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Corona-Impfungen Vorschlag von Ökonomen: So erreichen wir die Herdenimmunität

Mittlerweile sind immer mehr Menschen in Deutschland gegen das Coronavirus geimpft. Quelle: imago images

Mit zunehmender Verfügbarkeit von Impfstoffen und sinkenden Infektionszahlen stellt sich bald ein neues Problem: die Impfunwilligen. Ökonomen haben dagegen nun ein Konzept entwickelt. Es setzt auf Anreize für Ärzte, ihre Patienten zum Impfen zu animieren.

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Es gibt viele Verhaltensweisen unter Menschen, die sich mit dem Werkzeugkasten und Vokabular der Ökonomie erklären lassen. Und in Coronazeiten gilt das erst recht. Wer sich impfen lässt, schützt nicht nur sich selbst (und vermeidet so Gesundheitskosten), sondern auch seine Kontaktpersonen. Dadurch übersteigt der gesellschaftliche Impfnutzen den individuellen Nutzen.

Doch es gibt auch einen gegenläufigen Effekt, nämlich das Free-Rider-Problem. Umfragen deuten auf eine Korrelation zwischen aktuellen Inzidenzwerten und Impfwilligkeit hin. „Je größer der Anteil der Geimpften in der Bevölkerung ist, umso schwieriger wird es, Impfwillige zu finden“, sagt Vitali Gretschko, Leiter des Forschungsbereichs Marktdesign am ZEW-Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim. Denn je mehr Menschen vor dem Virus geschützt sind, umso geringer ist die Infektionswahrscheinlichkeit für die anderen – und damit nimmt der individuelle Nutzen einer Impfung ab. Gretschko ist sich daher sicher: Bei den Anstrengungen, eine Herdenimmunität in Deutschland zu erreichen, wird sich das strategische Problem bald verlagern von „zu wenig Impfstoff“ zu „zu wenig Impfwillige“.

Der Ökonom hat sich mit seiner Kollegin Marion Ott jetzt in einem noch unveröffentlichten „Policy Brief“ des ZEW mit möglichen Gegenstrategien beschäftigt. Die Wissenschaftler setzen dabei auf spezielle Anreize für die Ärzteschaft. Denn deren Aufwand und Kosten steigen schließlich, je schwieriger es wird, neue Impfwillige zu finden. Kostendeckendes Impfen sei „insbesondere für Personen außerhalb des Patientenstamms erschwert, da dafür Anpassungen und Investitionen nötig werden können, wie Änderung der Praxisöffnungszeiten, Überstunden, zusätzliches Personal, mobile Impfleistungen, zusätzliche Software oder zusätzlich eingekaufte externe Dienstleistungen“, heißt es in der Analyse. Zudem seien „inzidenzstarke Gebiete besonders stark korreliert mit einkommensschwachen Gebieten, und dort sind auch besonders wenig Personen in einem Patientenstamm eines Hausarztes“.

Zu guter Letzt sehen Gretschko und Ott auch einen „Selektionseffekt“, da besonders impfwillige Personen das Vakzin eher am Anfang einer Impfkampagne erhalten und es auch deshalb im Zeitablauf zunehmend schwieriger wird, Nachfrager für die Anti-Corona-Spritze zu finden.

Fazit der Ökonomen: „Da unterschiedliche Ärzte unterschiedliche Kosten und unterschiedlichen Zugang zu Bevölkerungsgruppen haben, ist eine pauschale Kostenerstattung nicht effizient und ein flexibles System ist vorzuziehen“. Gretschko und Ott wollen erreichen, dass Ärzte in Eigeninitiative und durch direkte Ansprache von Ungeimpften die Zahl der verabreichten Dosen erhöhen. Die Ökonomen beziehen sich dabei auch auf Studien im Zusammenhang mit der herkömmlichen Grippeimpfung. Demnach lässt sich durch eine direkte Ansprache durch das Personal in den Praxen die Impfbereitschaft um zehn Prozent erhöhen. „Deshalb kann die Anreizsetzung an Ärzte, aktiv Ungeimpfte zu ermitteln und diese anzusprechen oder aufzusuchen, dazu beitragen, Herdenimmunität zu erreichen“, heißt es in dem Policy Brief. Überspitzt ausgedrückt: Die Doktoren sollen wie eine Art Versicherungsvertreter agieren, der potenziellen Kunden eine Police schmackhaft macht.

Konkret schlagen Gretschko und Ott ein Belohnungssystem vor. Dabei wird zentral ein wöchentliches Budget bereitgestellt. Pro Woche teilt jeder impfende Arzt einer zentralen Stelle seine individuelle Bestellung mit. Diese Order hat drei Komponenten. Erstens die Anzahl der Impfdosen, die der Arzt umsonst zur Verfügung gestellt bekommen möchte. Zweitens eine Anzahl von Vakzinen, die der Arzt zum Preis der Impfdose erhält (er muss also in finanzielle Vorleistung treten). Und drittens: ein finanzieller Bonus, wenn der Doktor mehr verimpft als die Anzahl der kostenlos zugeteilten Dosen. Kommen zu wenig Impflinge in die Praxis, zahlt der Arzt die zusätzlich bestellten Impfdosen vorerst selber.



Auf diese Weise „können Ärzte immer eine Grundmenge an Impfdosen für ihren Patientenstamm sicherstellen, indem sie diese ohne Bonus bestellen. Wenn Ärzte zusätzlichen Aufwand haben, um Impfwillige zu erreichen, werden sie dafür vergütet“, schreiben Gretschko und Ott. Wer die meisten Impfwilligen erreicht (und dies zu geringsten Kosten schafft), wird bevorzugt beliefert und mit dem Bonus bedacht. „Das Budget wird also effizient verwendet. Dass zusätzliche Mengen von Impfstoff zunächst von den Ärzten bezahlt werden, schafft den Anreiz, die zusätzlichen Impfungen gut zu kalkulieren.“

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Insgesamt, so schreiben Gretschko und Ott, schaffe „die zusätzliche Vergütung Anreize, dass Dienstleistungen rund um das Impfen entstehen. Anbieter der Dienstleistungen wiederum haben den Anreiz, Impfen möglichst effizient zu machen“.

Mehr zum Thema: Die Corona-Impfstoff-Verteilung hat eine Debatte über den Sinn von Patenten ausgelöst. Das rührt an eine Grundsatzfrage: Muss der Staat Ideen als geistiges Eigentum schützen, weil sonst Innovationen unterbleiben?

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