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Das Klima zwischen China und dem Westen wird rauer Standpunkt: The honeymoon is over

Wenn China erwache, soll Napoleon einst gesagt haben, werde „die Welt beben“. China ist aufgewacht – und die Welt bebt.

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Das Beben wird nahezu täglich heftiger. Die Siegesmeldungen aus dem Reich der Mitte scheinen nicht abreißen zu wollen. Leider sind sie nur allzu oft mit entsprechenden Verlierermeldungen aus dem Westen gekoppelt. Eine derart massive Verschiebung der Produktionsfaktoren von einem Teil der Welt in einen anderen hat es seit dem Aufstieg der USA im 19. Jahrhundert nicht mehr gegeben. Bisher verlief Chinas Rückkehr in die Weltspitze erfreulich friedlich; der Westen beobachtete das Erwachen des Riesen lange Zeit eher ungläubig staunend als besorgt. Doch allmählich wird immer mehr Menschen klar: China kann nicht nur Billigprodukte herstellen, die wir im Westen ohnehin nicht mehr führen; China ist nicht nur ein Ersatz für weit gehend gesättigte Märkte in dieser Hemisphäre – China ist also nicht nur ein patenter Partner, sondern wird mehr und mehr zum unerbittlichen Konkurrenten. Seit auch zunehmend Weiße-Kragen-Jobs nach Fernost abzuwandern drohen, beginnen die bürgerlichen Mittelschichten in den westlichen Industriestaaten das Land mit ganz neuen Augen zu sehen – und mit ihnen die Politiker. Mit wachsender Sorge registrieren sie, wie sich das boomende Riesenreich in aller Welt Rohstoffe sichert und dabei die Preise treibt, wie es seine Kriegsmarine aufrüstet, Marinestützpunkte anlegt, um die Nachschublinien zu sichern, wie es im internationalen Wettbewerb nicht nur seine natürlichen Standortvorteile ausspielt, sondern sich auch eiskalt zusätzliche Vorteile verschafft – indem es etwa den Kurs seiner Währung künstlich niedrig hält, systematischen Diebstahl fremden geistigen Eigentums zulässt und Abmachungen des WTO-Vertrags unterläuft. Das Klima zwischen dem Westen und China wird denn auch zunehmend rauer. Den Anfang machten Amerikaner und Japaner, inzwischen stehen ihnen die Europäer darin aber kaum noch nach. Das Festhalten am Waffenembargo und die Wiedereinführung von Textilquoten waren dabei erst der Anfang. Wenn im Herbst Schwarz-Gelb die Regierung in Berlin übernimmt und in zwei Jahren Nicolas Sarkozy in Paris Präsident wird, dürfte sich in der Europäischen Gemeinschaft der Ton gegenüber China weiter verschärfen. Streitpotenzial gibt es zuhauf: Die Zahl der nichttarifären Handelshemmnisse, mit denen sich Peking unliebsame Konkurrenz vom Leibe hält, und mehr noch die Fälle von Technologie- und Produktklau sind Legion. Zahllose chinesische Unternehmen wären ohne diese moderne Form der Piraterie nicht lebensfähig, das Sozialprodukt des Landes ein beträchtliches Stück kleiner. Experten schätzen ihren Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt auf 10 bis 30 Prozent, den Schaden, den westliche Unternehmen dadurch pro Jahr allein in China erleiden, auf rund 20 Milliarden US-Dollar. Der japanische Motorrad-Hersteller Yamaha etwa geht davon aus, dass fünf von sechs seiner Motorräder auf den Straßen des Riesenreichs Fälschungen sind und das Land inzwischen über 100.000 Nachbauten jährlich exportiert. Bisher ist es China immer wieder gelungen, die USA, Japan und Europa gegeneinander auszuspielen, als Investoren bei der Stange zu halten und so seine auf fremdem Kapital und Knowhow basierende wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben. Vor allem die EU stellte dabei stets ein willkommenes Gegengewicht zu den schon länger unruhig gewordenen Japanern und Amerikanern dar. Dieses Gegengewicht droht Peking nun zu verlieren. Zugleich entwickelt sich Indien für den Westen immer mehr zum willkommenen Gegengewicht zu China. Inzwischen ist auch der Westen aufgewacht. Das Beben, von dem Napoleon sprach, erfasst nun auch seinen Urheber.

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