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Das deutsche Straßendilemma Wir fahren auf einem Haufen Schrott

Die einsturzgefährdete Rheinbrücke bei Leverkusen wurde erst zum Mahnmal der maroden Infrastruktur in Deutschland. Jetzt bildet sie den Auftakt für eine gigantische Investitionswelle im Straßenbau. Und zeigt wieder: was dabei alles schiefgehen kann.

Die Leverkusener Brücke über dem Rhein. Quelle: dpa

Das kleine Chaos gegen das ganz große, so lautet die Ausgangslage des täglichen Kampfes auf dem Kölner Autobahnring. Wenn das kleine Chaos siegt, senkt sich eine weiß-rot gestreifte Schranke auf der Brückenauffahrt zur Rheinbrücke bei Leverkusen: Alle Fahrzeuge auf diesem Stück Autobahn müssen anhalten, innerhalb weniger Augenblicke entwickelt sich daraus eine Dynamik des abrupten Bremsens, Blinkens und so gewagten wie überflüssigen letzten Überholens, das sich über Hunderte Meter nach hinten verlagert. Bald steht alles. Und der Lkw, den die gesenkte Schranke an der Weiterfahrt hindern sollte, verlässt die Autobahn.

Mehr als 10 000 Mal ist der Kampf schon entsprechend ausgegangen in den knapp vier Monaten, seitdem die Schranke die Autobahnbrücke vor Überlastung durch Lkws schützen soll. Ein Sieg ist das aber noch lange nicht. „Wie viele Schwerbelastungen durch einen Lkw die Brücke noch aushält, wissen wir nicht. Jeder einzelne könnte die Brücke weiter schädigen“, sagt Thomas Raithel vom staatlichen Straßenbaubetrieb Straßen.NRW. Heißt: Das große Chaos braucht nur einen einzigen Treffer, und sein Sieg wäre endgültig.

Die Leverkusener Brücke ist nur eine von Hunderten maroden Brücken in Deutschland, und doch ist sie zum Symbol geworden: für die Versäumnisse der deutschen Politik beim Erhalt ihrer Infrastruktur. Denn seit vor gut vier Jahren klar geworden ist, dass die Brücke komplett neu gebaut werden muss, sind die dramatischen Konsequenzen des schludrigen Umgangs der Politik mit Brücken, Straßen und andererlei Verkehrswegen nicht mehr zu leugnen. Der Neubau der Brücke würde mindestens zehn Jahre dauern, das war damals umgehend klar. Und klar war auch, dass über die Brücke eine der wichtigsten Verkehrsachsen des Landes verläuft. Wirklich heikel aber wurden diese Informationen erst durch einen dritten Aspekt: Die zehn Jahre, welche der Neubau dauert, hält die Brücke nicht mehr aus. Deswegen ist sie nun für schwere Fahrzeuge gesperrt. Seitdem aber steht das große Chaos im Raum. Was wäre, wenn die Brücke für alle gesperrt würde? Wenn 100 000 Autos am Tag sich einen neuen Weg suchen müssten? Wenn die großen Fabriken von Ford im Westen und Bayer im Osten von jeweils einer Richtung nicht mehr zu erreichen wären?

Zustand der Brücken an Fernstraßen in Schulnoten

Innerhalb weniger Monate hat die Berliner Verkehrspolitik deswegen ihren Fokus grundlegend geändert. Der Erhalt von Straßen und Brücken ist von der lästigen Routine in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Anstatt über prestigeträchtige Neubauten profilieren sich Minister heute über Milliardenprogramme gegen Schlaglöcher. Im vergangenen Jahr hat der Bund beschlossen, in den nächsten 15 Jahren 270 Milliarden Euro in die Sanierung der wichtigsten deutschen Straßen zu stecken. Das erste große Projekt dieser neuen deutschen Betonwelle wird auch der dringendste Fall sein: die Brücke bei Leverkusen, wo die Bauarbeiten schon in diesem Jahr anfangen sollen. So eignet sie sich erneut als Symbol, diesmal für eine Epoche, die gerade erst anbricht: Kann die viel zu spät begonnene Renovierung der Infrastruktur noch ohne größere Nebenwirkungen gelingen? Schafft man es diesmal, all die Fehler zu vermeiden, die man bei den großen Investitionen der Vergangenheit begangen hat? Und wie muss sich diese Infrastruktur weiterentwickeln, damit sie nicht nur täglich Millionen Autos aushalten kann, sondern auch den heutigen Anforderungen an Mobilität und Lebensqualität in Städten genügt?

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