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Coronakrise „Ab Mai sollten weitere Lockerungen folgen“

Lars Feld, Vorsitzender des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung

Lars Feld, Chef der Wirtschaftsweisen, will den Shutdown für Gastronomie und Tourismus auslaufen lassen. Im Gespräch mit unserer Redaktion warnt er vor einem „Corona-Billigabitur“ – und fordert Deutschlands Lehrer zu Mehrarbeit auf.

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Lars Feld ist Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Freiburg und Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Als Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina war der Ökonom an einem kontrovers diskutierten Wissenschaftler-Papier zum langsamen Ausstieg aus dem Corona-Shutdown beteiligt.

WirtschaftsWoche: Professor Feld, die Regierung will in der Coronakrise einige Auflagen lockern. Geschäfte mit einer Verkaufsfläche bis 800 Quadratmeter zum Beispiel sollen wieder öffnen können, ebenso Buch- und Autohändler. Reicht das aus ökonomischer Sicht?
Lars Feld: Es ist insgesamt ein guter erster Schritt, um die Lähmung des Landes zu beenden. Nach dem 3. Mai sollten aber weitere Lockerungen folgen, etwa im restlichen Einzelhandel, der Gastronomie oder im Tourismus. Denn jede Woche Shutdown kostet uns massiv Wirtschaftskraft und Wohlstand. Gleichwohl muss klar sein: Es gilt das Primat der Gesundheitspolitik. Weitere Lockerungen kann es erst geben, wenn das Infektionsrisiko weiter sinkt. Eine zweite Infektionswelle wäre ein Desaster für unsere Volkswirtschaft.

Sie haben Anfang der Woche zusammen mit anderen Mitgliedern der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina ein Papier zur Corona-Pandemie vorgelegt, das zum Teil heftig kritisiert wurde. Was haben Sie falsch gemacht?
Also, ich war schon sehr erstaunt, welchen Shitstorm das Papier ausgelöst hat! Allerdings war die Kritik oft weniger von der Sorge um die Volksgesundheit getrieben als von Eigeninteressen der Kommentatoren. Dafür habe ich als Ökonom durchaus Verständnis, es ist aber kein Schuh, den ich mir anziehe. Weil wir eine vorsichtige Wiederaufnahme des Schulbetriebs empfohlen haben, beschwerten sich zum Beispiel Schüler, die keine Prüfungen mehr machen wollten, und Lehrer, die es angesichts des Infektionsrisikos nicht zurück in den Klassenraum treibt. Umgekehrt schimpften berufstätige Eltern, dass unsere Arbeitsgruppe keine schnelle Wiedereröffnung von Kitas angeregt hat. Ich bin es als Ökonom, der Politikberatung betreibt, gewohnt, dass sich Interessengruppen durchaus vehementer artikulieren. Dass Kritik über die sozialen Netzwerke zum Teil unflätig und bar jeden Faktenwissens geäußert wird, zum Teil sogar von Kollegen, ist allerdings unschön.

Unter anderem regt das Papier an, den Schulunterricht zunächst an Grundschulen und der Sekundarstufe I wieder aufzunehmen. Mit Verlaub: Wie wollen Sie einem Grundschulkind erklären, dass es auf dem Schulhof zwei Meter Abstand zu den Mitschülern halten soll?
Nochmal: Voraussetzung für jedwede Lockerung sind ein Rückgang der Infektionszahlen und entsprechende Schutzvorkehrungen vor Ort. Prinzipiell aber müssen Schulen so bald wie möglich zumindest für Abschlussklassen wiedereröffnet werden. Wir brauchen ordentliche Prüfungen und Abschlüsse, die im intertemporalen Vergleich standhalten und später zum Beispiel nicht insgeheim als Corona-Billigabitur gelten. Und was die von Ihnen angesprochenen Grundschulen angeht: Da reden wir ausschließlich über das 4. Schuljahr. In diesem Alter gibt es bei den Kindern schon eine gewisse Grundvernunft. Vor dem Übergang auf weiterführende Schulen ist Unterricht nötig, damit es in der 5. Klasse nicht zu einem Leistungsabsturz kommt.

