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Coronakrise Fax statt Videochat: So groß ist das Digitalisierungs-Defizit der Gesundheitsämter

Zu wenig Personal, zu viel veraltete Technik – die Pandemie hat die strukturellen Defizite der insgesamt rund 375 Gesundheitsämter offengelegt. Quelle: imago images

Zu wenig Personal, zu viel alte Technik: Die Pandemie offenbart erhebliche Rückstände in den Gesundheitsämtern. Selbst der Regierung fehlte bisher der Überblick. Nun soll der Dienst in den Ämtern attraktiver, die Digitalisierung beschleunigt werden.

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In Kempten herrscht derzeit Chaos an den Corona-Testzentren. Aufgrund eines Softwarefehlers sind mehr Menschen zu Abstrichen einbestellt worden als es Termine gibt. Noch bis mindestens Donnerstag müsse mit „erheblichen Wartezeiten und Rückstaus“ gerechnet werden, teilten das Landratsamt Oberallgäu und die Stadt Kempten am Dienstag mit. Dabei ist die Belastung der Gesundheitsämter auch ohne IT-Probleme schon groß genug, nicht nur in Kempten.

Zu wenig Personal, zu viel veraltete Technik – die Pandemie hat die strukturellen Defizite im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) deutlich offenbart. Doch wie miserabel die Zustände in den insgesamt rund 375 Gesundheitsämtern sind, war bisher offensichtlich auch der Regierung nicht wirklich bewusst, schlichtweg, weil sie teils keine Daten erhoben hat.

So weiß die Regierung etwa nicht, wie viele nicht-ärztliche Mitarbeiter in den Gesundheitsämtern überhaupt arbeiten und ob es in den vergangen fünf Jahren mehr oder weniger geworden sind. Dazu gebe es „keine Erkenntnisse“, erklärt Thomas Gebhart (CDU), Parlamentarischer Staatssekretär im Gesundheitsministerium. Das aber solle sich nun ändern. Fürs kommende Jahr sei eine „erste Erhebung“ des Personals im ÖGD geplant, unter anderem zum Stellenbestand, zur jeweiligen beruflichen Qualifikation, zur Verteilung von Vollzeit-/Teilzeitstellen sowie zu Altersgruppen. Gebhart antwortet damit auf eine Kleine Anfrage von Sandra Weeser, Obfrau der FDP-Bundestagsfraktion im Ausschuss für Wirtschaft und Energie.

Immerhin gibt es eine Statistik, die den Aufholbedarf beim ärztlichen Personal zeigt: Seit 2015 ist die Zahl der Ärztinnen und Ärzte im ÖGD kontinuierlich zurückgegangen. Nur 2019 gibt es eine leichte Zunahme von rund einem Prozent auf 793 Fachärzte – die allerdings einen recht hohen Altersmedian zwischen 50 und 59 Jahren haben.

Nun aber wollen Bund und Länder die Arbeit im ÖGD für Mediziner attraktiver machen. „Sowohl über das Besoldungsrecht als auch über tarifvertragliche Regelungen sowie flankierende Maßnahmen wie attraktive Arbeitsbedingungen“ soll der Personalaufbau zügig angegangen werden, teilt Gebhart mit. Nachwuchskräfte sollen für den Dienst in den Gesundheitsämtern gezielter angeworben werden, etwa über eine Kampagne sowie eine direktere Ansprache im Medizinstudium. Um die universitäre Verankerung und somit Lehre und Forschung auf diesem Gebiet auszubauen, wollen Bund und Länder die Einrichtung von Stiftungsprofessuren prüfen.

Der Mangel an Fachkräften ist aber nur die eine Herausforderung. Hinzu kommen die erheblichen Defizite bei der Digitalisierung. Können die Gesundheitsämter beispielsweise über Videoschalten mit anderen Einrichtungen des ÖGD oder Patienten kommunizieren? Die Bundesregierung hat dazu „keine Informationen“, teilt Gebhart erneut mit.

Dass eine Pandemie nicht mit Fax und Bleistift bekämpft werden kann, ist aber auch der Regierung in den vergangenen Monaten klar geworden. Mit dem „Pakt für den Öffentlichen Gesundheitsdienst“ wollen Bund und Länder die Gesundheitsämter deshalb jetzt technisch und digital stärken. Bis Ende 2022 soll das „Deutsche Elektronische Melde- und Informationssystem für den Infektionsschutz“ (DEMIS) in allen Gesundheitsbehörden verfügbar sein. Mit insgesamt 850 Millionen Euro soll der ÖGD insbesondere im Bereich des Infektionsschutzes digitalisiert werden, etwa, indem einheitliche Systeme und Tools aufgebaut werden. „Entscheidendes Ziel ist es, eine Interoperabilität über alle Ebenen des ÖGD sicherzustellen, einheitliche Schnittstellen und Systeme zu definieren, zu schaffen und entsprechende Standards durchgehend einzuhalten“, erklärt Gebhart.



Dass es jedoch „erst eine solche Krise braucht, damit die Bundesregierung in die Digitalisierung unseres Gesundheitssystems investiert, ist ein Armutszeugnis“ kritisiert Weeser. Aus ihrer Sicht ist es „unhaltbar, dass die Kommunikation in den Behörden 2020 „häufig noch über Fax und Papierakten läuft.“ Die versäumte Digitalisierung der Verwaltung durch die Große Koalition „fällt uns jetzt in der Krise auf die Füße“, ärgert sich Weeser.

Neben der Digitalisierung wird mit dem Pakt auch der Personalaufbau angegangen, insgesamt stehen in den nächsten sechs Jahren 3,1 Milliarden Euro zur Verfügung. Bis Ende 2021 sollen die Länder demnach mindestens 1500 neue, unbefristete Vollzeitstellen für Ärztinnen und Ärzte, weiteres Fachpersonal sowie Verwaltungspersonal in den Behörden des ÖGD schaffen und besetzen. Bis Ende 2022 sollen zudem mindestens weitere 3500 Vollzeitstellen für ärztliches, technisches oder nicht-technisches Verwaltungspersonal hinzukommen.


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„Von dem Geld der Bundesregierung haben die Gesundheitsämter in der jetzigen Krise jedoch gar nichts“, kritisiert Weeser. Weil die Länder so schnell keine Ausbaupläne vorlegen könnten, würden auch noch keine Leute eingestellt: „Stattdessen sind die Ämter an der absoluten Belastungsgrenze mit dem aktuellen Infektionsgeschehen. Hier zeigt sich, wie sehr der Öffentliche Gesundheitsdienst in Deutschland auf Kante genäht ist. Krisenprävention sieht anders aus.“

Mehr zum Thema: Welche Software sie zur Fallerhebung einsetzen, entscheiden die Gesundheitsämter. Das beeinträchtigt die Datenqualität.

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