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Christian Wulff Viele Fragen, keine Antworten

Der Bundespräsident verteidigt sich und unterstreicht, 250 Einzelfragen beantwortet zu haben. Die wichtigen Fragen waren freilich nicht dabei.

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Christian Wulff Quelle: dpa

„Begegnungen“ heißen die beiden Farbraumkörper des Künstlers Gotthard Graubner, die den Großen Saal im Schloss Bellevue zieren. Das rötliche Werk, vor dem Bundespräsident Christian Wulff seine persönliche Erklärung abgab, lieferte den passenden Hintergrund: ein dezentbuntes Gemuschele, wie mit einem Grauschleier überzogen. Also ganz genau wie das private Finanzgebaren mit dienstlichen Verbindungen des Redners selbst.

Wullfs Worte zielten nicht auf die zuhauf aufmarschierter Journalisten, sondern direkt auf die Bürger. Ein wenig mitleidheischend schilderte das Staatsoberhaupt die Pein der vergangenen Tage: Er habe „für volle Offenheit im Hinblick auf die Finanzierung unseres Einfamilienhauses gesorgt, sowohl was den Privatkredit anbelangt als auch was alle Verträge und alle Konditionen der Geldmarktkredite bei der BW Bank anbelangt. Alle Auskünfte sind erteilt worden, auch zu Konditionen.

Unkonkrete Reue

Vom Bankgeheimnis ist umfassend befreit worden.“ Tatsächlich hatte Wulff – nach längerem anfänglichen Zögern – die Dokumente bei einer Rechtsanwaltskanzlei zur Einsicht ausgelegt. Und reumütig fügte er an: „Ich hätte auch den Privatkredit dem niedersächsischen Landtag damalig offenlegen sollen. Das war nicht gradlinig, und das tut mir leid. Ich sehe ein: Nicht alles, was juristisch rechtens ist, ist auch richtig.“ Zweifel im Grenzbereich zwischen Amt und privat gefährdeten die Glaubwürdigkeit, das gab auch Wulff zu.

„Bis heute habe ich über 250 Einzelfragen jedweder Art nach bestem Wissen und Gewissen beantwortet, davon viele, die Einzelheiten aus meinem Privat- und Familienleben betreffen.“ Die immer noch bohrenden Fragen waren freilich nicht dabei:

  • Wieso durfte der väterliche Freund Egon Geerkens nach seiner Mithilfe bei der Hausfinanzierung auf Delegationsreisen der Landesregierung mitfahren? Die Auskunft der Niedersächsischen Staatskanzlei, dieser habe für den Mitflug bezahlt, ist eine doppelte Irreführung. Denn erstens zahlen bei Delegationsreisen traditionell die Wirtschaftsvertreter, und zweitens gäbe es mit Sicherheit auch in Niedersachsen noch jede Menge mehr Unternehmer, die gern gegen einen Obolus mit dem Landesvater um die Welt reisen würden.
  • Wieso war er zu Zeiten dabei, in denen er gar nicht mehr aktiv unternehmerisch tätig war?
  • Welche wichtigen Geschäfte wollte er auf seinen Reisen mit dem Ministerpräsidenten im Ausland anbahnen, denn dazu gehen Manager ja mit Spitzenpolitikern auf Reisen?

Wulff verpasste eine Chance

Da war noch alles gut: Bundespräsident Christian Wulff und sein ehemaliger Sprecher Olaf Glaeseker. Quelle: dapd

Und just heute kamen neue Fragen hinzu: Hat der Ministerpräsident tatsächlich bei dem Bankdarlehn, mit dem er nach den ersten Fragen der Grünen im Niedersächsischen Landtag Geerkens‘ Privatkredit ablöste, Sonderkonditionen erhalten? Darauf hätte Wulff gleich aktuell Antwort geben können – er tat es nicht.

Ohne ein Wort des Dankes

Schließlich: Warum ging nun plötzlich sein Pressesprecher Olaf Glaeseker von Bord? Jener Sprecher, der Wulff seit zwölf Jahren gedient hat. Zwar verlautet aus dem Umfeld des Präsidenten, Glaeseker selbst habe um seine Entlassung gebeten, weil nun auch sein Privatleben untersucht werden solle. In der offiziellen Wortwahl klingt dies freilich anders. Nirgendwo ist von diesem Wunsch die Rede. In der offiziellen Erklärung des Präsidialamtes heißt es nur, der Amtschef habe Glaeseker „von seinen dienstlichen Aufgaben entbunden“. Kein Wort des Dankes. Das brachte zwar Wulff in seiner Erklärung unter, aber auch sein Bedauern, „dass ich mich von meinem Sprecher Olaf Glaeseker trennen musste“, ist nicht die übliche Formel für freiwilliges Ausscheiden.

Sattelfest - mit Wulff durch die Krise

Allenfalls Dirk Metz, der Sprecher des damaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch, hatte ein ähnlich enges Verhältnis und einen derartigen auch inhaltlichen Einfluss auf seinen Chef. Glaeseker gehörte zu den wichtigsten Beratern und hatte erheblichen Anteil an Wulffs Aufstieg. Der „spin doctor“ im klassischen Sinne schaffte es sogar, aus der Trennung Wulffs von seiner ersten Ehefrau eine Art Erfolgsstory zu machen. Nachdem hannoversche Lokalzeitungen über die Krise im Hause Wulff recherchierten und bei Glaeseker anfragten, fädelte der flugs ein Geschäft mit der BILD-Zeitung ein: Exklusive Trennungsgeschichte im Boulevard-Blatt gegen wohlwollende Berichterstattung. So lobte schließlich der Leitartikler, der sonst so langweilige und unfehlbare Ministerpräsident sei durch das Liebes-Aus richtig menschlich geworden.

Der Präsident will jedenfalls im Amt bleiben und mithelfen, Deutschland durch die gefährlichen Krisenzeiten zu steuern (wie, sagte er allerdings nicht). „Dafür bitte ich die Bürgerinnen und Bürger auch zukünftig um ihr Vertrauen.“ Und an die Journalisten gewandt wünschte er nicht nur frohe Weihnachtstage, sondern auch einen guten Start ins nächste Jahr: „Wir werden auch in diesem Jahr 2012 weiterhin gut zusammenarbeiten - so hoffe ich doch.“

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