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Commerzbank-Chefaufseher Klaus-Peter Müller "Niemand wird über Nacht skrupellos"

Commerzbank-Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller über die zunehmende Entfremdung von Politikern und Managern im Bundestagswahlkampf und die politische Kompetenz der Wirtschaftsführer.

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Klaus-Peter Müller Quelle: dpa

WirtschaftsWoche: Herr Müller, wie sehr unterscheiden sich eigentlich Politiker und Manager?

Müller: In der Politik geht es darum, für seine Ziele eine Mehrheit im Parlament zu finden. Das setzt lange Abstimmungsprozesse voraus. Ein Manager indes ist frei vom Zwang der politischen Mehrheitsbildung und kann sich primär an dem orientieren, was er ökonomisch für wünschenswert hält. Das sind völlig verschiedene Systeme.

Welches System arbeitet denn effizienter?

In beiden Systemen kann es Irrtümer geben. Wer Mehrheiten sucht, kann ebenso danebenliegen wie derjenige, der nicht auf breite Zustimmung angewiesen ist. Allerdings tut sich die Wirtschaft mit Entscheidungen oft leichter als die Politik. Der Vorstand eines Unternehmens arbeitet viel stärker auf ein gemeinsames Ziel hin, als dies in einem Parlament mit verschiedenen Parteien, mit Regierungs- und Oppositionsfraktionen der Fall ist.

Gibt es bei Managern genug Verständnis für die komplexen Entscheidungswege der Politik?

Sicher nicht. Die Wirtschaft weiß zu wenig darüber, wie parlamentarische Prozesse funktionieren. Kaum ein Manager verfügt hier über eigene Kenntnisse.

Wie viele Vorstände könnten denn erklären, wie ein Gesetz zustande kommt – vom ersten Entwurf bis zum Vermittlungsausschuss?

Wahrscheinlich nur ein kleinerer Teil. Allerdings dürfte diese Quote in der gesamten Bevölkerung auch nicht höher liegen. Dies ist ein Grund, weshalb die Wirtschaft so oft von den Ergebnissen parlamentarischer Entscheidungen enttäuscht ist.

Und wie viel verstehen Politiker von Wirtschaft?

Jeder Politiker muss sich bei seinen Entscheidungen auch mit wirtschaftlichen Fragen befassen. Schon von daher werden Parlamentarier mit Wirtschaft konfrontiert. Die einzelnen Unternehmen haben dagegen weniger Berührungspunkte mit parlamentarischen Abläufen.

Lange Zeit inszenierten sich viele Manager als heimliche Herrscher der Welt. Seit der Finanzkrise treten die Politiker wieder mit neuem Selbstbewusstsein auf. Zu Recht?

Ich halte wenig von Verallgemeinerungen. Es gibt Politiker, die wenig Bereitschaft für einen offenen Dialog zeigen. Und es gibt Manager, die sich nicht akzeptabel verhalten. Allerdings wird heute in der Politik zu häufig übersehen, dass die Finanzkrise unter anderem auch wegen politischer Fehlentscheidungen in den USA eskalierte. So betrieb die amerikanische Notenbank lange Zeit eine Politik des billigen Geldes, die Aufsicht hat zudem nicht genau genug hingesehen. Lehman Brothers in Konkurs gehen zu lassen war dann ein dramatischer Fehler, dessen Auswirkungen die Verantwortlichen in der amerikanischen Regierung offenbar nicht gesehen haben.

Wollen Sie von Fehlern der Banken ablenken?

Nein. Wir haben uns zum Beispiel zu lange auf Ratings verlassen, die uns 30 Jahre lang ohne Schaden begleitet haben. Das war falsch, das habe ich schon oft gesagt.

Wie sehr hat sich das Verhältnis von Politikern und Managern denn verschlechtert?

Das kommt darauf an. Auf der einen Seite waren viele Wirtschaftsvertreter von der Politik positiv überrascht. Im Oktober haben Bundestag und Bundesrat in der unglaublich kurzen Zeit von nur einer Woche ein Finanzmarktstabilisierungsgesetz von beachtlicher Qualität durchgesetzt. Das ist eine parlamentarische Glanzleistung, die viele der Politik nicht zugetraut hätten. Die Verantwortlichen in der Politik bemühen sich ernsthaft, die Wirtschaft in Gang zu bringen. Teilweise werden aber auch Vorbehalte gegen Manager geschürt, die ich missbillige.

Welche Vorbehalte meinen Sie?

Wir haben etwa 1500 Führungskräfte in der deutschen Wirtschaft. Davon hat sich eine Handvoll falsch verhalten. Nun aber wird so getan, als seien diese Ausnahmen symptomatisch für die Gilde der Manager.

Wie angegriffen fühlt sich diese Gilde?

Wir sind ganz normale Menschen. Wir sind Mütter und Väter, wir haben ein Familienleben, wir pflegen Freundschaften, viele sind religiös und fühlen sich ethischen Werten verpflichtet. Niemand ist über Nacht vom ethisch-honorigen Menschen zum skrupellosen Kapitalisten geworden. Die Finanzkrise ist von einigen so emotionalisiert worden, dass es der Sache nicht dienlich ist. Viele längst überwunden geglaubte Vorurteile sind wieder hochgekommen.

Haben Sie auch Verständnis dafür, dass viele Politiker im Wahlkampf Manager kritisieren?

Auf die Politik kommt gerade einiges zu: Eine Rezession mitten im Wahljahr, enttäuschte Anleger und besorgte Arbeitnehmer bedrängen die Abgeordneten, etwas gegen die Krise zu unternehmen. Da ist mancher froh, den Banken alle Vorwürfe auf die Ladefläche kippen zu können. Dass bei solchen Diskussion die Sachlichkeit schon mal vergessen wird, ist nicht verwunderlich. Dass man aber in einem Land, das sich zur sozialen Marktwirtschaft bekennt, eine grundsätzliche Kapitalismusdiskussion beginnt, finde ich bedenklich.

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