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Siegeszug der Ökologie

Schon der Begriff Ökologie, den der Biologe Ernst Haeckel 1866 erfand, ist als Ableitung auf den der Ökonomie entstanden. Eigentlich bedeuten beide Begriffe fast dasselbe, nämlich Lehre beziehungsweise Gesetz vom "oikos", vom Haushalt also. Zwischen beidem besteht von Anfang an eine Dialektik: Dem Streben nach Mehrung der Güter und des Wohlstands steht die mit wachsendem Wohlstand immer weniger zu verdrängende Erkenntnis gegenüber, dass dieser Wohlstand auf Kosten der Natur geht. Oder wie es der große Außenseiter unter den Ökonomen, Christoph Binswanger, formuliert: Produktion ist Konsum von Natur.

Teilnehmer des Ostermarsches am 07.04.2012 gegen die Verpressung von Kohlendioxid in im Neutrebbin (Brandenburg) Quelle: dapd

Diese Erkenntnis ist das intellektuelle Fundament der Umweltbewegung. Ab den siebziger Jahren setzte sie zu einem globalen Siegeszug an, erst langsam und nur vereinzelt, dann flächendeckend und mit Macht. Und ein Ende dieses Siegeszuges ist nicht absehbar. Die Ökologie ist heute nach dem Ende der großen Ideologien "als einzige geistige Kraft übrig, die den neuen globalen Horizont inhaltlich füllt und auf die neuen Herausforderungen reagiert", schreibt der Historiker Joachim Radkau. Wir leben heute in der "Ära der Ökologie", deren Herkunft Radkau in seinem gleichnamigen Buch eindrucksvoll nachzeichnet. Sie hat ihre frühen Wurzeln in derselben Zeit und denselben Ländern wie der moderne Kapitalismus. Sie beginnt im späten 18. Jahrhundert mit Rousseau und zu Anfang des 19. Jahrhunderts in der Romantik. Ihre Konjunktur folgt zeitlich versetzt der Wachstumskurve der industriellen Entwicklung. Als die Schlote zu rauchen begannen und Eisenbahnen die Landschaft zerschnitten, erhoben auch oft die Mahner die Stimme, die die bedrohte Natur – vor allem den Wald – besangen, Dichter wie Ernst Moritz Arndt. Aber es waren zunächst sehr leise Stimmen. Es gab für die meisten Menschen dringlichere Sorgen, materielle nicht zuletzt. 

Darum ist es kein Zufall, dass die Ökologie nicht schon im 19. Jahrhundert oder im frühen 20. Jahrhundert zu einer Massenbewegung wurde, sondern erst nach den Jahren des Wiederaufbaus ab etwa 1970. Die Umweltschutzbewegung blühte auf, als der Hunger der Kriegs- und Wiederaufbaujahre gestillt, die Sehnsucht nach Kühlschränken, Fernsehern und dem ersten VW-Käfer vorerst befriedigt war. 

Die Bundestagsfraktionsvorsitzende der Grünen, Renate Künast, kocht am 25.01.2011 in der Bio-Markt Halle auf der Grünen Woche in Berlin panierten Schafskäse an Wirsing Quelle: dpa

Der Siegeszug der ökologischen Bewegung ist eine Folgeerscheinung des Siegeszuges der modernen Industrie- und Wohlstandsgesellschaft. Die Nachfrage nach Umweltschutz wird umso stärker, je verzichtbarer ein weiterer Wohlstandsgewinn erscheint. Wir, denen es nach dem Wunsch unserer von Kriegen und Entbehrungen geplagten Vorfahren einmal besser gehen sollte, dürsten heute wohlstandssatt nach Absolution für die tiefe Schuld, die wir auf uns geladen haben: den Raubbau an der Natur.

Die ökologische Bewegung ist, wie Radkau schreibt, ein Chamäleon, das in mannigfaltiger Gestalt auftritt: Als Lebensphilosophie, als Wissenschaft und Kampfparole von Protestbewegungen, aber auch als Herrschaftslegitimation von Ministerien und Behörden. Der Greenpeace-Aktivist, der gegen "CO2-Endlager" demonstriert, ist genauso Teil der Bewegung wie der Beamte des Umweltministeriums, der der Industrie Grenzwerte vorgibt. Das heißt nicht, dass die tatsächliche Umweltbelastung geringer geworden ist – im Gegenteil. Aber der Schutz der Umwelt als Wert und moralischer Handlungstrieb wird nicht mehr in Frage gestellt. Ökologisches Denken ist längst mächtiger in den Köpfen der meisten Menschen als alle Verheißungen der Liberalisierung und Globalisierung.

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