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Christian Wulff Zweifel am Zauderlehrling

Seite 3/8

Eingriff in die Pressefreiheit

Bundespräsident Wulff in Kuwait Quelle: dpa

Schausten: Nun sagen Sie, an der Stelle haben Sie sich offenbar als Opfer gefühlt. Sie achten die Pressefreiheit, was schon ein bisschen erstaunlich ist, dass ein Bundespräsident das betonen muss. Nun hat man aber das Gefühl, das ist vielleicht nur ein Lippenbekenntnis. Wir haben ja auch gehört, dass sie vor einem halben Jahr einen Redakteur der "Welt am Sonntag" auch bereits im Schloss Bellevue (...) bearbeitet haben, dass er eine bestimmte Berichterstattung nicht bringt.

Wulff: Wenn sie die Erfahrung machen, dass privateste Dinge aus dem privatesten Bereich zum Teil Jahrzehnte zurückliegen, aus einer schwierigen Kindheit, einer schwierigen Familie öffentlich gemacht werden, und sie kurz vor der Veröffentlichung mit den Fakten konfrontiert werden, dann ist es doch normal, dass man darum bittet, noch einmal ein Gespräch zu führen. Und der Redakteur hat sich über die Gelegenheit gefreut,

Über die Gelegenheit wohl schon, über den Ton und den Verlauf des Gesprächs, so ist zu hören, eher nicht.

er hat mit mir gesprochen. Und es ist dann nichts zurückgeblieben. (...) Ich musste ja auch einen Lernprozess machen. Ich bin vom Ministerpräsidenten zum Bundespräsidenten ja sehr schnell gekommen, ohne Karenzzeit, ohne Vorbereitungszeit, das ging sehr schnell. Und ich bin aus Hannover nach Berlin gekommen (...), aber trotzdem ist es noch etwas anderes, ob man als Ministerpräsident Akteur ist, oder ob man als Staatsoberhaupt den präsidialen Anforderungen genügt.

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    Jetzt muss ich etwas zynisch werden: Was soll denn das heißen? In Hannover konnte ich mit der Landespressekonferenz schon etwas ruppiger umspringen, da ist das mit dem Einschüchtern kein Problem. Aber hier in Berlin kuschen die gar nicht vor der Obrigkeit? Da gucken alle, da muss ich ganz schön aufpassen und bin leider erwischt worden?

    Deppendorf: Können Sie jetzt glaubwürdig zum Beispiel die Pressefreiheit in anderen Ländern, auch in Ungarn, verteidigen?

    Wulff: Ich habe das ja gerade getan, auch bei dieser Reise in der arabischen Welt. Und habe dort vor Studenten und Studentinnen gesagt, das ist schmerzhaft. Das ist für die Betroffenen schmerzhaft, das kann für die Familien sehr schmerzhaft sein. Das ist eben dann auch der Preis der Popularität, der Bekanntheit der Öffentlichkeit, dass man Dinge offenbaren muss, wo viele anderen sagen, das würde ich doch niemals offenbaren, ich möchte doch niemals, dass über meine Stiefschwestern, Kinder, Verwandten Geschichten in der Zeitung stehen.

    Durchaus richtig. Aber: War es nicht der Oppositionsführer und der Ministerpräsident Wulff, der in jeden Urlaub und zu sich nach Hause Fotografen bestellte, um schöne Fotos von der glücklichen Familie Wulff – natürlich samt Tochter – zu machen – selbst als die Zeiten gar nicht mehr so glücklich waren? Jener Herr Wulff, der auch als Bundespräsident gerade jüngst noch auf dem Bundespresseballparkett, von Dutzenden Fotografen umringt, zum verliebten „Kuss des Jahres“ mit Gattin Bettina ansetzte?

    Wir müssen auch aufpassen, dass überhaupt noch Menschen bereit sind, sich dieser Sache - auch im Internet, wenn Sie da sehen, was da über meine Frau alles verbreitet wird an Fantasien - dann kann ich nur sagen, da müssen wir doch auch sehen, dass die Menschen noch bereit sind, sich der Öffentlichkeit zu stellen, in die Öffentlichkeit zu gehen.

    Stimmt. Aber auch nicht jeder Amtsträger nimmt reihenweise kostenlose Urlaubsangebote betuchter Freunde an.

    Insofern ist es das ein schwieriges Feld, aber ich sage, ich habe einen Fehler gemacht, aus innerer Überzeugung. Ich hatte nun über Weihnachten Zeit, diese Dinge auch zu reflektieren und räume diesen Fehler ein, hatte ihn allerdings auch gleich nach Rückkehr in einer Entschuldigung gegenüber dem Chefredakteur zum Ausdruck gebracht."

    Schausten: Müsste aber nicht umso mehr für einen Bundespräsidenten, der die Grundrechte ja nun vertritt und zu achten hat, der Versuch, unliebsame Berichterstattung im Vorhinein zu verhindern, tabu sein?

    Wulff: Ich habe nicht versucht, sie zu verhindern. Ich habe darum gebeten, einfach abzuwarten,

    Die Bild-Zeitung hat nach dem Interview dieser Darstellung öffentlich widersprochen. Wulff hat am 12. Dezember auf die mailbox des Bild-Chefredakteurs geschimpft. Da Wulff erst am Nachmittag des 13. Dezember aus Kuwait zurückkehrte, hätte ein Tag Verschiebung wohl kaum gereicht, um mögliche Missverständnisse aufzuklären.

    und in der Berichterstattung aufzunehmen, dass ich den Vertrag offenbart habe, die private Kreditgeberin genannt habe und nicht zu berichten, man habe das recherchiert. Darüber gab es die Auseinandersetzung. Letztlich gibt es natürlich auch Persönlichkeitsrechte, es gibt auch Menschenrechte selbst für Bundespräsidenten, und auch deren Freunde, deren Angehörige, und ich möchte nicht Präsident in einem Land sein, wo sich jemand von Freunden kein Geld mehr leihen kann.

    Aber warum werden diese Freunde dann gleich Mitreisende einer offiziellen Delegation des Landes Niedersachsen?

    Das will ich auch mal sagen, sollten wir auch im Blick behalten.

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