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Coronakrise in Schwellenländern Das Leid der Entwicklungs- und Schwellenländer

Die lateinamerikanischen Schwellen- und Entwicklungsländer sind am schwersten betroffen von der Coronakrise. Quelle: dpa

Die Coronakrise trifft die Volkswirtschaften der Entwicklungs- und Schwellenländer überproportional, weil den Regierungen dort meist das Geld für Sozial- und Konjunkturprogramme fehlt. Ohne eine Belebung des Welthandels führt aus diesem Tal kein Weg hinaus, warnt Harvard-Ökonom Jeffrey Frankel. Ein Gastbeitrag.

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Jeffrey Frankel ist Professor für Kapitalbildung und Wachstum an der Universität Harvard.

Die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronapandemie treffen die Staaten dieser Erde mit unterschiedlicher Wucht. Dies gilt selbst innerhalb der Schwellen- und Entwicklungsländer, die verglichen mit hochentwickelten Industriestaaten allesamt mehr Armut, eine schlechtere Kranken- und eine schlechtere Arbeitsplatzversorgung aufweisen. Die lateinamerikanischen Schwellen- und Entwicklungsländer sind am schwersten betroffen, die südostasiatischen am wenigsten. Vietnam und Thailand etwa haben bisher bemerkenswert wenig Fälle gemeldet.

Warum trifft das Coronavirus ausgerechnet Lateinamerika so schwer? Offensichtliche Gründe sind die Ungleichheit in der Region, dicht bevölkerte Großstädte, informelle Wirtschaftssektoren von beträchtlicher Größe, unzureichende Gesundheitssysteme und ein hohes Maß an Binnenmigration. Ein weniger offensichtlicher Faktor ist, dass Lateinamerika über geringere Erfahrungen mit Pandemien verfügt als Ostasien oder Afrika, wo SARS und Ebola die Menschen stärker für die von tödlichen Viren ausgehende Gefahr und die Notwendigkeit von Abstandsregeln sensibilisiert haben.

Das Bild in Subsahara-Afrika ist unklar. Zwar sind die Zahlen der Covid-19-Erkrankungs- und Todesfälle bis dato relativ niedrig, was womöglich teilweise auf die junge Bevölkerung der Region zurückzuführen ist. Doch verschlechtert sich die Situation zum Beispiel in Südafrika rapide. Anscheinend entwickeln sich in den großen Metropolen mit verkehrsreichen internationalen Flughäfen Covid-19-Hotspots – man denke an Mailand, London, New York und jetzt Johannesburg –, und dann kommt es zeitverzögert zu einer Verbreitung in angrenzenden Gebieten.

In Lateinamerika leiden besonders Brasilien und Mexiko: Brasilien verzeichnet mehr Krankheits- und Todesfälle als jedes andere Land außer den USA. Uruguay scheint die Situation am besten zu bewältigen – aber nicht, indem es entsprechend der Logik von US-Präsident Donald Trump weniger testet, um weniger Fälle melden zu können. Das Land weist vielmehr eine niedrigere Rate positiver Testergebnisse auf (eine bedeutsamere Statistik).

Brasilien und Mexiko haben weitgehend aufgrund von Regierungsversagen so große Probleme. Ihre Präsidenten sind der von Trump eingeführten Pandemiestrategie gefolgt: Sie haben zunächst den Ernst der Lage bestritten und anschließend die Empfehlungen von Gesundheitsexperten – etwa zum Tragen von Masken – konterkariert. Dann ist da aber noch Peru. Es ist schwer zu sagen, was die Regierung des Landes bei ihrer Reaktion auf die Pandemie falsch gemacht hat, doch ist die Zahl der Covid-19-Todesfälle pro Kopf höher als in Brasilien und den USA.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie sind in den Schwellen- und Entwicklungsländern gravierender als in reicheren Ländern. Neben den unmittelbaren Auswirkungen von Krankheit und Lockdowns hat die Pandemie die Exporterlöse der Schwellen- und Entwicklungsländer (insbesondere der Ölexporteure), die Einnahmen aus dem Tourismus und die Überweisungen von Expatriates verringert. Im März flohen risikoscheue globale Anleger in Massen aus den Schwellenmärkten. Gestützt durch die Konjunkturmaßnahmen der US Federal Reserve floss zwar später Kapital in einige Länder zurück. Die günstigen Bedingungen an den globalen Finanzmärkten haben dafür gesorgt, dass die vielbeschworene Analogie vom „perfekten Sturm“ nicht recht anwendbar ist. Doch wird die gegenwärtige Risikotoleranz an den Finanzmärkten womöglich nicht von Dauer sein.

