerpräsident, sich sozusagen einladen zu lassen bei Freunden?

Wulff: Wenn man als Ministerpräsident keine Freunde mehr haben darf und wenn alle Politikerinnen und Politiker in Deutschland ab sofort nicht mehr bei Freunden übernachten dürfen, sondern, wenn Sie bei den Freunden im Gästezimmer übernachten, nach einer Rechnung verlangen müssen, dann verändert sich die Republik zum Negativen.

Entscheidend ist, ob die persönliche Nähe früher oder später zu Vorteilen aus dem Amt heraus führt, wie im Fall Geerkens.

Davon bin ich fest überzeugt. Und deswegen stehe ich zu diesen sechs Urlauben bei Freunden auf Norderney oder fünf, sechs Tage dort in Italien oder sieben Tage bei Freunden, mit den Freunden zusammen zu kochen, zu frühstücken, im Gästezimmer zu schlafen. Da erhebe ich auch keine Rechnung, wenn mich die Freunde hier in Berlin besuchen.

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    Schausten: Aber da hätten Sie natürlich auch sagen können: Ich gebe Euch mal pro Nacht 150 Euro. So was. Was spricht dagegen eigentlich?

    Wulff: Machen Sie das bei Ihren Freunden so?

    Schausten: Ja.

    Oha. Jetzt wird’s auch von der Journalisten-Seite übertrieben.

    Wulff: Dann unterscheidet Sie das von mir im Umgang mit den Freunden. Jetzt als Bundespräsident, habe ich ja gesagt, war es ein Fehler, überhaupt bei einem Unternehmer zu übernachten.

    Deppendorf: Was sagen Sie eigentlich Ihren Beamten? Oder was sagen Sie den Beamten, wenn sie so was machen würden?

    Wulff: Dass die Beamten bei Ihren Freunden übernachten dürfen.

    Deppendorf: Nein, dass Sie bei, ich sag mal, möglichen Verhandlungspartnern - es gibt ja auch den Anschein, was sagen Sie den Beamten, die da möglicherweise konsequent sind?

    Wulff: Das ist genau der Unterschied. Wenn es dienstliche Kontakte gibt, wenn es in Bezug auf das Amt geleistet wird, dann kommt es überhaupt nicht infrage. So ist genau die Regelung.

    Aber genau hier liegt das Problem. Denn in vielen Konstellationen ist das in einem politischen Führungsamt nicht auszuschließen. Wer die Einführung einer zusätzlichen privaten Altersvorsorge (wie z.B. die Riesterrente) unterstützt, wie es die Maschmeyer-Freunde Wulff und der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder taten, der hilft auch dem Finanzvertrieb. Landesregierungen entscheiden mit bei Flughäfen und so weiter.

    Aber dies wird nicht in Bezug auf das Amt gemacht, denn ich bin in Norderney schon gewesen oder in Spanien, als ich noch gar nicht im Amt war. Ich kenn den Herrn Geerkens, seit ich 14, 15, 16 bin. Den kannte mein Vater, der war mit dem eng befreundet. Und wenn man den seitdem kennt und ihn besucht hat und er uns besucht hat und man sich ein Leben lang begleitet, dann ist das nicht auf das Amt bezogen. Sondern dann ist das eine private Beziehung, die auch Politikern möglich sein muss.

    Schausten: Wenn wir mal alles zusammen nehmen, ist natürlich ein Problem auch, Herr Bundespräsident, dass Sie in der Vergangenheit allerhöchste Maßstäbe selbst an alles angelegt haben. Ich darf Sie einmal zitieren in Zusammenhang mit Johannes Rau, der damals mit einer Flugaffäre konfrontiert war. Es ging um die Flugbereitschaft der WestLB. Da haben Sie gesagt, es ist tragisch, dass Deutschland in dieser schwierigen Zeit keinen unbefangenen Bundespräsidenten hat, der seine Stimme mit Autorität erheben kann. Man findet noch viele andere entsprechend hoch stehende Sätze von Ihnen. Haben Sie noch diese Unbefangenheit, haben Sie noch Autorität jetzt?

    Wulff: Also wir müssen alle hohe Ansprüche haben in dem Wissen, dass wir alle fehlbar sind. Und natürlich denkt man viel jetzt über die Bibelstelle nach: Derjenige, der ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein. Und alle gingen bei dieser Steinigung. Weil allen klar wurde: Also Vorsicht, wenn Du mit einem Finger auf andere zeigst, zeigen andere auf Dich selbst.

    Das ist immer die allerletzte Kugel: Die anderen machen aber auch Fehler.

    Insofern wird man auch lebensklüger. Und heute kann ich Johannes Rau besser verstehen, als ich ihn damals verstanden habe.

    Stimmt, der wollte auch unbedingt im Amt bleiben, obwohl es dort neben der Flugaffäre noch gesponserte Geburtstagsfeiern und anderes gab.

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