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Corona-Modellregion Sylt „Andere Regionen können von unserem Modell lernen“

Der Sylter Bürgermeister Nikolas Häckel steht an der Promenade in Westerland. Quelle: Christof Mattes

Sylt hat seit dem ersten Mai als Modellregion die Türen für Touristen geöffnet. Bürgermeister Nikolas Häckel zieht im Interview eine erste Bilanz und erklärt, warum Sylt nicht mit Tübingen vergleichbar ist.

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Nikolas Häckel ist auf Sylt geboren und studierter Verwaltungswirt. Seit 2015 ist der parteilose Politiker Bürgermeister der Inselgemeinde.

WirtschaftsWoche: Herr Häckel, seit dem 1. Mai ist Sylt Modellregion für Tourismus – wie fällt Ihre erste Bilanz nach zwölf Tagen aus?
Nikolas Häckel: Die Bilanz ist sehr positiv, auch wenn es zu Beginn natürlich ein paar Kinderkrankheiten gab. In der Gastronomie hatten wir zum Beispiel einen großen Beratungsbedarf in Sachen Hygieneregeln und -konzepten. Da haben wir über das Ordnungsamt die ersten Tage direkt sehr intensiv geholfen. Aber diese Kinderkrankheiten haben sich gut ausgelaufen. Die Hotellerie hat sich von Anfang an sehr gut aufgestellt. Da gab es ohnehin wenig Handlungsbedarf. Von daher haben wir unser Ziel einer sanften Wiedereröffnung gut erreicht.

Es kommt allerdings direkt der Vergleich mit Tübingen in den Kopf. Auch dort lief das Modellprojekt zunächst sehr gut, dann stiegen die Infektionszahlen zwischenzeitlich vor allem wegen von außerhalb kommender Besucher rasant...
Tübingen ist nicht mit uns vergleichbar. Wir haben auf eine sehr große Teststrategie gesetzt, die auch sehr engmaschig ist. Wir haben sofort auf Alkoholverbote und auf Maskenpflichten gesetzt. Aktuell stellen wir fest, dass wir auf Sylt zwar kleinere Ausbruchsgeschehen haben – die sind aber in einer Grundschule und einem Wohnhaus verortet. Die Corona-Entwicklung kommt also aus dem privaten Bereich und hat mit der Modellregion nichts zu tun. Das zeigt, dass unsere Teststrategie sehr gut aufgeht.

Apropos Tests. Besucher müssen bei Ankunft und danach alle 48 Stunden einen negativen Test vorweisen. Wenn sie in Restaurants wollen, darf er nicht älter als 24 Stunden sein. Wie ausgelastet sind Ihre Kapazitäten?
Wir haben eine sehr große Anzahl an Testzentren aufgestellt und haben dadurch eine Kapazität von etwa 50.000 Tests am Tag. Wir haben in der Modellregion eine so engmaschige Infrastruktur an Testzentren – das ist im Land einzigartig.

Die negativen Tests müssen den Vermietern oder Hotels vorgelegt werden. Birgt das nicht das Risiko, dass es einige nicht ganz so genau nehmen?
Dieses Risiko besteht nicht, weil wir die Betriebe mit dem Ordnungsamt regelmäßig kontrollieren. So stellen wir sicher, dass die Dokumentation auch eingehalten wird. Bis jetzt sind wir sehr zufrieden und haben noch keine schwarzen Schafe festgestellt.

Verhalten sich die Touristen denn gemäß den Vorgaben oder schlagen einige über die Stränge?
Wir unterscheiden draußen nicht, ob es Sylter oder Gäste sind. Natürlich haben wir teils Verstöße gegen die Maskenpflicht, natürlich möchten Menschen gerne auch mal am Strand ein Bierchen trinken, obwohl ein Alkoholverbot gilt. Wir versuchen da einen moderaten Weg in der Ansprache zu finden und Verständnis zu entwickeln, wenn wir Verstöße ansprechen – damit alle wissen, dass das kein Selbstzweck ist, sondern dass wir den Syltern und den Gästen die größtmögliche Sicherheit bieten wollen.

Für viele Deutsche ist der Urlaub auf Sylt seit Jahrzehnten ein Ritual. Was hören Sie von Gästen, die jetzt endlich wieder auf Ihre Insel dürfen?
Es gibt sehr viel positives Feedback dazu, wie wir uns in den Modellregionen aufgestellt haben und wie die Tests organisiert sind. Ich bekomme aktuell sehr viel Lob mit. Und wer sich der Teststrategie nicht unterwerfen will, sagt eben den Urlaub ab oder kann ihn nicht wahrnehmen. Das ist ja auch ein gutes Recht.



Besonders den gebeutelten Gastronomie- und Hotelbetrieben sollte durch die Modellregionen eine Perspektive geboten werden. Welche Rückmeldungen haben Sie bisher von dort erhalten?
Ganz wichtig: Unser Ziel war eine sanfte Wiedereröffnung. Wir wollten in der Modellregion testen und etablieren, wie ein sicherer Tourismus gelingen kann. Wirtschaftsförderung ist zwar auch wichtig, aber primäres Ziel war, dass wir uns auf eine gute Saison vorbereiten. Genau das haben wir erreicht.

Die Hotelbranche und die Gastronomie dürften das Modell trotzdem begrüßen...
Natürlich haben die unser Konzept begrüßt, ohne Frage. Aber unser Ziel war es, einen sicheren Tourismus zu ermöglichen und nicht wie letztes Jahr sofort von 0 auf 100 zu starten. Alles andere ist ein wichtiger Nebenerfolg.

Kann Ihr Konzept auf Sylt ein Vorbild für andere Regionen werden?
Ja, andere Regionen können von unserem Modell lernen. Schleswig-Holstein will am 17. Mai eine neue Landesverordnung auf den Weg bringen, durch die das Land für den Tourismus geöffnet werden soll. Diese Landesverordnung soll auf den Konzepten der Modellregionen basieren. Insofern hat das Land aus unseren Erfahrungen Honig gesaugt.



Inwiefern ist Ihre besondere Situation als Insel da ein Vorteil?
Eigentlich wollten wir als Insel Sylt ja eine eigene Modellregion werden und noch stringenter vorgehen, als es jetzt der Fall ist. Dem ist man aber nicht gefolgt. Ich glaube schon, dass uns unsere Lage als Insel noch mehr hätte weiterhelfen können. Das war aber von Land und Kreis nicht gewollt.

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Das Modellprojekt ist zunächst auf vier Wochen ausgelegt. Wie geht es jetzt weiter?
Ich würde mir wünschen, dass wir keine neue Landesverordnung bekommen und zusätzlich noch die Modellregionen haben. Dann hätten wir wieder zwei verschiedene Rechtsgrundlagen für die Betriebe. Lieber sollten wir die Modellregionen zum 17. Mai beenden und uns dann der neuen Landesverordnung unterwerfen, ohne gleichzeitig Modellregion zu sein. Sonst gibt es Chaos. Wie sollen wir vor Ort feststellen, welcher Betrieb sich an welche Rechtsnorm halten soll? Wie sollen die Bürger da durchblicken? Deshalb sollten wir künftig auf ein einheitliches System setzen.

Mehr zum Thema: Urlaub trotz Corona? Mit geöffneten Hotels und Drinks auf der Terrasse? Ja, das geht: In Schleswig-Holstein dürfen vier Regionen testen, wie Tourismus trotz Corona funktionieren kann.

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