Konkret: Wie soll das organisiert werden?
Unser Vorschlag lautet, dort die Kernfächer Deutsch und Mathematik in kleinen Gruppen von sieben bis 15 Schülern zu unterrichten. Die Lehrer müssten eine entsprechende Distanz im Klassenraum sicherstellen. Tische lassen sich in der Regel verrücken. Auch die Pausen lassen sich mit genügend Aufsichtspersonal entsprechend organisieren, etwa indem sie für die einzelnen Kleingruppen zeitlich versetzt stattfinden. Das kann bedeuten, dass manche Lehrer übergangsweise mehr arbeiten müssen als ihr Lehrdeputat vorsieht. Klar, dass dies die Lehrerverbände nicht gerne sehen. Ich warne aber davor, aus eingefahrenen Abläufen der vergangenen Jahrzehnte abzuleiten, dass man Dinge an Schulen nicht anders und neu organisieren kann. Auch der Transport zur Schule ist kein Hexenwerk. Dann bleibt im Schulbus eben jede zweite Sitzreihe frei, jeder braucht einen Mundschutz und Aufsichtspersonal im Bus sorgt für die räumliche Distanz zwischen den Kindern.

Im ökonomischen Teil positioniert sich das Papier der Leopoldina sehr marktorientiert. Sie haben daher von links stehenden Politikern und Ökonomen verbale Dresche bekommen...
...die ich gerne aushalte...

...vor allem, weil das Papier anregt, die Soli-Senkung vorzuziehen, sich dezidiert nicht für Coronabonds ausspricht und die Politik mahnt, nach der Krise die Schulden wieder zurückzuführen. Ist die Akademie der Wissenschaften, die ja im Ursprung eine naturwissenschaftliche Einrichtung ist, die richtige Stelle, um derartige volkswirtschaftliche Empfehlungen zu geben?
Sicher, die Leopoldina hieß früher „Deutsche Akademie der Naturforscher“. Mit ihrer Wandlung zur Nationalen Akademie der Wissenschaften hat sie neue Sektionen gegründet, in denen andere Wissenschaftsbereiche im Sinne eines interdisziplinären Ansatzes organisiert sind. Ich bin Mitglied in der Sektion Ökonomik und empirische Sozialwissenschaften. Unsere Corona-Arbeitsgruppe war sehr ausgewogen, den Vorwurf einer reinen Marktorientierung lasse ich nicht gelten. Das Thema Nachhaltigkeit etwa wird in dem Papier sehr dezidiert gewürdigt, und es gibt auch den Vorschlag von Ausgabenerhöhungen. Aber es ist nun mal so, dass sich gewerkschaftsnahe und keynesianische Ökonomen in Deutschland bei Stichworten wie „Schuldenbremse“ und „Steuersenkung“ automatisch aufregen.

Das Papier Ihrer Arbeitsgruppe enthält diesen mahnenden Satz: „Die in der Krise getroffenen wirtschaftspolitischen Maßnahmen müssen so bald wie möglich zugunsten eines nachhaltigen Wirtschaftens im Rahmen einer freiheitlichen Marktordnung rückgeführt oder angepasst werden.“ Haben Sie die Befürchtung, dass es anders kommt?
Ja. Es mehren sich die Forderungen, dass die Welt und die Wirtschaft nach der Pandemie eine völlig andere sein müsse, mit weniger Globalisierung, mit einer Beschränkung aufs Regionale. Manche kommen mit der Behauptung um die Ecke, jetzt helfe erst recht nur ein bedingungsloses Grundeinkommen. Daher war unser Plädoyer für die Marktwirtschaft extrem wichtig.

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