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CO2-Kompensation „Man kauft sich das Recht auf Dreck“

Flugzeug Quelle: dpa

Greenwashing-Expertin Kathrin Hartmann über den absurden Trend zur CO2-Kompensation, die verführerische PR der Konzerne und die Verantwortung der Verbraucher zum Klimaschutz.

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Kathrin Hartmann ist Journalistin und Buchautorin. Ihr Buch „Die grüne Lüge“ (2018) wurde auch erfolgreich als Film umgesetzt.

Frau Hartmann, immer mehr Unternehmen wollen sich oder ihre Produkte klimaneutral werden lassen: Flüge, Kreuzfahrten, Autos, Software. Ernsthaftes Bemühen oder gute PR?
Kathrin Hartmann: Es ist das ernsthafte Bemühen der Konzerne, ihr Kerngeschäft weiterzuführen und ihm ein grünes Mäntelchen zu verleihen. Volkswagen redet zwar viel von Klimaschutz – tatsächlich will der Konzern bis 2025 30 neue SUV im Programm haben, jeder zweite verkaufte VW ist dann ein SUV. Das ist in keinster Weise nachhaltig. Und da brauchen wir gar nicht beim Dieselskandal anfangen. Die verdienen einfach viel Geld mit immer dickeren Autos.

 Kompensationen, wie sie viele Firmen versprechen, etwa durch Bäume pflanzen, verschiebt das Problem in die Zukunft und dorthin, wo Klimawandel heute schon spürbar ist: in die Entwicklungs- und Schwellenländer des globalen Südens.

Aber ist es nicht egal, wo die neuen Bäume stehen, Hauptsache, sie stehen?
Wälder zu schützen ist viel wichtiger, als neue zu pflanzen. Genau das passiert aber nicht! Abgesehen davon, dass Bäume viele Jahre wachsen müssen, um CO2 aus der Atmosphäre zu ziehen, sorgen Aufforstungen auf der Südhalbkugel für Landkonflikte. Das Verhalten und die Geschäftsmodelle der Unternehmen ändern sich dadurch aber nicht.

CO2-Kompensationen eignen sich wunderbar für allerlei Rechenspiele auf dem Papier, ohne dass de facto der Ausstoß gesenkt wird. Wir haben aber eine ganze Vielzahl von Umweltschädigungen: das geht beim Artenverlust los, über die Verschlechterung des Grundwassers bis hin zu Feinstaub und Glyphosat. Durch die Konzentration auf CO2 fällt das andere alles hinten runter. Alle können so weitermachen wie bisher und die Konsumenten können sich gut fühlen, weil sie scheinbar etwas getan haben für das Klima. Bei Atmosfair etwa kann man jetzt auch Kreuzfahrten kompensieren, weil es immer mehr werden. Das ist absurd.

In Ihrem vielbeachteten Film und dem gleichnamigen Buch „Die Grüne Lüge“ spüren Sie weltweit dem zunehmenden Greenwashing der Konzerne nach. Ist Klima-Kompensation auch grüne Schönfärberei?
Nehmen wir nur den bisherigen verpflichtenden CO2-Handel. Der wurde katastrophal an die Wand gefahren mit zu vielen Ausnahmen und zu niedrigen Preisen für Zertifikate. Es hat die Verschmutzung der Welt richtig billig gemacht. Deshalb hat es auch nicht zu einer Wirtschaftsweise geführt, die Emissionen vermeidet. Mit Kompensationen kauft man sich im Grunde das Recht auf Dreck, um hier das schlechte Geschäftsmodell aufrecht zu erhalten. Aber das ist natürlich nicht mit denen ausgehandelt, die darunter leiden, also den Menschen in Bangladesch oder andern Ländern, deren Leben heute schon durch den Klimawandel bedroht ist. Die ganze Kompensations-Geschichte verdrängt die Erkenntnis, dass unser ganzer Lebensstil eine fatale Entwicklung ist und wir dringend grundsätzlich etwas ändern müssen.

Eine CO2-Steuer, wie sie gerade die Wirtschaftsweisen vorgeschlagen haben?
Ich glaube nicht, dass die viel bringt. Es gibt ja keinen „echten“ Preis für CO2, der wird immer festgesetzt und da sind Regierungen nicht frei von Einfluss der Industrie. Die hat es bisher immer geschafft, ihre Interessen durchzusetzen – seien es Abgasobergrenzen für die Autoindustrie oder Emissionszertifikate. Wir sollten lieber aufhören, umweltschädliche Technologien zu subventionieren: Inlandsflüge etwa, den Diesel, das Autofahren über die Pendlerpauschale. Es braucht eine echte Verkehrswende.

Das ist ja genau das, weshalb Greenwashing so gut funktioniert: letztlich verspricht uns die Industrie, dass alles bleiben kann wie es ist, dass der Lebensstil richtig ist, die Wirtschaftsweise und dass die Politik sie nicht regulieren muss. Wenn man nur am Ende der zerstörerischen Kette etwas anders macht, Elektromotoren einsetzt, Hybridschiffe baut, neue Treibstoffe in der Luftfahrt, richtet man nur neue Schäden an. Wir sollten nicht darüber diskutieren, wie man das schlechte gut macht – sondern wie wir es loswerden.

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