Die USA und andere hochentwickelte Länder haben auf nationaler Ebene mit massiven staatlich finanzierten Rettungspaketen auf die pandemiebedingte Rezession reagiert. Den Schwellen- und Entwicklungsländern dagegen fehlen die Haushaltsspielräume, um auch nur für das Gesundheitswesen und zur Unterstützung der schwer getroffenen privaten Haushalte große Ausgabenprogramme zu finanzieren, von umfassenden gesamtwirtschaftlichen Konjunkturmaßnahmen ganz zu schweigen.

Einige Schuldnerländer wie Argentinien, Ecuador und Venezuela hatten schon vor der Pandemie ernste Schuldenprobleme und mussten ihre Schulden umstrukturieren oder Zahlungen einstellen. Andere, darunter Peru, begannen das Jahr 2020 mit relativ starken Schulden- und Devisenpositionen, wurden aber durch die Pandemie und die globale Rezession schwer in Mitleidenschaft gezogen.

In Anerkenntnis dieser akuten finanziellen Zwänge stimmte die G20 im April zu, die bilaterale offizielle Schuldentilgung für die 73 ärmsten Länder bis Ende 2020 auszusetzen. Doch wird dieser Schritt der Lage in vielerlei Weise nicht gerecht. Denn erstens ist eine Aussetzung der Schuldentilgung kein Verzicht. Es gibt wenig Grund zu der Annahme, dass sich die wirtschaftliche Lage bis Ende des Jahres verbessern wird. In einigen Fällen wird eine weitere Umstrukturierung der Schulden erforderlich sein.

Zweitens ist unklar, in welchem Umfang sich China an der Initiative beteiligen wird. Wie Carmen Reinhart, Christoph Trebesch und Sebastian Horn gezeigt haben, ist China nicht bloß der weltgrößte offizielle Gläubiger. Seine ausstehenden Forderungen übersteigen zudem die kombinierten Kreditbücher des Internationalen Währungsfonds, der Weltbank und der 22 anderen Regierungen des Pariser Clubs zusammen.

Drittens gilt das G20-Moratorium nicht für private Gläubiger. Viele Schuldnerländer zögern, das Angebot der Zahlungsaussetzung anzunehmen, weil sie fürchten, dass eine Herabstufung ihrer Bonität sie von den privaten Kapitalmärkten ausschließen würde. Bei früheren Schuldenkrisen hat die internationale Gemeinschaft den privaten Sektor aufgefordert, sich gemeinsam mit dem Internationalen Währungsfonds und den Regierungen der reichen Länder zu beteiligen. Wo eine Umstrukturierung der Schulden notwendig ist, sollten die privaten Gläubiger ihren Anteil leisten.

Viertens schließlich erstreckt sich das G20-Moratorium nicht auf Länder mittleren Einkommens, obwohl auch diese teilweise Hilfe benötigen. Was lässt sich also zusätzlich tun? Die Schwellen- und Entwicklungsländer müssen zu Exporten in die übrige Welt in der Lage sein, um wieder Wachstum zu erzielen und ausreichend Devisen zum Bedienen ihre internationalen Schulden zu verdienen. Doch der Welthandel ist zusammengebrochen, weil auf den schlimmsten Zollkrieg seit den Dreißigerjahren die schlimmste globale Rezession seit den Dreißigern folgte.



Während sich das Coronavirus global weiter ausbreitet, zahlt also nun die ganze Welt den Preis für die fahrlässige und inkompetente politische Führung einiger Länder und den praktischen Zusammenbruch der regelgestützten multilateralen Ordnung. Und am stärksten dürften die Schwellen- und Entwicklungsländer leiden.

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